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Sonntagskolumne 03/13: Kann man nicht einfach mal…

…schweigen?

Ruhe, Stille. Im Bett liegen. Musik bewusst ausgeschaltet lassen. Klingt langweilig?
Warum fällt es uns oft so schwer, einfach nichts zu tun? Ich will nicht behaupten, dass man nie nichts tut. Aber wenn man sich bewusst dazu entscheidet, gar nichts zu tun, unseren Körper einfach existieren zu lassen und nur rumzugammeln haben wir oft eine Art schlechtes Gewissen. Das piekst uns dann ständig in die Seite und flüstert dabei: „Du bist faul, du musst etwas machen.“
Aber wieso?

Wenn wir zum Beispiel einen Serienmarathon im Bett machen piekst das schlechte Gewissen nicht so. Schließlich tun wir etwas. Irgendwas. Aber produktiv sind die wenigsten Sachen die wir tun. Schlimmer noch, bei Dingen wie fernsehen oder Serien schauen schalten wir doch unser Hirn größtenteils ab und lassen uns berieseln. Wieso wird man schräg angeschaut, ja fast vorwurfsvoll, wenn man auf die Frage, was man heute getan hat „Ach, ich habe im Bett gelegen und über das Leben nachgedacht“ antwortet? Anscheinend ist es für viele wirklich ein Problem, sich bewusst für das Nichts-tun zu entscheiden, auch in anderen Situationen.

Kleines gedankliches Szenario: Man sitzt mit einer/m Freund/in in einem Cáfe und muss kurz auf Toilette. Wie oft zückt der andere dann sein Smartphone und tippt darauf herum, oder stöbert in der Getränkekarte oder zückt ein Buch aus der Tasche und liest ein bisschen. Es wirkt wie eine Rechtfertigung gegenüber der Umgebung. Man wurde nicht sitzen gelassen und man ist immer beschäftigt. Ohne die Begleitung geht das Leben auch weiter und man ist nur zwischendurch so großzügig, dem anderen seine Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn der Gegenüber dann kurz weg ist, wartet man nicht auf ihn, man sinniert nicht über das Besprochene nach, sondern widmet sich anderen Dingen.
Ich glaube, dass uns dieser permanente Beschäftigungszwang vom Durchatmen, vom zur-Ruhe-kommen abhält. Ständig rotieren wir wie Planeten durch das alltägliche Leben, kreuzen die Umlaufbahnen anderer und drehen uns um uns selbst. Wir kreisen, reisen, schwirren und wir bewegen uns permanent. Doch wenn wir uns nicht bewusst zum Nichts-tun entscheiden können, können wir die Beschäftigung auch gar nicht genießen. Schließlich können wir uns gar kein Bild mehr vom Entspannen und Nachdenken und kompletten Negieren der Tätigkeiten machen, weil uns das fast schon fremd geworden ist. Oder hassen wir einfach uns selbst zu sehr? Haben wir Angst davor, uns mit unserem Inneren auseinander zu setzen, fürchten wir ein gedankliches Kreuzverhör? Oder wollen wir einfach nicht Seiten an uns entdecken, die bei Aktivitäten verborgen bleiben, die nur im stillen Kämmerlein hervorbrechen?
Published inSchreibenSonntagskolumne

3 Comments

  1. Interessanter Text. Früher, also bis vor einem Jahr, musste ich immer irgendetwas tun und manchmal sogar mehrere Dinge gleichzeitig. Ich konnte einfach diese Stille nicht ertragen, diese quälenden Gedanken. Heute ist das ein bisschen anders, ich kann auch mal den Fernseher auslassen, da sitzen und einfach Tee trinken. Nachdenken, ohne, dass es immer negative Gedanken sind.
    Und, dass man bei Verabredungen oft das Handy in der Hand hat oder die Speisekarte wenn der andere gerade mal kurz weg ist, trifft auf mich auch definitiv zu. Aber vielleicht kommt das tatsächlich vom Gefühl her „andere sollen ja nicht denken, ich sitze allein in einem Café“. Man achtet einfach viel zu sehr darauf, was andere wohl denken, anstatt sich mit der aktuellen Situation zu befassen.
    Sehr schöner Text.. :)

    Liebste Grüße,
    Juli

  2. Das ist wieder eine dieser unmöglichen Alltagssituationen, die uns allesamt gleichwegs beschäftigen -über die man aber doch nie spricht.
    Du hast generell ein Talent, die Dinge zu benennen, die gern aus Angst vor Blöße und Schwächegefühl, oder einfach nur Ignoranz meist verschwiegen werden (bleiben).

    <3

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