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Sonntagskolumne 04/14: Manchmal frage ich mich, warum…

…ich so ein Doppelmoralist bin.

Bereits im Dezember fiel mir eine sehr unschöne Angewohnheit von mir auf. An dem gemeinten Tag gab mein I-Phone für ein paar Stunden den Geist auf und ich fühlte mich völlig verloren, nackt und einsam. Seit dem bin ich mir sicher, dass ich ohne Laptop und Handy total aufgeschmissen wäre. Und das nervt.
Morgens ist oftmals die erste Bewegung (nach dem Augenaufschlag) der Griff zum Handy. Mails checken, gucken, ob mir jemand bei facebook oder whats-app geschrieben hat, Blog-Statistiken angucken, Süddeutsche lesen, Quizduell spielen und erst danach wird aus dem Bett aufgestanden.
Ähnlich ist es, wenn ich mich mit Freunden in einem Café treffe und ich schon früher als der Andere da bin. Bloß nicht doof rumsitzen, immer beschäftigt wirken oder zumindest nicht allein sein müssen.
Nischel in Chemnitz. Marx hatte übrigens kein Handy

Dass das nicht immer so war, musste ich neulich in einem Gespräch mit einem Freund feststellen:
Ich: „Ich frag mich echt, wie unsere Mütter und Väter im Leben klar gekommen sind, so ganz ohne Handy. Wie konnte man sich nur verabreden, absagen oder überhaupt wieder treffen?“
Er: „Wieso unsere Mütter und Väter? Früher, als wir kleiner waren, brauchten wir den Kram doch auch nicht. Da sind wir einfach bei Freunden unangekündigt vorbei gegangen und haben geklingelt und mit ein bisschen Glück war der andere zuhause und hatte Zeit.“
Stimmt! Da war ja was. Freundschaften funktionierten auch ohne eine Whats-App Konversation und die spannendsten Neuigkeiten wurden noch von Gesicht zu Gesicht ausgetauscht. Während ich heute das Gefühl habe, dass ich ohne Handy viel einsamer wäre und dank facebook das in-Kontakt-bleiben besser möglich ist, ist vermutlich eher das Gegenteil wahr. Denn die persönlichen Treffen rücken in den Hintergrund und Bekanntschaften definieren sich nur noch über Likes. Manche „Freunde“ auf facebook laufen auf offener Straße an mir vorbei, ohne zu grüßen. 
Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch die praktischen Seiten an I-Phone und co. Auf Tour kann ich meinen Liebsten dennoch eine gute Nacht wünschen und bei einer Bahn-Verspätung noch im Zug nach alternativen Verbindungen suchen, statt auf fremden Bahnhöfen die Abfahrtstafeln zu durchforsten, während der potentielle Anschlusszug schon abfährt. Oder lustige Erinnerungsfotos zu haben, ohne eine gute Kamera mit sich rumzuschleppen. 
Dass ich mich über die Menschen wahnsinnig aufrege, die lieber Quizduell spielen, als sich zu unterhalten, aber selbst ein kleiner social-media und I-Phone Junkie bin, ist ein bisschen schizophren und doppelmoralistisch, das weiß ich selbst. Aber aus genau diesem Grund habe ich mir jetzt auch für den Zeitraum der Semesterferien vorgenommen, in jeder Woche einen ganzen Tag lang das Handy auszulassen und auch den Laptop nicht anzufassen, um an diesen Tagen die Reunion von Büchern, dem CD-Spieler und den realen Freunden zu feiern. [To-Do Liste Punkt 23]
Wenn ich ein Einhorn wäre, würde ich genau so aussehen.
Das Einhorn heißt übrigens George Rüdiger und ist das Maskottchen vom Schlagworte Slam Halle. Heute Abend werde ich zusammen mit Justus den Slam moderieren. Das Einhorn ist vorhin schon mal auf nen Kaffee vorbei gekommen, um mit mir abzusprechen, wo es auf der Bühne sein darf. Es war ein bisschen beleidigt, als ich ihm erklären musste, dass es die Erdbeermütze heute Abend leider nicht tragen darf.
Published inSchreibenSonntagskolumne

