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Medizinertraum

Anfang September hatte ich einen Auftritt auf einem Existenzgründerseminar für Frauen in der Gesundheitsbranche. Ich wurde gebeten, einen passenden Text zu verfassen und damit die Veranstaltung zu eröffnen. Ich fuhr hin, trat auf, fuhr zurück und bekam positive Rückmeldungen. Und dachte mir: “Na, gut gelaufen.” Und dann lese ich heute, nichtsahnend, das hier:
“Josephine eröffnete die Veranstaltung mit einem poetischen Text, den sie extra für die Veranstaltung geschrieben hat. Unter ihrem Künstlernamen Josephine von Blueten Staub tritt sie auf verschiedenen Poetry Slam Veranstaltungen auf. Lesen Sie hier Ihren Text:” 
Die Veranstalterin hatte mich vorab per Mail um den Text gebeten, aber mit einer Veröffentlichung hatte ich nicht gerechnet.
 

Medizinertraum

 
Man sagt, dass beim letzten Herzschlag das Leben noch einmal vor dem inneren Auge abläuft.
 
Düt…düt…düüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüt.
 
Es ist, als würde man einschlafen und im Schnelldurchlauf von seinem Leben träumen…
Geburt, Kindheit, Schulzeit, Abiball, der erste Freund, der Entschluss zum Medizinstudium, Uni:
 
Ich bin Josephine, gerade 24 geworden,  ich stehe kurz vor dem Ende meines Medizinstudiums. Bevor ich mit dem Studium begann, wurde ich gewarnt: Wenn ich Ärztin werden will, muss ich mich entscheiden: Entweder läuft das Privatleben gut, oder der Job. Familie- oder Patienten. Eine gute Ärztin ist eine schlechte Mutter und umgekehrt. Ich habe dem keinen Glauben geschenkt. Ich werde beides hinbekommen. Beruf und Familie. Eines Tages will ich eine Praxis als Gefäßchirurgin eröffnen und in einem spießigen Einfamilienhaus wohnen.
Momentan hasse ich das Medizinstudium. Nicht das Lernen, nicht die sozial inkompetenten Kommilitonen, nicht die altersschwachen Dozenten, nicht, dass mir alle zwei Jahre etwas Neues erzählt wird, weil die Forschung neue Erkenntnisse erlangt hat. Nein. Es ist das Krankenhaus. Ich hasse die Gefäßchirurgie. Die Schwestern sind rassistisch. Bevor ich mich vorstellen konnte, haben sie mich schon gehasst, weil weil ich… „von der anderen Seite“ komme. In ihren Augen gehöre ich zum Team „Ärzte und arrogante Arschlöcher“- sie gehören zum Team „bodenständiges oder besser: bodenstämmiges Pflegepersonal“. Aber das stimmt nicht, denn mein Team sieht mich nicht als zukünftige Kollegin, sondern allenfalls als potentiell 4-fache Mutter und Hausfrau.
Den Chefarzt sehe ich nur in der wöchentlichen Chefvisite, wenn er wie ein Kaninchen von einem Zimmer zum nächsten huscht und zwischendurch alle Untergebenen anpöbelt; der kahlköpfige Oberarzt hält mich für unsichtbar und spricht nicht mit mir, und der Stationsarzt, ein Mann Ende 40, fragt mich nicht nach meinem Wissen ab, sondern merkt ständig an: „ob man das Püppchen mal auf einen Kaffee einladen darf?“ und zwinkert mir dann mit seinem Verführerblick zu.  Die Assistenzärzte reden permanent von der Bundesliga, ihren Autos, Fußball, ihrer Männlichkeit und der Champions League. Und die PJ’ler predigen den Patienten gesundes Leben, sind aber selbst Kettenraucher und Hobbytrinker. Ich fühle mich wie in eine Tierdokumentation über die Savanne versetzt. Ich sitze in einem Jeep und filme, wie die Weißkittel- Löwen die Antilopen-Schwestern verscheuchen, während Fußball-gescheckte Zebrahengste neben qualmenden Wasserbüffeln grasen. Wie soll man da denn noch zum heilen kranker Menschen kommen? Wo passt da denn noch ein Operationssaal hin?
Ich bin die 28-Jährige Josephine. Ich bin keine Hausfrau, sondern „nur“ 1-fache Mutter und obendrauf Assistenzärztin in der Gefäßchirurgie. Noch immer gehöre ich nicht zum Team der Station, doch ich arbeite dran. In meinem verkürzten Mutterjahr beschäftigte ich mich eingehend mit 24h-Kleinkind-Betreuung, besuchte Weiterbildungen, lernte Automarken auswendig und schaute die Bundesliga. Damit ich in jeder Angelegenheit mitreden kann. Damit auch mein Privatleben gut läuft habe ich mich auch umfassend um meine Tochter gekümmert. Obwohl der Vater nicht bei uns geblieben ist, kann sie trotzdem schon im Kleinkindalter alle Bundesliga-Ergebnisse auswendig und verfügt über mehr Medizinisches Wissen als ich in meinem ersten Studienjahr.
 
