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Sonntagskolumne 04/13: Kann man nicht einfach mal…

…vorwärts gehen?

In letzter Zeit fällt mir eine Sache auf, die wohl mittlerweile zum Trend wird. Ob es jetzt um ein politisches Amt geht (Schavan, Horst Köhler, Christian Wulff uvm.), um eine sportliche Karriere (Robbie Rogers-US Nationalspieler oder diverse Fußballtrainer) oder eine religiöse Macht (Na, lieber Benedikt-Ratzi-Ex-Papst) geht: Irgendwie wird neuerdings immer mehr von der Notbremse „Rücktritt“ Gebrauch gemacht.
Doch woran liegt das?

Irgendwie ist es doch ein Zugeständnis des eigenen Versagens, eine Art Entgegenkommen um bei der Allgemeinheit nicht in Ungnade zu fallen. „Hey- ihr habt Recht, ich hab was falsch gemacht, aber hey- ich bin wie ihr, ich danke einfach ab, und dann haben wir uns wieder lieb!“ Oder als Entschuldigung für zukünftiges Versagen, so wie Benedikt sich „dem Amt nicht mehr gewachsen“ fühlte. So oder so läuft es in meinen Augen auf einen Wunsch -den anderen gefallen und Verständnis von anderen bekommen- heraus. Offenbar sind die großen Zeiten des Kämpfens vorbei. Lieber geht man einen Schritt zurück und wirft das Handtuch. In den Wäschekorb, in dem schon die anderen dreckigen Handtücher vergangener Fehlschläge von einer Waschmaschine träumen. Irgendwie will man niemanden mehr enttäuschen oder selbst enttäuscht werden. Das dicke Fell wächst scheinbar nicht mehr so leicht. Statt für seine Überzeugungen zu kämpfen und zu seinen Ansichten zu stehen, verkriechen wir uns klamm heimlich. Scheitern ist der Neuanfang. Doch ist das nicht irgendwie dramatisch?

Ich meine, man kann Fehler nicht einfach ausradieren. Egal wie weit sie zurücklegen, irgendwie beeinflussen sie uns unser Leben lang, wenn auch nur insoweit, dass wir sie nicht noch einmal machen. Sie bleiben irgendwie immer in unserem Hinterkopf. In der Öffentlichkeit werden sie vielleicht nur schneller vergessen, wenn der Mensch zurück in den Untergrund geht- weil dann der Mensch vergessen wird. Weil halt alles schnelllebig ist. Aber wollen wir nicht alle in den Köpfen der Anderen bleiben? Und das vielleicht nicht nur als der zurückgetretene XY? Es ist doch irgendwie cool, sich seine Schwächen und Fehler einzugestehen und dann wieder aufzustehen. Zu sagen: „Hey, thats life, aber ich mach das Beste draus. Ich habe dazugelernt und will euch beweisen, dass es so ist.“

Inwieweit haben wir auf diese Rücktreter Einfluss? Es könnte an den blutgierigen Medien liegen, die alles und jeden gerne zerfleischen und denen kein noch so abgehärteter Mensch gewachsen ist. Es könnte auch an unserer Unzufriedenheit liegen, vielleicht sind wir alle sehr undankbar und geben Leuten, die Fehler machen, ungern eine zweite Chance. Dann sind dieses Rücktreter nur Opfer unserer Gesellschaft. Oder sie passen sich an uns an. Weil wir uns vielleicht auch oft scheuen, unsere Träume und Idealvorstellungen auszuleben und uns stattdessen lieber anpassen, lieber mal rückwärts gehen. Weil wir lieber mal etwas anderes sagen, als wir denken. Aber jede Variante müdet in einen Teufelskreis, der vermutlich schwer zu durchbrechen ist. Es müsste einfach mal einen geben, der so perfekt unperfekt ist und dazu steht. So wie Berlusconi. Der hat Dreck am Stecken und alles redet hin und wieder über ihn. Und er ist bestimmt auch ein ziemliches Arschloch. Aber er hat genug Rückrad, um seinen Kurs irgendwie weiterzumachen. Das ist doch irgendwie spannend oder?

Published inSchreibenSonntagskolumne

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