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Sonntagskolumne 12/13: Kann man nicht einfach mal…

..Prioritäten setzen?

Das Hochwasser fordert seinen Tribut. 3 Menschen starben, viele Menschen können nicht im Park grillen, Bauern fahren Missernten ein, einige Unternehmer haben Wasserschäden und bei privaten Haushalten stehen Keller voll, sodass sie ganz viel Sperrmüll entsorgen müssen.
Und was geht in Halle ab? Hunderte Helfer schippten Tag und Nacht Sand, um die Deiche zu retten.
Ich persönlich finde es ja wirklich schön, dass alle so engagiert mit anpacken und so das Gemeinschaftsgefühl gestärkt wird. Trotz allem finde ich, dass die Medien aus dieser Hochwasserkatastrophe auch eine Art Social Happening machen. Hinzu kommt, dass mich diese ganze Selbstbeweihräucherung wahnsinnig macht. Überall bei facebook schwärmen die Leute davon, wie toll sie doch beim Sandsäcke schippen geholfen hätten.
Zu allem Übel wurde ich dann vergangene Woche von einer mir fast unbekannten Person mehr oder weniger dazu genötigt, mich für meine Ansicht zum Hochwasser zu entschuldigen, weil ihre Freundin mit inszenierten Tränen in den Augen sich von mir ganz persönlich und schlimm angegriffen gefühlt hatte. In ihrem Keller ist wohl jetzt Wasser, ihr Laptop könnte kaputt sein und sie ist jetzt obdachlos, weil sie ihre Wohnung nicht mehr ohne nasse Füße zu bekommen betreten/ verlassen kann.
Wie kann ich nur so leichtfertig über das Hochwasser reden? 
Mach ich gar nicht.
Aber jetzt mal ehrlich- so toll diese Hilfe ist, ist es nicht wirklich traurig, wie sehr wir selektieren? Wie sehr wir unsere Prioritäten aus Bequemlichkeit setzen? Weil gerade mal was vor der Haustür los ist, wo man sein schlechtes Gewissen besänftigen kann, packt man mit an. Aber während Unternehmern die Keller voll laufen und der Laptop eines Mädchens den Geist aufgibt- in einem Sozialstaat, in dem niemand verhungern muss, sind noch immer zahlreiche Kriege auf der Welt, sterben noch immer sekundlich Menschen am Hunger und an Krankheiten, die in unseren Breitenkreisen schon vor Jahrzehnten ausgerottet wurden. Peter Singer hatte es mal ähnlich hervorgebracht: “Wenn vor dir in einem See ein Kind ertrinken würde, würdest du sicherlich hinrennen, deine Klamotten durchnässen lassen und es retten. Auch wenn vielleicht deine 300€ teuren neuen Schuhe kaputt gehen. Und zu dem verhungernden Kind in Afrika und dem ertrinkenden Kind vor dir gibt es keinen Unterschied. Bis auf, dass du nicht nass wirst.
So. Und auf unsere aktuelle Katastrophe wieder zu kommen- glücklicherweise sind die Meisten gesund und körperlich unbeschadet davon gekommen.
Ich finde, wir sollten solche Sachen nicht überdramatisieren und nicht vergessen, wie viel schlimmer es sein könnte.
Published inSchreibenSonntagskolumne

3 Comments

  1. Wirklich toll geschrieben. Naja die Leute denken ja auch nie daran vorher das Ganze eigentlich kommt, das wir jetzt in den Sommermonaten Hochwasser haben kommt ja nicht von ungefähr. Aber die Klimaerwärmung und was alles damit zusammen hängt sind ja nur Hirngespinste.

    Liebe Grüße,
    Nina

  2. Wunderbar und gut nachzuvollziehen. Ich glaube, die Mädchen die sich aufgeregt haben, hätten es auch nachziehen sollen, aber wahrscheinlich waren sie zu sehr in der Emotionalschiene gewesen.

    Es gibt auch einen Gedanken den ich in letzter Zeit habe, aber mich auch nicht traue es auszusagen: nämlich wie kann es sein, dass bei sowas alle mitanpacken? Als es noch nicht passierte scherte es die meisten einen (sorry) Dreck wer sein Nachbar ist oder wie es ihm geht. Packt man erst mit und “hilft” und “denkt” über Verantwortung nach wenn es einen selber trifft?

    Eigentlich denke ich wenn der Alltag langsam und schleichend zurückkehrt und alles seinen Lauf wieder einnimmt, wird dieser “Zusammenhalt” wie ein leiser Schatten wieder verschwinden. Nach dem Motto: Was ich nicht weiß, mach mich nicht heiß.

    Wegen dem Überdramatisieren in den Medien habe ich vor einigen Jahren was gelesen, was mich auch nachdenklich gemacht hat. Es soll eine Tendenz geben, dass die Leute gerne “Emotionales” sehen, das heißt es ist egal ob Skandal, Katastrophen mit am besten vielen verheuten Menschen und gestörten Seelen oder eine ausgeflippte Dame in einer Talkshow. Deshalb wird alles heute zerrissen bis es gar nicht mehr geht. Je mehr Drama desto besser. Leider.

  3. Anonymous Anonymous

    Genau! Steckt euch das lächerliche Gewissen sonst wo hin! Wenn ihr schon nicht Brunnen in Somalia bohrt, dann helft gefälligst auch nicht in Halle!
    Meine Meinung!

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