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Sonntagskolumne 13/14: Manchmal frage ich mich, warum

… wir Angst vor falschen Entscheidungen haben.

„Was tue ich nur? Das ist verrückt, einfach nur verrückt!“, sage ich mir immer wieder, als ich vor meinem Haus warte. Verabredet bin ich. Und aufgeregt. Und verrückt, das denke ich zumindest schon Stunden vor der eigentlichen Verabredung. An die Ausreden „Wenn das meine Mutter wüsste“ und „mit fremden Menschen geht man nicht mit“ denke ich zwar kurz, aber meine Neugier besiegt den Gedanken, in letzter Sekunde abzusagen.

Fou, das sagen die Franzosen dazu und mit einem von ihnen bin ich an diesem Abend verabredet. Als ich ihn traf, in meinem Stamm-Café um Mitternacht –könnte es kitschiger sein?- redeten wir über meine Budapestreise. Ich saß bei einem Rotwein allein an meinem gewohnten Fensterplatz vor meinem Laptop und tippte fleißig den ersten Reise-Post ein. Ganze drei Stunden quatschte ich dann mit ihm und seinen zwei Freundinnen über Budapest, Fotografie, Blogs, Schreiben, Deutschland und Frankreich. Und Halle.

Telefonnummern wurden ausgetauscht und wir verabredeten uns- das Konzept: Ein Franzose zeigt Josephine, kurz bevor er nach einigen Jahren in Deutschland wieder nach Frankreich zurück auswandert, die schönsten Plätze von Halles Umland. Damit ich zukünftig schöne Sonnenuntergänge fotografieren kann- vor allem aber, um mein Fernweh zu kurieren.

Fou!

Von einem weißen Oldtimer namens Sascha (er besteht auf die Weiblichkeit, Sascha ist eine Frau) werde ich abgeholt und dann werden Versprechen eingehalten. Die Kamera habe ich dabei, aber vergesse sie für die nächsten Stunden in der Tasche.

Nach einigen kurvigen Straßen aus Kopfsteinpflaster sitzen wir an einem Weinberg mit sonnengereiften Reben im Rücken. Beim Sonnenuntergang blicken wir auf ein großes Tal mit zwei Seen und führen im schwachen Licht der kleinen Dörfer unter uns Gespräche über Nationalismus, die Vereinten Nationen und… Kindheitserinnerungen. In der ersten Dunkelheit spazieren wir an einem See und besichtigen einen Burghof. Zum nächsten Ziel verfahren wir uns, fahren Umwege. Sascha schnurrt und verzerrt die französische Musik auf eine sympathisch-nostalgische Art, der Mond scheint hell. Rehe, Dachse, Katzen, Hasen, Kröten und Füchse kreuzen unseren Weg. Zwischendurch schweigen wir immer wieder. Und dann, irgendwo bei einem Turm, sehen wir in die Sterne.

étoile filante– der flitzende Stern- heißt Sternschnuppe auf Französisch. Wir sehen ganz große, mit grünem Schweif, noch Sekunden später bleibt eine grün-glühende Spur am Firmament zurück.

13.8.

Als ich spätnachts tot ins Bett falle, muss ich an seine ehrlichen Worte denken, als das Gespräch unter dem Sternschnuppenhimmel tiefsinniger wurde. Wir hatten über Schwächen geredet und er gestand, dass ihm auf meinem Blog das Zitat von Milan Kundera besonders gefallen hätte.

„Man kann nie wissen, was man wollen soll, weil man nur ein Leben hat, das man weder mit früheren Leben vergleichen noch in späteren korrigieren kann. Es ist unmöglich zu überprüfen, welche Entscheidung die richtige ist, weil es keine Vergleiche gibt.

Man erlebt alles unmittelbar, zum ersten Mal und ohne Vorbereitung.“

 Der Abend geht in mein imaginäres Poesiealbum ein- als une histoire complètement folle und auch als kleines Wunder- dennoch wünsche ich mir jetzt, mir wäre auf sein Geständnis eine schlaue und hilfreiche Antwort eingefallen. Denn die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen, kenne ich auch. Aber mit einem Fremden und einem Auto namens Sascha magische Orte während der Sternschnuppennacht zu entdecken war die beste Entscheidung seit langem. Spontan, unüberlegt und deshalb auch ein kleines Stückchen Freiheitskribbeln im Bauch. Denn, wenn man keine Erwartungen hat und sich hin und wieder einfach vom Leben treiben lässt, öffnen sich Zeitfenster voll von Unkompliziertheit und Zwanglosigkeit.

Fou, ne pas? 

Published inSchreibenSonntagskolumne

2 Comments

  1. Mikki Mikki

    Magisch. Diese Momente auf die Seele schreiben und für immer bei dir tragen!

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