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Sonntagskolumne No. 61: Kann man nicht einfach mal…

…Neues beginnen, damit Altes leichter fällt?

Die Uhr tickt erbarmungslos weiter. Weiter, weiter und immer weiter. Mein Bauch gluckert von den zwei Tassen Aufwach-Kaffee. Mir ist ein bisschen übel, vielleicht von zu viel Koffein. Der restliche Kaffee in meinem Glücksbecher ist schon lange kalt geworden. Der verspannte Rücken knackst, als ich vom Schreibtisch aufstehe. Seit Stunden saß ich einfach nur vor einem weiß blinkenden Bildschirm und starrte vor mich hin.

Ist das eine Schreibblockade?

Vor über einem Jahr habe ich bereits über eine vermeintliche Schreibblockade geschrieben. Heute glaube ich, es besser zu wissen. Ich glaube nicht mehr an Monster, abgesehen von denen in meiner Küche gibt es keine in meinem Leben. Ich glaube auch nicht mehr an eine angebliche Schreibblockade.
Hinter dem Fenster, außerhalb meiner warmen gemütlichen vier Wände, gucken graue Wolken trüb vom Himmel auf mich herab. Auch die goldenen Blätter der Pappel von gegenüber können den Tag nicht erhellen.
Es ist alles eine Frage des Anspruchs. Ich will schreiben, aber nicht irgendwie. Es muss gut sein. Besser, als sonst. Mehr. Immer mehr. Lustiger, aufregender, krasser. Anders als sonst. Das ist der Punkt.
Im Kopf spuken Ideen wie Geister herum, sie heulen und sorgen für eine Gänsehaut. Doch meine Finger, gelähmt vor Angst, tippen die Ideen nur als durchsichtige Hüllen ab. Etwas neues muss her. Veränderung. Irgendwas muss anders gemacht werden.
Oder, wie Jule Weber so schön formuliert:
Wir sagen nicht, was wir denken und wir meinen nicht, was wir sagen. Wir sagen, was wir meinen, dass wir sagen sollen und denken, dass wir das eigentlich nicht tun wollen. Und wir tun nicht, was wir sagen und wir denken das ist falsch und wir meinen zu verstehen, das wir das mal ändern sollten. Weil wir eigentlich ja das, was wir meinen sagen wollten.”
Ich gehe weg vom Fenster, setze mich wieder an den Schreibtisch und schließe den angefangenen Slam-Text…
Neulich hat mir ein Freund von einer interessanten Methode des Gedichte- Schreibens erzählt. Zeitungsartikel lesen und die Wörter, die man nicht braucht, schwärzen. Kein einziges Wort selbst verfassen, sondern aus dem vorhandenen etwas neues zaubern. Das hatte mich neugierig gemacht und so kramte ich, während einer besonders langweiligen Vorlesung, das SZ-Magazin hervor.
Das entstandene Gedicht heißt (genau wie der Ursprungsartikel) :

 

Liebe Rabenmutter

In Rollen gezwängt, herauskönnen.
Fürs Leben: einzige Kindheitserinnerung.
Sie vagabundierte Jahre,
immer wieder fort, 
fühlte manisch depressiv 
Abenteuer und
lief in abgerissenen Kleidern herum.
 
Sie wurde fertiggemacht,
von Ratten.
Verkaufte Tochter.
Geld, genug Geld.
Alt träumt sie nachts
mit Flächen aus Stein
in New York.”
 
Irgendwann kommt immer ein Einfall, wie weitergemacht werden kann. Immer geht es voran, irgendwie. Ob mit kuriosen Gedichten, von denen man nicht ein einziges Wort selbst geschrieben hat, oder mit weiteren Seiten für den Roman.
Published inSchreibenSonntagskolumne

Ein Kommentar

  1. Das find ich sogar gut, das Gedicht. Sehr spannende Idee!

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