Zum Inhalt

KATEGORIEN

Ruinen und Mysterien

Vor einiger Weile war ich mit einem Freund in den Ruinen eines alten Schlachthofes. Das Gelände  war riesengroß. Überall stand Schrott herum. Während draußen die Sonne erbarmungslos herab brannte, war die Luft in den riesigen morschen Gebäuden kühl und roch modrig. Ich kam nicht umhin, ein paar Bilder zu schießen und die Eindrücke in mir aufzunehmen. Thematisch passt da vielleicht die Kurzgeschichte zu, die ich vor längerer Zeit mal geschrieben hab:

Das Mysterium von Gegenüber

Würdest du doch mal aus deinem Fenster sehen. Nicht nur nebenbei aus deinen Augenwinkeln feststellen, dass es hinter deinem Fensterglas eine Welt gibt, sondern dich wenigstens einen Moment lang bewusst davor stellen, um rauszusehen. Dann könntest du endlich das Mysterium von Gegenüber entdecken. Nur wenige Meter von deinem Fenster entfernt steht eine alte, scheinbar verlassene Villa. Die grau-braune Fassade bröckelt schon ab und die Ornamente an den oberen Rändern hatten auch schon schönere Zeiten erlebt. Viele Fenster sind im Laufe der Jahre zu Bruch gegangen. Hinter Einigen erahnt man, zwischen dunklen Schatten, zurückgelassene Möbelstücke, die darauf warten, von einem Mutigen wie ein Schatz geborgen zu werden.
 
 
„Nun gut“, entgegnest du „Dann steht gegenüber halt ein altes Haus. Na und? Wo ist da denn das Mysterium?“ Und wieder merke ich, dass du nichts verstehst. Da steht kein Haus, es ist eine Villa. In der früher vielleicht Edelleute gewohnt haben. Vielleicht stand einmal an dem Fenster, das Deinem am nächsten ist, eine Prinzessin. Vielleicht stand sie dort an dem Fenster tagelang und ließ ihren tränentrüben Blick über die Welt schweifen. Sie dachte vielleicht an einen Prinzen und wartete auf ihn. Doch der Prinz kam vielleicht nie. Vielleicht, weil er nie existent war, oder vielleicht, weil er auf dem Weg zu ihr, kurz bevor er ihr seine Liebe gestehen wollte, in eine düstere Ecke gezerrt und hinterhältig gemeuchelt worden war! „So alt ist die Villa nun wirklich nicht, als dass da Prinzessinnen gewohnt haben könnten“, antwortest du.
 
 
Doch jetzt habe ich dein Interesse geweckt und ich erwische dich. In Momenten, wo du dich allein und unbeobachtet glaubst, siehst du jetzt hin und wieder die Villa an. Du siehst, wie traurig und trostlos sie dort vor deinem Fenster verweilt und liest Geschichten vergangener Jahrhunderte. Dich deprimiert ihre verfallene Monotonie und so wird es dir nach kurzer Zeit unangenehm, sie anzustarren. Weil dich schon der tagtäglich graue Winterhimmel nervt. Weil du dann nicht noch das graue Lied vor deinem Fenster hören willst. Weil doch das Leben sich an anderen Orten abspielt. Weil vor deinem Fenster nur das Ende sitzt. Weil du dir diese Gründe so sorgfältig einredest, vergisst du meine Worte kurzzeitig wieder. Bis zu dem einen Abend, an dem deine eigenen Gedanken wieder meine Phrase reproduzieren. Das Mysterium von Gegenüber. Und ZACK!- hab ich dich!
 
 
Der Bann ist wieder da und du willst wissen, wie dir die Villa bei Nacht schmeckt. Mit einer kindlichen Aufregung trittst du an dein Fenster und – halt- warte mal. Wirklich? … Mit kindlicher Aufregung trittst du an dein Fenster. Du siehst hindurch und… und da ist etwas. Das ist Licht! In zwei Fenstern erleuchten zwei Lichterketten in wechselnd bunten Farben die Umgebung. Du stutzt und traust deinen Augen nicht. Unablässig leuchten die kitschigen Ketten weiter- es war keine Einbildung. Deine Sinne hatten dir keinen Streich gespielt. Die Ketten erhellen die zwei Fenster unter dem Dach, während du dir Fragen stellst, auf die du keine Antwort weißt.
 