4 Comments

  1. Da triffst du einen Nerv, den wir alle haben! Aber ich finde wir sind NOCH die glückliche Generation, die eben genau mit diesen Dingen noch nicht groß geworden ist. Klar hatte ich irgendwann mit 6/7/8 mein erstes Computerspiel (aber noch lange keinen eigenen Computer), welches ich 1 Stunde am Tag spielen durfte, aber der Rest wurde einfach offline gestaltet. Sei es die Eigenbeschäftigung mit Malen, Zeitschriften durchblättern, Lesen, Briefe schreiben (Ich hatte mehrere Brieffreunde!! Hallo? Das muss man sich heute mal vorstellen!) oder aufgeregt die neue No Angels CD in den CD Player schieben und den halben Tag versuchen die englischen Texte möglichst nach Gehör mitzusingen.. Oder die Zeit mit Freunden, in der einem nie langweilig war. Wir hatten immer irgendwas zu tun und unsere Fantasie hatte freien Lauf.
    Die heutige Generation, die meiner Schwester, ist in die Online-Welt reingeboren und können sich nicht einmal vorstellen, wie es ohne wäre. Wir haben immerhin noch den Fluchtweg zurück und vielleicht immer noch ein bisschen mehr Fantasie! Den anderen wird das Denken abgenommen.. Wenn einem langweilig ist, sucht man halt im Appstore bis man ein neues, passendes Spiel gefunden hat..
    (Auch hierbei darf man nicht alle über einen Kamm scheren! In jeder Generation gibt es viele Ausnahmen!!)

    • Oh ja, das sind noch schöne Beispiele. Da merkt man wieder früher war alles besser… hihi. Das ist wirklich sehr schade- ich hab gestern auch ein kleines 3 Jähriges Mädchen gesehen, das auf dem Schoß seiner Eltern mit dem I-Pad Spiele gespielt hat. Vermutlich lachen uns die Menschen in hundert Jahren aus- so wie damals die Menschen sich übers Kino vielleicht aufgeregt haben, weil die Menschen weniger gelesen haben oder so…

  2. Letztes Jahr ertappte ich mich genau in dieser Situation als ich mein Handy bei meinem Freund vergessen habe. Plötzlich saß ich in der Ubahn und fühlte mich extrem nackt, weil ich plötzlich „gezwungen“ bin nichts zu tun. Dieser Moment lässt mich aufschrecken und seitdem nehme ich wieder vermehrt Bücher oder Magazine mit um nicht andauernd auf die digitale Scheibe zu staaren … (Random Gedanke: Habe mal gelesen, dass man nur in der Ubahn sitzen muss um das wahre Wesen im Gesicht anderer Leute abzulesen. Denn die meiste Zeit sind wir kontrolliert und darauf bedaht wie andere uns sehen)

    Ich kann mich aber sehr wohl noch daran erinnern wie es früher war, weil ich erst seit 3 Jahren ein Smartphone und habe erst seit der 11.Klasse regelmäßig ein Handy. Von der Grundschule bis zur 7.Klasse hatten wir meistens persönlich was abgemacht, wann wir uns die nächsten Tage sehen möchten oder sogar am gleichen Tag noch :) oder das Festnetz! Ich vermisse diese süßen Zettel und Briefe die wir uns allen immer zugeschickt oder im Unterricht zugeschoben haben. Damals gab es sogar in der Klasse ein Notizbuch, dass man untereinander sich Nachrichten schreibt. Eine Art analoger Chat :)

    Danke für den tollen Post liebe Josephine!

    PS: ich hoff es macht dir nichts aus, wenn ich passendes Bild zu diesem Thema ranhänge :)
    https://fbcdn-sphotos-c-a.akamaihd.net/hphotos-ak-frc3/t31/q71/s720x720/1658266_10152215355868633_148548856_o.jpg

  3. Achja, was wären wir bloß ohne Netz! Ist wohl so, wie mit vielen anderen Dingen auch: gar nicht so leicht, das richtige Maß zu finden. Und Smartphones machen´s eben noch ein bisschen schwieriger. Darum hab ich auch keins und will keins haben – mir reicht meine Laptopabhängigkeit. Und wenn´s genug ist, radel ich ne Runde…
    Liebe Grüße
    Christiane

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