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Sonntagskolumne 06/14: Manchmal frage ich mich, warum…

…alt sein ein Anagramm für Stillstand ist.

Neulich, als ich auf dem Weg zu Bibliothek war, lief einige Meter vor mir ein alter Mann auf seinen Gehstock gestützt. Plötzlich blieb er stehen, gab ein uriges Grunzgeräusch von sich und holte damit den Schleim der vergangenen Jahrtausende aus den Tiefen seines Halses ….und…rotzte auf den Boden!
Ich war so perplex, dass ich stehen bleiben und laut lachen musste. In meiner Schulzeit hatten das immer die Jungs in den Pausen vor der Schule gemacht, in der großen Pause vorm Schulgelände, und oft zeterte dann aus einem Fenster in der Nähe eine alte Frau über die Jugend heutzutage.
Dass dieser alte Mann das auch getan hatte, was ich nur von irgendwelchen komischen Typen mit gering ausgeprägtem Vernunftsgefühl kannte, brachte mich zum Nachdenken und eine Frage warf sich auf, die schon lange in meinem Unterbewusstsein herumgeisterte.

Wie werden wir sein, wenn wir alt sind?
Nun, nach diesem Opa-rotzt-auf-den-Boden-Erlebnis denke ich, dass es zwei plausible Varianten gibt:

1. Wir werden alt und werden alt. 
Und verschroben. Vielleicht ist es genetisch verankert, dass man ab einem bestimmten Alter anfängt, kauzig zu werden. Vielleicht geht es mit Mitte vierzig los, dass wir plötzlich Klassik und Schlager gar nicht mehr so komisch finden. Dann mit Mitte fünfzig erscheinen uns pastellfarbene Kleidungsstücke mit weiten Schnitten als total angesagt. Klobige Stoffhosen statt Röhrenjeans! Und spätestens ab Rentenantritt werden die High-Heels durch orthopädische Schuhe und Hausschlappen ausgetauscht. Das Zeitgefühl wird sich verändern, sodass wir spätestens um 18 Uhr am Abend so müde sind, dass wir das Musikantenstadl nicht mehr bis zu Ende sehen können und morgens um 6 voll Bock auf ein Frühstück haben werden. Einkaufen gehen wir mit Jutebeuteln, auf denen die Werbung vom Fleischer nebenan gedruckt ist. “Früher war alles besser” wird unser Lieblingssatz, weil wir unseren eigenen Stil ein bisschen hassen und wir plötzlich lieber die Klatschzeitungen beim Friseur lesen- während die Haare auch in Pastelltönen gefärbt werden und eine Dauerwelle DAS Frisurenhighlight ist. Wir werden einfach mutieren!
Kleiner Ausblick für den nächsten Street-Style-Post:
“may the best of your todays be the worst of your tomorrows”
2. Wir werden alt und bleiben jung.
Die Jungs von meiner Schule werden auch noch mit achtzig auf den Boden vor dem Schulgelände rotzen, bucklige Omas laufen mit “coolen” Jutebeuteln mit Aufdrucken von Pandas, Dreiecken und Einhörnern herum und sehen in den Röhrenjeans ganz furchtbar aus. Wir beschweren uns nicht über laute Musik von den jungen Leuten in der Etage über uns, weil wir von zu viel Festivalerfahrungen stark schwerhörig sind- oder weil wir mit einem Sixer Bier hochgehen und fragen, ob wir mitfeiern können. Wir tragen Chucks- in Pastellfarben. Und die Anti-Nazi-Demos klauen den Friseuren ihre Kunden. Die, die in ihrer Jugend geraucht haben, rauchen immer noch und sind kerngesund, sodass die Forschung feststellt, dass Rauchen doch nicht schädlich ist. Koffein-freier Kaffee wird nicht mehr produziert, weil keine Abnehmer mehr da sind und Arztpraxen öffnen nicht mehr vor 12 Uhr, weil wir Rentner da gerade erst aufstehen.
Irgendwie finde ich beide Varianten blöd. Aber da ich gerade völlig gefangen in dem Arbeitsstrudel der Uni bin und im Rahmen meiner Hausarbeit haufenweise Literatur durchforste, kann ich vermuten, dass es sich hier so ähnlich verhält, wie in der politikwissenschaftlichen Forschung: Die Standartantwort für irgendwelche Fragen ist meistens, dass beides (nicht-) zutrifft. Zuversichtlich hoffe ich auf eine angenehme Kombination von beiden Varianten. Zum Beispiel könnte doch die Rentner-Trendfrisur eine Kombination aus Side-Cut und Dauerwelle sein.
Published inSchreibenSonntagskolumne

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