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Sonntagskolumne 17/13: Kann man nicht einfach mal…

…grübeln?

„Der Winter ist eindeutig da. Morgens wird es erst nach halb 8 hell und die Abenddämmerung beginnt irgendwie schon 16 Uhr. Besser gesagt, sie geht nach dem Abend gar nicht mehr weg- denn die riesige graue Wolkendecke hüllt uns seit Tagen schon in ekeliges, fades Licht“ , dachte ich mir an diesem nebeligen Sonntagmorgen vor genau einer Woche. In einen gemütlichen Sessel eingekuschelt starrte ich aus dem großen Schaufenster des Cafés hinaus in die trübe Welt. Plötzlich klangen die ermahnenden Worte meiner Mutter über den leer gegessenen Brunch-Tisch hinweg: „Was starrst du denn so vor dich hin? Grübelst du schon wieder? Da kann man ja annehmen, dass du depressiv bist!“ 

Ihre Worte machten mich stutzig. Darüber musste ich erstmal nachdenken. Damit meine Mutter aber nicht ernsthaft glaubte, dass ich eine depressive Ader hätte, sparte ich mir das für die bevorstehende Zugfahrt auf.

 Seit wann ist Grübeln eigentlich mit etwas negativen, krankhaftem, ja, depressiven verbunden?

In der Romantik galt das Grübeln noch als etwas außergewöhnliches, erforschendes, wodurch man auf den Spiegel seiner Seele schauen kann: Tiefsinnig sein. Die Lösung eines Problems war zwar schön, aber das Nachdenken allein reichte schon völlig aus.

Heute steht das Grübeln nur noch für die rotierenden Gedanken, die den Geist zerrütten und ein ernstes Symptom für eine Depression sein können. Dazu der legasthenische Blick zur Seite, das Starren ins Nichts und derjenige, der dich beobachtet, setzt einen besorgten Blick auf und spricht dich auf dein Fehlverhalten an. Ja. Es gibt eine solche Art des Grübelns, bei dem die existentiellen Fragen angepackt werden – das muss aber nicht automatisch heißen, dass diese wohlige Melancholie, in der man sich sonnt, gleich eine Depression sein muss. Tagträume, verpasste Möglichkeiten und mögliche Situationen ziehen Hand in Hand durch den Kopf. Oder, um es mal ganz herunter zu brechen: Dieses Grübeln kann auch „Nachdenken“ genannt werden.

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Denn, auch wenn Sätze wie „Du Schatz, ich hab mal nachgedacht und … wir müssen reden.“ oder „Das hab ich mir gut überlegt“ oder „Darüber müssen wir nochmal nachdenken“ viel öfter kommen und alltäglicher sind als „Du handelst unüberlegt!“ oder „Hast du nachgedacht?„, wie oft denken wir wirklich mal nach?

Dabei kam mir spontan die Antwort in den Kopf geschossen: „Na, in einem ruhigen Moment!“

Aber wann kommt denn so ein ruhiger Moment, in dem Nichts für Ablenkung sorgt? Wann dudelt nicht irgendwo Musik im Hintergrund, ob aus den Café/Bar/Laptop-Lautsprechern oder aus den Stöpseln im Ohr? Wann sitzt man mal nicht vorm PC, auf dem der Mauszeiger sich zwischen den geöffneten Tabs kaum entscheiden kann? Wann gibts mal nichts zu instagramen, zu whats-appen?

Ich bin in solchen Situationen maximal dazu in der Lage, über die Bestellmöglichkeiten meines Lieblingspizza-lieferanten nachzudenken. Oder vielleicht geht noch gerade so ein hämischer Gedanke zu einem eben gesetzten Facebook-Like von einem Foto, auf der die Person eigentlich total scheiße aussieht.

Es ist nicht wenig Zeit, die wir zur Verfügung haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen.„, sagte Seneca vor langer Zeit. Aber er würde sich im Grabe umdrehen, wenn er unseren Lebensstil mitbekäme. Denn selbst die Römer wussten, dass sinnieren ein fester Bestandteil der alltäglichen Arbeit ist. Vielleicht als die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit.