Der nächste Tag beginnt für dich mit starken Nackenschmerzen. Dein Kopf hatte sich über Nacht auf dem Fensterbrett ausgeruht und erhebt sich nur mühevoll. Während du deine steifen Glieder von dir streckst, entdeckst du hinter einigen Fenstern der Villa Topfpflanzen. Da muss doch jemand wohnen! Jetzt erst fällt dir auf, dass die Lichterketten von gestern Abend immer noch leuchten. Du hast nur nie genau hingesehen- das graue Licht des Tages blendet nun mal ganz schön. Natürlich würdest du es mir gegenüber nie zugeben- deinen beginnenden Fanatismus- und so tust du es als banal und belangenlos ab. So zuckst du mit den Schultern, wenn ich dich darauf anspreche und schüttelst hin und wieder den Kopf, als verstündest du mich nicht. Doch dir fehlt das Energische dabei und außerdem, mal so ganz nebenbei, weißt du, deine Augen glänzen bei dem Thema. Das Mysterium von Gegenüber hat dich gepackt und lässt dich seit dem nicht mehr los. Aber okay, ich will dir nicht die Blöße geben. Stattdessen lehne ich mich entspannt im Sessel zurück und betrachte erwartungsvoll das Schauspiel, das du mir bietest.
 
 
Tagein tagaus wird es für dich jetzt zum Ritual minuten- manchmal auch stundenlang aus dem Fenster zu blicken. Du willst das Mysterium endlich durchblicken und alles erfahren. Die böse Ahnung, dass das nicht möglich ist, gerade weil es ein Mysterium ist, macht dich krank. Es werden dir immer nur kleine Häppchen hingeworfen, an die du dich verzweifelt klammerst. Wie an dem einen Tag, der für dich endlich einen kleinen Beweis bereit hielt. Du saßt wieder vor deinem Fenster und gerade, als du wegschauen wolltest, konntest du einen alten Mann entdecken. Er bewegte sich hinter einem der Fenster halb im Schatten und goss die Pflanzen, die du erst so spät gesehen hattest. Doch dieser Beweis gab dir keine Befriedigung, denn was wusstest du schon?
 
 
Nun quälen dich nur noch mehr Fragen und in deinen Träumen verfolgen dich Villa und Mann unablässig. Du siehst ihn nur selten, manchmal nur halb, manchmal nur einen Arm. Einmal suchte er etwas in einem verstaubten Schreibtisch, der in Fensternähe, zwei Stockwerke unter den Lichterketten stand. Doch du konntest nicht sehen, was und auch nicht, ob er das Gesuchte überhaupt fand. Ob er überhaupt gesucht hatte?
 
 
In einem Moment tiefster Verzweiflung beschließt du die Villa zu betreten, wenn es sein muss auch einzubrechen. Du glaubst, dann endlich alles zu wissen und vielleicht den alten Mann kennenzulernen. Also willst du dein Vorhaben eines Abends in die Tat umsetzen und schleichst in Richtung Villa. Voreilig drückst du den eisernen Griff der massiven Eichenholztür herunter und ziehst. Erst als sich durch deine Tat nichts bewegt, starrst du wie ein Mondkalb auf die Türgriffe und entdeckst das riesige Vorhängeschloss. Keine Chance. Dein von Wut, Enttäuschung und tiefster Verzweiflung getränkter Schrei hallt durch die Nacht und kurz darauf erschrickst du, als du hinter dir ein Geräusch hörst.
 
 
Du drehst dich um und siehst, wie ich da stehe und dich anlächle. „Was hast du mit mir gemacht?“, rufst du. Nach meinem Geschmack etwas zu laut. „Sieh, was aus mir geworden ist!“ Eigentlich will ich dir nicht antworten, meine Genugtuung konnte ich noch nicht lang genug auskosten. Doch will ich dir gegenüber fair bleiben. Deshalb flüstere ich, nach deinem Geschmack etwas zu leise: „Nichts. Nur einen Gedanken eingepflanzt. Dich mit einem infiziert.“
An deinem Blick sehe ich, dass die Antwort unbefriedigend ist und- ich bin ja fair- also fahre ich fort: „Du hättest den Schlüssel schon lange besitzen können. Jetzt kennst du ja das Leuchten dort ganz oben. Aber damals war Blumengießen nichts für dich und du warst auch nicht an anderen Menschen interessiert, deshalb ist dir ein Anderer zuvorgekommen. Du kapierst die Dinge einfach immer viel zu spät.“ „Wovon reden wir eigentlich?“, fragst du daraufhin. „Na von meinem Herzen, du Dummkopf. Wovon denn sonst?“
Published inKnipsenSchreiben

2 Comments

  1. Oh ich liebe die Metaphern, so ein wunderschöner Text! Wirklich toll geschrieben :)

  2. Isa Isa

    Schöner text passt zu den bildern :)

Kommentar schreiben:

Close
%d Bloggern gefällt das: