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Sonntagskolumne 05/14: Manchmal frage ich mich, warum

…der Spatz in der Hand so unterschätzt wird.

Noch während ich im Zug sitze, werde ich unruhig. Mit jedem Kilometer, den mich der Zug weiter in die Einöde hinaus transportiert, kommen mir mehr zu erledigende Dinge in den Kopf, die keinerlei Aufschub dulden. Als die Haltestelle, an der ich aussteigen muss, angesagt wird, verabschiedet sich mein Handyempfang und ich hasse mich ein bisschen für den instinktiven Fluchtgedanken. 
 
Eigentlich geht dieser Fluchtgedanke immer schon los, bevor ich überhaupt in den Zug steige- und zwar dann, wenn ich mich bei meinen Großeltern auf einen Besuch ankündige. Nicht falsch verstehen, meine Großeltern sind wahnsinnig liebe Menschen und ich mag sie sehr, aber sie wohnen in völliger Abgeschiedenheit in einem hundert-Seelen-Dorf, in dem es nicht mal einen kleinen Kiosk gibt, geschweige denn Handyempfang. Den gesamten Aufenthalt über fühle ich mich ausgeschlossen und weggesperrt vom Rest der Welt. Dazu kommt das üppige Essen, bestehend aus fünf Mahlzeiten am Tag, die seit Jahren zur gleichen Uhrzeit stattfinden (8 Uhr Frühstück, 10 Uhr Obstfrühstück, 12 Uhr Mittag, 15 Uhr Kaffee, 18 Uhr Abendessen) und die nicht enden wollenden Geschichten meiner Großeltern, die beim ersten Mal hören noch spannend und interessant waren, die ich aber mittlerweile mitsprechen kann. Und der liebliche Rotwein, der in Strömen fließt und immer wieder in Kombination mit dem Kaffeelikör für Kopfschmerzen sorgt. 
 
 
 
Aber trotz allem sind und bleiben es meine Großeltern und da ich die nur einmal habe, schlucke ich meinen Fluchtinstinkt mit einem ordentlichen Schluck Wein runter und nehme mir die Zeit mit ihnen.  Als ich diese Woche wieder in das Dorf komme und mit einem dicken Stück Sahnetorte begrüßt werde, ist irgendwas anders, obwohl sich nichts verändert hat. 
Statt an den Berg Arbeit zu denken, der geduldig zuhause  auf mich warten wird, genieße ich die Abgeschiedenheit und das Nichts-tun. Ich spaziere bei Sonnenuntergang an der Elbe entlang, deren Auen direkt hinter dem Haus meiner Großeltern beginnen. Als Kind war ich in den Ferien oft und für lange Zeit zu Besuch gewesen und deshalb kenne ich die Umgebung am Ufer noch in und auswendig.
Die Geschichten, die mein Opa mir wieder zum hundertsten Mal erzählt, bringen mich nicht zum genervten Aufstöhnen, sondern erinnern mich an die Zeit, als ich sie zum ersten Mal gehört hatte. Ich werde immer ruhiger und lasse einfach alles auf mich zukommen. Mein Opa zeigt mir die Fledermäuse, die, seit ich denken kann, Jahr auf Jahr im Keller Winterschlaf halten. Später fragt mein Opa mich, was mich momentan so beschäftigt und wie das Studium und die Arbeit läuft. Als ich abwinke und ihm deutlich mache, dass grad einfach zu viel zu tun ist, nickt er verständnisvoll.
Dann legt er seine Hand auf meine Schulter und sagt: „Wenn es dir mal zu viel wird- du kannst jederzeit herkommen, solange es uns noch gibt. Hier ist zwar nicht viel los, aber gerade das braucht man mal, um zur Ruhe zu kommen.
Ich schlucke nur schwer und als ich am nächsten Tag wieder nachhause und zurück zum aufregenden und pulsierenden Leben fahre und der Spatz in meiner Hand landet, wird mir etwas klar. Die Tauben mit der Arbeit sitzen bei mir immer auf dem Dach, aber den Spatz, der mir manchmal so viel mehr geben kann, finde ich nur in der Einöde, bei meiner Familie.
 
Published inSchreibenSonntagskolumne

2 Comments

  1. So ein schöner Text! Was wir wirklich brauchen, merken wir im Alltagsgedöns manchmal kaum noch. Der Spatz ist so ein passendes Symbol – echt wahr.
    Liebe Grüße
    Christiane

  2. Der Text ist toll geschrieben! Da werden bei mir Erinnerungen wach! :-) Liebe Grüsse Ramona

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