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Sonntagskolumne 01/14: Manchmal frage ich mich, warum…

…sich die Lieblingsstadt ändern kann.

Hamburg, der folgende Text handelt von dir. Nimm es mir bitte nicht böse. Irgendwo in mir drin hab ich dich noch sehr lieb.

Wenn mich jemand vor einem halben Jahr nach meiner Lieblingsstadt gefragt hätte, hätte ich ohne Zögern “Hamburg” entgegnet. Und demjenigen anschließend auch ungefragt eine halbe Stunde ausführlichst erklärt, warum Hamburg denn so schön ist.
Das Meer, die Elbe, die Menschen und überhaupt so wundervoll…“, schwärmte ich. Wenn mich jemand fragte, woher ich komme, sagte ich ausweichend “Von der Küste“, weil ich darauf hoffte, dass man denkt, ich käme aus Hamburg. Lübeck erschien mir zu schnöselig und bourgeois. Wenn ich aber mal ehrlich zu mir selbst gewesen wäre, wäre mir aufgefallen, dass mich und Hamburg nicht gerade viel verband. Ich war zu dem Zeitpunkt ganze fünf Mal in Hamburg gewesen- zwei Mal wegen Musicals, zwei Mal wegen Shoppingtrips und einmal als Hafen- und Partyausflug. Es waren zwar immer tolle Tage, aber viel zu wenige um sich daraus ein qualifiziertes Urteil zu bilden. Astra ist ein Bier aus Hamburg und – vermutlich seit dem – mein Lieblingsbier. Ich mag Gisbert zu Knyphausen und er singt ein Lied über Hamburg, das ich sehr mag. Durch Hamburg fließt dergleiche Fluss wie durch meine Geburtsstadt. Der Hamburger Dialekt ist sympatisch. Ich mag das Meer, Hamburg liegt am Meer. Und bevor ich Vegetarier wurde mochte ich Fisch sehr und Hamburg hat Fisch.  Alles eher so fadenscheinige Größen.

Als ich dann im Dezember nach längerer Zeit wieder in Hamburg war, zersprang unter lautem Klirren meine Illusion. Die Gebäude waren so riesig und ich war so klein. Menschen, überall Menschen, die nicht nett waren, sondern gehetzt und ignorant. Überall Geschäfte, wenig Platz für Gemütlichkeit. Hamburg war eine postpupertäre Milchmädchenillusion- der typische Großstadttraum von Menschen, die in blöden Kleinstädten großgeworden waren und das Meer mögen. Mir war es unangenehm, ein Kleinstadtmensch zu sein und deshalb wollte ich unbedingt ein Großstadtmensch werden.

Erst vor ein paar Tagen, als ich nach einem Slam irgendwann spät nachts wieder zurück in Halle war, hatte ich noch eine Erkenntnis bezüglich Hamburg. Vielleicht war ich bei meinem letzten Besuch dort auch deshalb so enttäuscht, weil ich momentan gar nicht vorhabe, in Großstädte zu ziehen.
Denn auch wenn Halle manchmal komische Menschen auf den Straßen laufen lässt und vom kulturellen Angebot manchmal einfach zu wenig bietet, bin ich doch immer froh, wieder in Halle zu sein. Bei den kleinen Straßen, verwinkelten Gassen, die Gemütlichkeit ausstrahlen und bei den Menschen, die ich mag. Wozu brauch man eine ganz bestimmte Lieblingsstadt, wenn man sich dort, wo man ist, wohl fühlt?

Wenn bei Gesprächen mit Freunden das Thema aufkommt, wo sie nach dem Bachelor hingehen wollen, werde ich immer ein bisschen wehmütig, weil auch ich weiß, dass hier nicht das Ende des Weges ist. Doch ohne eine bestimmte Lieblingsstadt lebt es sich mit dieser Erkenntnis leichter, weil man so, egal wo es einen hin verschlägt, überall zufrieden sein kann.

PS: Die Fotos entstanden gestern, mitten in Halle, auf der Rabeninsel. Die Sonne schien wunderbar.
Published inSchreibenSonntagskolumne

4 Comments

  1. Ein sehr schöner Text heute :)

  2. Ohh, das macht mich gerade ein bisschen traurig, denn Hamburg ist meine Lieblingsstadt. Ich verstehe zwar was du meinst, aber ich kann vieles so nicht bestätigen, allein von meinem Empfinden, aber das Empfinden ist bei jedem anders. Das ist ganz klar. Ich finde Hamburg ist sehr gemütlich und die Menschen sind unheimlich freundlich. Zumindest freundlicher als in manchen anderen Städten (sogar in Kleinstädten!). Natürlich ist Hamburg eine Großstadt, das ist gar nicht zu leugnen und eine gewisse Hektik ist wohl vorhanden, aber so ist das nunmal. Allerdings finde ich Hamburg im Vergleich zu anderen Großstädten, wie Berlin und Köln zum Beispiel sehr “dörflich”. Auch ist Hamburg sehr flach. Es gibt zwar hier und da mal ein Hochhaus, aber siehst du die Skyline wird Hamburg doch eher von Gebäuden dominiert, die weit aus kleiner sind als in den typischen Großstädten.
    Ich war letztes Jahr so oft, wie noch nie in Hamburg (51 Tage) und konnte meine Herzensstadt noch viel besser kennen lernen. Ich durfte sogar für 4 Wochen den “normalen Arbeitsalltag” miterleben, weil ich in einer kleinen IT-Firma ein Praktikum gemacht habe. Und ich muss sagen, dass ich seit dem noch viel sicherer bin, dass ich dort hinziehen will, einen guten Job und einen tollen Mann finden will und dort leben möchte (zumindest bis wir vielleicht an Kinder denken!?) Ich möchte Sonntagsspaziergänge am Hafen machen und Sommertage im Stadtpark am See verbringen, will in der Schanze essen gehen und im Holthusenbad entspannen.
    Ich hoffe, dass du die Gemütlichkeit in Hamburg vielleicht wieder findest. Sie muss ja nicht wieder deine Lieblingsstadt werden, aber vielleicht freut es dich bald wieder mehr in die Hafenstadt zu kommen :-)

  3. Sehr schöner Post. :)

    Liebe Grüße jelaegbe.blogspot.de

  4. Mir geht es ganz ähnlich :) Ich habe selbst keine Lieblingsstadt. Ich lebe gern in Jena, sehr gern sogar, aber irgendwann wird die Zeit hier auch vorbei sein, und das ist gut so. Ich bin gespannt, wo es mich noch überall hinverschlägt.

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