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Sonntagskolumne 11/14: Manchmal frage ich mich, warum…

…wir „Lord Voldemort“ fürchten.
IV. Drei Mal im Kreis und dann- wenn nichts zu finden-  ewig an die Sonne binden.
1.
In meinem Stammcafé nuschelt meine beste Freundin, das Glas frischen Pfefferminztee wie ein Schutzschild vor den Mund haltend: „Aber was ist denn momentan das Schlimmste?“ Jüngst musste sie einen halbstündigen Monolog über die Ungerechtigkeit, Beschwerlichkeit und Gemeinheit des Lebens von mir hören. Ich muss kurz innehalten, überlegen, wie ich es am besten sage. 
Ich antworte seufzend, weil keine bessere Antwort kommen will: „Ich war noch nie in meinem Leben allein. Ich kann nicht allein sein.“ Natürlich lacht sie, klar bin ich nicht allein, wo ich doch in meinem Stammcafé zum Beste-Freundinnen-Klatsch sitze, wo ich doch Freunde habe, wo ich doch facebook Freunde habe- wer ist heute schon noch allein? Aber der Kloß in meinem Hals schnürt mir die Worte ab, die ich eigentlich sagen wollte. 
Ich bin nicht allein, sondern einsam. 
Dieser Satz ist der „Lord Voldemort“ unserer Zeit, wer würde sich wagen, ihn vor irgendwem auszusprechen?
III. Kälte fühlen und rechts nach Lebenden suchen.
2.
Er saß im grauen Licht des ersten Tages auf der staubigen Couch, die Müdigkeit von vielen durchwachten Nächten ruhte auf seinen Schultern. Er saß da, inmitten von rauchenden Trümmern, und spürte dieses unerträgliche Nagen in der Brust. Die Wut auf Menschen, denen er dieses Nagen verdankte, ließ ihn einen Zettel von dem unsortierten Stapel auf dem Boden greifen. 
Ich merke, dass du wirklich keine Ahnung hast, was ich zur Zeit so fühlen könnte…“ schrieb er in krakeliger Handschrift darauf- und hielt kurz inne. Hatte er selbst überhaupt eine Ahnung, wie er sich fühlte? Da war nur dieses Nagen, dieser Lord-Voldemort-Satz, der zwischen den Zeilen des Geschmiertem stand. Aber warum nagte es überhaupt? Sein Kopf brummte – schwerfällig noch von vorherigen schlaflosen Nächten – und die Gedanken ließen sich nur zäh in eine Reihenfolge bringen. 
Wenn er diesen Satz ausspräche, was würde das ändern? Wovor hatte er Angst? Was machte ihn so wütend? Warum mussten immer andere Menschen für ihn da sein, warum konnte er das selbst nicht? Und hatte er wirkliche Einsamkeit, über viele Jahre andauernde und resignierende Einsamkeit, ja, hatte er die überhaupt jemals erlebt?
II. Links verschwitzt das Leben rufen. 
3.
Gut geht es mir, gut, ja, sehr gut!„, sagt sie ihrem Spiegelbild und zieht ihre Mundwinkel zu einem Grinsen hoch. Das Make up sitzt, die leere Wohnung wird mit lauter, fröhlicher Musik gefüllt. Sie starrt in ihr digitales Adressbuch und schreibt Freunden kurze Nachrichten, ob sie nicht kochen wollen, ob sie nicht trinken wollen, ob sie nicht feiern, tanzen, lachen, reden, zuhören,…. sich auf sie einlassen wollen. Irgendwas will man doch immer. 
Nur eine Sache, das weiß sie von sich selbst, eine Sache will man vermeiden. Man- also sie- also niemand, keiner will mit sich allein sein. Denn wer weiß schon, ob bei völliger Stille, allein mit sich und seinem eigenen Herzschlag im Ohr, ob dann nicht dieser Lord Voldemort Satz laut durch den Kopf geistern würde und einem die nächsten Momente wie ein Dementor jegliches Glück, das man je erlebt hat, aussaugen würde. 
I. Ausgesetzt mitten im Nirgendwo. 
4.
Später zuhause, wieder allein, muss ich lachen, obwohl mir eigentlich gar nicht nach lachen ist. Lord Voldemort ist kein Dementor und wird auch nie ein Dementor sein. Letztendlich wurde er doch von einem- zugegeben mittlerweile ziemlich langweiligem – Zauberer besiegt. Und auch für Dementoren gibt es den Patronus-Zauber. Ist das nicht auch genau für diesen abstrakten Satz, dieses Nagende Gefühl, dieses „ich bin einsam“ die Lösung? 
Wenn wir jemals einsam sein würden, wenn es diesen Lord Voldemort Satz wirklich gibt, warum lassen wir es nicht einfach zu? Warum davor weglaufen, statt sich dem zu stellen. Warum Angst haben, wenn wir uns darauf einlassen können – in den Spiegel sehen, den eigenen Herzschlag hören- und uns zur Abwechslung mal nicht mit Menschen umgeben, sondern bewusst abgeschieden auf den Rhythmus hören, den unser Herz uns vorgeben möchte. 
Stille. Einsamkeit. Okay. 
Der Zauberstab mit all den glücklichen Erinnerungen ist immer in unserem Kopf, was hält uns noch zurück?

PS: Das war meine Interpretation von Bine und Andrea’s Aktion „Short Stories“ mit dem Julithema „Entschleunigung“

Published inSchreibenSonntagskolumne

4 Comments

  1. Toller Post! Auch die Fotos gefallen mir sehr gut!

    Das mit dem Alleinesein ist so eine Sache… Es ist schwierig und ich bin es selbst sehr ungern… aber ich weiß auch, dass es in meinem Leben Menschen gibt, auf die ich mich 100 % verlassen kann, auch wenn man manchmal das Gefühl hat allein zu sein…

    Viele Grüße,
    Fiona

    PS: Voldemort schreibt man übrigend hinten mit „t“ ;) Sorry musste den Nerd mal kurz auspacken =D

    • Danke, das freut mich sehr!
      Solange man solche tollen Menschen hat, sollte man das Alleinsein sogar manchmal genießen, glaube ich. Leicht ist es aber sicher nicht.
      Und PS: Haha, vielen Dank, das hab ich mal geändert. Nerds sind immer willkommen (zumal ich bei Dementoren noch nachgeschaut habe, aber beim Voldemort hab ich keine Sekunde gezweifelt, haha. Ich sollte die Bücher mal wieder lesen…) Liebe grüße

  2. Regt zum Nachdenken an! Und ja… der Unterschied zwischen allein und einsam… manchmal eine Gratwanderung – manchmal sind Schluchten dazwischen… toll geschrieben, tolle Fotos!

  3. Mal wieder eine richtig geniale Sonntagskolumne. Die hab ich generell am liebsten, aber dieser hier spricht mir wieder aus der Seele. Und ganz nebenbei finde ich das erste Bild und das Kleid darauf einfach super, super schön!

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