Ich bin die 34-Jährige Josephine und vor meinem Namen steht ein Doktor. Mein Kind nennt die Betreuerin scherzhaft „Mami“. Ich bin Stationsärztin, seit dem der Chef in Rente gegangen ist und aufgrund des Arztmangels aufgerückt wurde. Ich hasse das Krankenhaus. Nicht die verbitterten Schwestern, nicht die permanente 10-Teilung zwischen Patient, Op, Papierkram, Visite und Notfällen, nicht die Kollegen mit ihrem Machogehabe und auch nicht den neuen Chefarzt, nein. Ich hasse alles zusammen und frage mich langsam, ob es eine falsche Vermutung war, Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Weil Mütter aufgrund ihrer Kinder öfter ausfallen, wird mein männlicher, unerfahrener Kollege statt meiner in die Position des Chefarztes gehoben. Weil ich eine Frau bin, ist es okay, von den Assistenzärzten belächelt und verspottet zu werden. Weil ich eine Ärztin bin, habe ich kaum Freizeit und dementsprechend wenig Freunde und lerne ich auch keinen neuen Vater für meine Tochter kennen.
 
Ich bin die 44-Jährige Josephine, mein Kind studiert weit weg und vor mir steht eine Praxis, die meinen Doktortitel und meinen Namen trägt. Ich wohne nicht mehr in einer Stadt, ich wohne auf einem Dorf. Ein selbstgebautes Haus bleibt nur eine Träumerei, weil ich schwer mit einem Praxiskredit belastet bin und meine Tochter wenigstens finanziell unterstützen will. Vom Land gab es zwar Förderprojekte für Ärzte auf Dörfern, aber viel geholfen haben die nicht. Immer war im zuständigen Amt eine lange, lange Schlange vor dem Schalter „Praxisunterstützung“. In dieser Schlange standen fast ausschließlich österreichische Ärzte und bevor ich endlich an der Reihe war, musste ich wieder zurück zur Arbeit.
 
Ich bin die 54-Jährige Josephine und ich werfe Zahlen hin und her. In Steuer und Abrechnungsdingen war ich noch nie gut. Ich arbeite und arbeite, um über Wasser zu bleiben. Meine Praxis schreibt rote Zahlen, sodass ich zusätzlich als Aushilfsärztin im 40km entfernten Krankenhaus Nächte durch operiere. Meine Tochter liebt mich, kommt aber nur selten vorbei. Einen Vater für sie fand ich nie. Ich habe seit 3 Tagen nicht geschlafen und gehe gerade nach meiner Nachschicht den Opflur entlang in Richtung Umkleide. Dieses Aortenaneuyrisma war einfach die Hölle, denke ich noch, da wird es schwarz.
Ich höre später aus weiter Ferne, wie jemand sagt: „Einfach umgefallen.“ Und eine Frau antwortet: „Bestimmt burn out.“. Alles verschwimmt, Worte wie „Schlaganfall“ „Arbeitssucht“ „Stress.“ „Praxis“ rasen durch meinen Kopf. Hab ich Privatleben und Beruf unter einen Hut bekommen? Nein, Ich hab keinem den Vorrang gegeben und beides nicht geschafft. Und dann … ist es auf einmal wie loslassen.
 
Düt……düt…….düüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüt.
Mein Wecker klingelt. Meine Augen sind  verklebt und ich fühle mich wie gerädert. Ich schlürfe ins Bad, schaue in den Spiegel und denke mir: „Was für ein Albtraum. Ein Glück stehe ich noch ganz am Anfang des Studiums. Noch kann ich alles beeinflussen und ändern, damit es nie so weit kommt.“
 
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Ein Kommentar

  1. Das freut mich sooo für dich! Ist ein sehr interessanter Text :)

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