Vielleicht rennen wir als Romanfiguren unseres eigenen Carpe-Diem-Manuskripts von einer Tätigkeit zur nächsten und versuchen möglichst eine ruhige Minute zu vermeiden, eine Technik- Unterhaltungs-Tätigkeits-freie Minute. Vielleicht aus Angst, jemand würde uns für depressiv halten oder noch schlimmer: für langweilig.

Und das obwohl JD von Scrubs uns allen täglich zeigt, wie wunderbar doch dieses Starren sein kann und welche Tagträume unser Leben bunter machen könnten.

Da ich gerade in der Küche meiner Wohnung sitze, auf dem Küchentisch eine alte Geburtstagskarte liegt und der Spruch darauf irgendwie passt, ist mein Schlusssatz ein Zitat :
Zu genießen, 
wie die Zeit vergeht:
Das ist das Geheimnis
des Lebens.
(Als kleine Hommage an Till Räther und 
seinen Beitrag im aktuellen SZ-Magazin)
Published inSchreibenSonntagskolumne

4 Comments

  1. Schöne Worte. Wahre Worte mal wieder.
    Ich neige auch dazu über alles immer viel zu viel nachzudenken. Und auch wenn ich das langsam etwas abschwäche und kontrolliere, ist es doch immer der Blick anderer, der mich meine Gedanken nicht aussprechen lässt. Lieber nicht sagen, dass ich schon wieder nachgedacht habe. Keine Ahnung woran das liegt.. Sehr seltsam.
    Und wunderschöne Bilder! Passen perfekt in die Stimmung rein, finde ich.
    Liebste Grüße und schönen Sonntag noch :*

  2. In Grübeln steckt ja schon die Grube, die man nicht anderen, sondern sich selbst gräbt, und wenn man dann lang genug hinein schaut in die Grube, schaut sie vielleicht zurück, und man kann sie nicht denkend umkreisen, sondern fällt hinein, und um jemanden, der um solch Grube grübelt, macht man sich schnell Sorgen. Grübeln hat also auch etwas Nahtödliches, wie eine Risikosportart fast. Und nennt man nicht auch jene, die sich ohne Fallschirm aus großer Höhe stürzen, krank? Dabei gibt es genug Positivgrübler da draußen, vielleicht bist du auch eine Postitivgrüblerin, Josephine, denn wenn man sich nicht den Kopf zerbricht wegen einer Lösung, kann man sich auch nicht daran schneiden, es ist eigentlich die angenehmste Art des Nachdenkens, vielleicht auch eine faule, aber besser als eine Serie zu gucken, die nirgends hinführt, oder ein Nonsensegespräch ist es alle Mal, wenn man seinen Gedanken zusieht, wie sie sich aufblähen und platzen, und das schönste an der Sache: zu Ende grübeln kann man nichts.

    Bis heute Abend!

    markus.

    • Danke Markus für den Kommentar. Ich kann dir da nur in ganzer Linie zustimmen. Abgesehen davon, dass Grübelgruben ja schwierig zu beschreiben sind- wie schwarze Löcher- als Außenstehender kann man doch gar nicht beurteilen, was sich in einer solchen Grube befindet. Vielleicht eine Depression, aber vielleicht manchmal auch eine grüne Wiese mit Einhörnern…? ;)

    • Gewiss sind Grübelgruben schwierig zu beschreiben, aber während die Einhörner eine Phantasie sind und Depression eine Krankheit, bei der das Grübeln ein Symptom sein kann, kann sich alles darin befinden – das macht den Leuten teilweise Angst. Wenn ich nicht grüble, sondern beobachte, finde ich immer interessant, zu beurteilen, ob jemand jetzt grübelt oder einfach nur blöd guckt, aber solange die Grübler nicht nur grübeln, sehe ich nichts Pathologisches daran. Du schreibst ja selbst, dass dir manchmal die Atmosphäre zum Grübeln fehlt, weil die Lautsprecher wummern, Whatsapp vibriert oder irgendjemand an deiner Schulter kratzt. Ich denke, dass es erst bedenklich wird, wenn sich jemand die Umwelt weggrübelt. Gelegenheitsgrübler zu sein, ist okay.

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