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[Straßenkunst] Teil 3 von 3: Freiimfelde- das Kleine

 

Oha, erinnert ihr euch noch an den zweiten Teil vom Streetstyle im März? Der selbst schon eine halbe Ewigkeit gedauert hat, um Nachfolger des ersten Teils zu werden? Nicht? Ich hab es auch relativ gut geschafft, den traurigen Ordner „StreetStyleFeb“ auf meinem Desktop zu übersehen. Er wurde ganz oben in eine leere Ecke verbannt.
Du bist mein Lückenbüßer. In schlechten Zeiten, so zur Überbrückung, ich brauch dich noch…„, hatte ich ihm immer wieder gesagt, wenn er mir ein schlechtes Gewissen machen wollte – aber ganz ehrlich: wer ist schon gerne ein Lückenbüßer?
Als ich neulich auf den Streetart-Künstler und BMXler Herr von Freistil*  traf und er mich nach genau diesem traurigen Ordner fragte, machte es bei mir endlich klick. Kaum wieder zuhause, holte ich den Laptop aus dem Ruhezustand und guckte in diese ungnädige, exilgleiche Ecke da ganz oben rechts auf meinem Desktop
  • Fun-Fact: Das ist wirklich sein Künstlername, kein blogspezifischer Konzeptname. Ob es an der Stadt liegt, dass sich Künstler hier gerne Adelstitel geben? ;)

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Wir müssen reden.„, raunte ich ihm zu und er öffnete sich, zeigte mir seine zahlreichen Facetten – Bilder- und ich war mehr als überrascht. So hatte ich ihn gar nicht eingeschätzt, der Name StreetStyleFeb hatte für mich doch immer so gewöhnlich geklungen. Aber dann, so von Angesicht zu Angesicht musste ich feststellen, dass ich die gewöhnliche war. Die Langweilige, die sich für schlechte Zeiten einen Lückenbüßer hielt.
Ich fühlte mich plötzlich scheußlich und schämte mich- für mein Verhalten der letzten Wochen und Monate, für das, was ich ihm angetan hatte, für die Dinge, die ich ihm gesagt hatte, für all die Lügen und Heucheleien… und nun? Ich schüttelte langsam den Kopf, in meinen Augenwinkeln waren Tränen.
Es tut mir Leid.„, flüsterte ich leise. Er antwortete nicht. Ich musste schwer schlucken und begann mich selbst zu hassen, weil ich wusste, dass ich noch nicht alles gesagt hatte…
…aber bevor ich ihm den vernichtenden Schlag ins Herz geben musste, wollte ich ihm zunächst noch helfen. Ihm zumindest ein kleines bisschen Trost spenden. Den Trost, für den ich ihn mir all die Wochen tückischerweise reserviert hatte. Ich sah ihn mir ganz genau an. Während er immernoch offen auf meinem Bildschirm ruhte, suchte ich die schönsten Kleinigkeiten heraus und polierte sie vorsichtig auf. Brachte sie mehr zum Strahlen, positionierte sie ordentlich, brachte sie ins Gleichgewicht- damit fortan jeder diese wunderbaren Komponenten des Ordners sofort sehen würde….
…damit StreetStyleFeb jemanden finden würde, für den er kein Lückenbüßer wäre. Denn, so mies ich ihn auch behandelt hatte, so unfair ich auch gewesen war: er war mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen und ich konnte mir nicht vorstellen, wie das Arbeiten am PC sein würde, ohne sein Icon da oben in der Desktopecke. Ich sammelte allen verbliebene Kraft und begann zu reden, während ich in einem anderen Fenster auf „Dateien auswählen“ klickte.
„Wir müssen reden…“ begann ich und suchte mir weitere Floskeln zusammen. Irgendwie passten sie alle genau zu dieser Situation…. Ich unterbrach mich selbst, um das Wort „Floskel“ zu googlen. Aha. Irgendwann waren sie mal eine so präzise Formulierung, die den Nagel vermutlich auf den Kopf traf, dass sie fortan jeder verwenden wollte. Das traurige ist nur, dass wir uns ihrer mittlerweile gar nicht mehr bewusst sind, sondern sie einfach automatisch….Ich schweife ab. Meine tränendicken Augen blickten StreetStyleFeb wieder an.
Es liegt nicht an dir, StreetStyleFeb. Es liegt an mir! An mir ganz allein!„… bevor er mich unterbrechen konnte fuhr ich schnell fort. „Weißt du, du hast was besseres verdient. Ich bin nicht gut genug für dich, ich werde nie an dich heranreichen!“ Plötzlich wurde die Oberfläche des Ordners blass, der Mauscursor begann sich zu drehen und der Laptop meldete: „Keine Rückmeldung. Auf Antwort warten?“. Er war beleidigt, ich hatte seinen Stolz verletzt, das musste ja so kommen.
„Bitte, sei nicht böse. Ich hatte es nicht so gemeint. Wir können doch Freunde bleiben?“, setzte ich nochmals an, doch der Ordner schloss sich plötzlich. Es war zu spät, jetzt konnte ich auch nichts mehr ändern. Als tat ich das einzig vernünftige in der Situation: Ich gab ihn frei. Ich klickte auf das Feld „Hochladen“ und … hier ist das Ergebnis. Wenn ich mir jetzt so die Bilder ansehe, werde ich ein bisschen wehmütig.

Der Ordner ist nun auf meinen Speicherstick gewandert und die Ecke im Desktop ist zu leer. Aber immerhin habe ich jetzt kein schlechtes Gewissen mehr, wenigstens konnte ich das alles aufklären- die Erinnerung an seine schönen Seiten sind ja jetzt in diesem Post festgehalten. Und eines Tages vielleicht… da werden wir uns dann wieder sehen und ganz verklärt auf unsere gemeinsame Laptop-Zeit zurücksehen.

Übrigens: „das Beste kommt zum Schluss“ ist meiner Meinung nach auch eine schöne Floskel. Aber in diesem Falle stimmt auch diese: Denn auf den letzten zwei Fotos seht ihr die Street-Art Kunstwerke vom oben erwähnten Herrn von Freistil- der übrigens auch unter dem Pseudonym mij.k.do. durch die Welt streift. Falls euch seine langbein-Gestalten auch so gut gefallen-hier könnt ihr noch mehr seiner Straßenwerke bewundern. Ich jedenfalls muss mich bei ihm für seine freundliche Erinnerung bedanken- sonst wäre das mit StreetStyleFeb und mir bis heute noch nicht aus der Welt ;)
PS: Bei dem ganzen Geschichtenerzählen sollte trotzdem noch irgendwo auftauchen, dass es sich in diesem Post um kleine Street-Art Dinge handelt, die ich im Gebiet der Freiraumgalerie (im Viertel Freiimfelde) fotografiert hatte.
Published inKnipsenSchreiben

Ein Kommentar

  1. Tolle Bildermal wieder. Der kleine Turm auf dem Dach ist ja genial! Da hätt ich gern die Entstehung gesehen…
    Liebe Grüße
    Christiane

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