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Sonntagskolumne 10/14: Manchmal frage ich mich, warum…

…ich Heimweh erst aus der Ferne sehe.

Wenn die Stadt unter der heißen Sonne zerrieben keucht und ihre stinkenden Ausdünstungen aus den Gullys steigen, wenn die Straßen voll befahren, die Werbetafeln zurückgeblieben, wenn mir die Häuser schmutziger und die Bäume grauer erscheinen, wenn Tretminen aus Hundekot den Weg zum Hindernislauf machen, wenn in meinem Lieblingscafé kein Platz mehr frei und schlechte Laune und Stress zusammenkrachen, wenn Zuhaus‘ Wäsche und Geschirr ungewaschen herumliegen und Maden sich mit Fliegen wegen Essensresten bekriegen, wenn die Menschen auf den Straßen aus der alten Statistenrolle fallen und sich in Dämonen verwandeln, wenn Gesichter zu Fratzen und Hände zu Krallen werden und alle Worte tödlich verwunden und mich wie Dreck behandeln, wenn jedes Geräusch zu laut und selbst das Flüstern ein Alarmschrei ist, wenn das Spiegelbild mich hässlich findet und dabei höhnisch grinst, wenn seit Tagen schon der falsche Fuß voran geht und Glück nur noch ein Hirngespinst ist, wenn ein Hauch von Film Noir den Alltag umweht, weil du mich grad nicht magst und die Gefühle einen dunklen Schleier tragen, wenn die Fantasie den Glauben verliert, weil du dich über mich beklagst und die Fragen im Kopf nur um dich rotieren, dann mag ich diese Stadt nicht mehr und fliehe, um die dunklen Bilder im Kopf mit Wasserfarbe zu verschmieren.
Und dann reise ich umher und will die vergangenen Bilder mit meinen Träumen zuhängen, besuche Verwandte und verliebe mich in fremde Orte um das Altbekannte zu verdrängen. So lang, bis irgendwann das gleiche Spiel von vorn losgeht. Bis ich merke, dass sich um meine Realität letztendlich jede Stadt dreht. Früher hab ich nie Heimweh bekommen, wenn andere Kinder auf Klassenfahrten beklommen nach ihren Müttern riefen, sah ich mit schiefem Grinsen auf sie herab. Und heute, wenn ich die Stadt hinter mir lassen will, dann zieht sie mich irgendwann wieder an.
Dann weiß ich, dass es die Stadt nicht böse gemeint hat, dass das Sitzen im Lieblingscafé nicht an einen Platz im Herzen heranreicht, dass gute Laune nicht nur schmutzige Häuserfassaden überstreicht. Dann sind laute Geräusche der Pulsschlag des Lebens und die Leisen ein Aufatmen, sind Straßen entvölkert und laden zum durchstarten ein. Dann ist das Spiegelbild wieder kleinlaut und ich komme wieder klar, die Fragen werden dann zu Antworten und gehen weitere Schritte, vom Kopf runter zum Bauch, sogar bis in die Zehenspitzen und hinterlassen ein Kribbeln in der Körpermitte. Dann ist die Wohnung bis in die letzten Ritze sauber und rein und der Kopf lässt die ganze Stadt in verklärtem Licht erscheinen. Und….
Dann ist der Abstand zu groß, um noch auf mich böse zu sein, dann wirst du mich mitten in der Nacht anrufen und mir sagen, dass du mich magst, und ich werde dir mitten in der Nacht verzeihen, weil du meistens schöne Dinge sagst, weil sich die Bilder im Kopf, die einst dunkelgrau von Regen ummantelt waren, zu schönen Polaroids in Regenbogenfarben verwandelt haben.

 

Published inSchreibenSonntagskolumne

Ein Kommentar

  1. Wow! Richtig gut!
    Ich mag die mit Träumen zugehängten vergangenen Bilder und die von guter Laune überstrichenen schmutzigen Häuserfassaden und das kleinlaute Spiegelbild… Sehr!
    Ganz liebe Grüße
    Christiane

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