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Sonntagskolumne 09/12: Ist es wirklich…

…eine parallele Gesellschaft?

Lange Zeit brütet dieses Thema in meinem Kopf vor sich hin und nach vielen langwierigen Diskussionen mit Freunden will ich heute mal eine Abhandlung über soziale Netzwerke, insbesondere Facebook, halten.
Ich will jetzt nicht diese ganzen Berichte und Fakten über Datenmissbrauch und Kontrolle aufgreifen oder Menschen Tipps geben, wie sie ihre Privatsphäre schützen- das Thema ist abgedroschen. Die Geschäftsjahre von Facebook als Unternehmen haben großartige Statistiken und in jedem Medium ist Facebook mittlerweile präsent. Es ist beängstigend wie oft und ausführlich über Ereignisse, Statusposts und Fotos aus Facebook gesprochen wird. Ich frage mich manchmal, was an der ganzen Sache so spannend ist, dass sie permanent in aller Munde ist und bleibt. Es grenzt doch nahezu an Oligophrenie, dass manche ihr komplettes Privatleben öffentlich machen. Facebook ist die Öffentlichkeit. Würdet ihr durch die Straße laufen und fremde Leute, die an euch vorbeigehen, anquatschen und ihnen Dinge sagen, wie:

Ich war heute beim Zahnarzt und es hat höllisch weh getan. Oder:
Mein Freund hat mich verlassen, aber mir geht es halbwegs gut, schließlich habe ich genug Ablenkung. 
(Wer auch immer sich jetzt gedanklich die Frage mit ja beantwortet, brauch nicht weiterzulesen, dann will ich nichts gesagt haben.)

Natürlich macht das (normalerweise) niemand. Warum machen wir das dann vor unseren 300 “Freunden”? Können wir das als Chance ansehen, um nicht depressiv im dunklen Kämmerchen in einer Großstadt zu vereinsamt zu enden?
Wenn das der Fall ist, sind wir denn weniger einsam, wenn wir stundenlang vorm PC sitzen und auf den Bildschirm starren, Fotos von anderen Menschen ansehen, sinnlosen Stuss posten und hier und da ein belangloses Chatgespräch führen?

Ist das sozial?
Facebook hat eine kleine Parallelwelt mit einer Parallelgesellschaft geschaffen. Jeder hat in gewisser Weise dort Chancengleichheit und kann, im Gegensatz zur wirklichen Realität, zum Beispiel durch Fotobearbeitung hübscher sein, oder durch gewählte Posts intelligenter wirken und eine ganz andere Lebenseinstellung leben, als er es vielleicht sonst tun würde.
Beispiel: Ein Anfang zwanziger, der (vielleicht durch Pech) ein Leben am finanziellen Limit führt, vielleicht nie die Wirkliche Schulbildung erleben durfte und dessen Bude kleiner ist, als die Toilette bei McDonalds. Mode und gutes Aussehen interessieren ihn (aufgrund der begrenzten Mittel) eher minder. Für Facebook hat er sich einen Anzug von einem Freund geborgt und sich neben einen BMW, der im Villenviertel der Stadt parkt, gestellt und durch ein paar fotografische Tricks das Bild aufgehübscht. Seine Posts sind alles kluge Zitate aus dem Internet oder gewählte brisante Themen, die ihn nicht wirklich interessieren, aber ihn vielleicht für andere Menschen besser erscheinen lassen.
Wer ist er denn dann noch? Wir bekommen dadurch alle die Möglichkeit ein bisschen schizophren zu sein und ich weiß, dass man das sowohl positiv als auch negativ auslegen kann. Da wir in dieser verpesteten Luft so gut wie nie unter Kohlenmonoxidmangel leiden, kann ich mir nicht erklären, wie es für manche normal sein kann, bei einem persönlichen Treffen mit Freunden (also wirklich real, in einem Kaffee sich gegenüber sitzen, ihr wisst schon) dauerhaft auf seinem Smartphone Facebook abcheckt.
Damit das jetzt nicht so einseitig ist, muss ich natürlich auch die für mich positiven Aspekte aufzählen: Man kann mit Menschen, die nicht gerade nebenan wohnen regelmäßigen Kontakt halten, ohne dieses aufwendige E-mail/ Briefe schreiben (was ich allerdings dennoch nostalgisch romantisch und sehr wichtig finde!) und so auch Bilder mit anderen problemlos teilen und um sich bewusst Internetpräsenz zu sichern (z.B. bei Bloggern). Viele Dinge werden bei Facebook vereint, die einem Zeit sparen ermöglichen: Ich kann mich gleich über anstehende Events in Locations meiner Stadt informieren, ohne auf eine extra Seite zu gehen, in diversen Foren stöbern, Unigruppen für bestimmte Zwecke nutzen und mich dort austauschen (und das auch ohne Freundschaftsanfrage) und natürlich den natürlichen Spanner in mir ein bisschen erfreuen.
Published inSchreibenSonntagskolumne

Ein Kommentar

  1. sehr schön geschrieben und du hast absoulut recht damit! ich denke ein weiterer grund für die nutzung dieses selbstdarstellerforums ist einfach die tatsache, dass man nichts verpassen möchte! man will nicht von der ‘community’, geschweige denn von den täglich neu aufkommenden nachrichten, ausgeschlosen sein.

    studierst du journalismus, oder machst du etwas in dem bereich? :)

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