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Sonntagskolumne 14/14: Manchmal frage ich mich, warum…

…du mein Konjunktiv bist

Ich habe dich lange nicht gesehen. Wenn du ehrlich fragen würdest und ich obendrein den Mut zu einer ehrlichen Antwort hätte, würde ich trotzdem anfangen zu stottern und, weil ich nicht mehr wüsste, wie ich mit dir kommunizieren sollte, würde ich auf Floskeln zurückgreifen.  „Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Es ist unbeschreiblich schön, dich zu sehen. Ja, ja, gut, es geht mir gut.“ Ich würde diese Floskeln benutzen und mich ein bisschen dafür schämen. Würde mich gewöhnlich und langweilig fühlen, vielleicht ein letztes Mal noch würde, könnte, hätte ich….Hätte, hätte, Fahrradkette.

Zum Glück gibt es den Konjunktiv. Was täte ich – was täten meine Tagträume –  nur ohne ihn?

Wenn wir einen ruhigen Moment hätten und wenn wir uns noch nah genug stünden, noch verstünden, dann würde ich dich fragen: „Hast du auch schon mal das Gefühl gehabt, dass sich deine Wahrnehmung und dein Weltbild innerhalb von wenigen Monaten, Wochen oder gar Tagen grundlegend ändert?IMG_5881


An schönen Abenden, mit besonderen Menschen und intensiven Gesprächen, kommt ab und an das Thema auf, dass ich Buddhist bin. Meist reduziere ich im darauf folgenden Satz dieses große Wort auf „naja, zumindest buddhistisch inspiriert“. Zum einen, weil ich zu wenig von der Religion weiß, um diese Bezeichnung auf mich zu münzen und: wenn man sich schon eine Religion aussucht, sollte man auch über deren Inhalte und Konstrukte genau Bescheid wissen; zum Anderen, weil ich es nicht mag, mich über Kategorien zu bestimmen. Viel zu leicht wird man in fein säuberlich beschriftete Schubladen gepackt und kommt dort schwer wieder raus.

Während meiner letzten Reisen habe ich mich selbst neu kennenlernen dürfen und gleichzeitig verjährte Gedanken und Ideale in den Untiefen meines imaginären Poesiealbums entdeckt.  Ideale, die ich vor langer Zeit mal erreichen wollte und Vorstellungen vom Leben, die ich im rasanten Alltag vergessen habe. Einfach so hatte ich vergessen, dass ein Leben als anderer Menschen außerhalb meiner Vorstellungskraft liegt – und ich nur über Kommunikation die Möglichkeit habe, ein bisschen in fremde Leben einzutauchen. Stattdessen war für mich selbst diese Leichtigkeit, Menschen schnell über äußere Merkmale und dem, was sie tun, in Schubladen zu stecken, viel zu verlockend. Da ich aber fest davon überzeugt bin, dass Menschen generell gut und freundlich sind- warum lasse ich mich dann von negativen Emotionen packen und nehme mir dieses blöde Schubladendenken an? Der graue Alltagstrott, das Verstellen und Voreingenommen sein, ja, das Launen an Anderen ausleben ist nicht nur bescheuert, sondern völlig sinnlos. Überflüssig.

Ich kann gar nicht konkret sagen, was der Auslöser war, aber jetzt hat sich das positive Denken bei mir eingenistet. Ich verstehe nur einen Bruchteil vom Buddhismus, aber es fühlt sich an, als hätte ich eine neue Stufe erklommen. Vielleicht kam es direkt durch das Reisen- denn auf der einen Seite haben ich viele Menschen kennengelernt, alle kamen offen auf mich zu und es spielte keine Rolle, wer man ist oder durch was man sich sonst definiert. In den Köpfen der anderen wurde ich einfach als Mitreisender auf einer Suche nach dem Glück definiert.  Auf der anderen Seite war ich gerade bei meiner letzten Reise nach Oslo viel allein, völlig abgeschottet von meinen Mitmenschen und während ich durch einsame Wälder lief, dem Waldesrauschen, den Vögeln und meinem Herzschlag lauschte, fand ich die Zeit, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Wo will ich hin, was ist mein Ziel und wer überhaupt bin ich? Bin ich zufrieden mit dem, was ich tue?IMG_5842
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Vielleicht hängt die Freiheit, die wir so oft suchen ganz nah mit dieser Form von Glück zusammen. Vielleicht geht es darum, nichts zu bedauern, zu wissen, wie schön es war und den Moment auch in der Erinnerung noch zu genießen.

Wenn du mich also fragen würdest, was bei mir so los wäre- und wenn du wirklich hören wölltest, was ich zu sagen hätte, wären das vermutlich meine Worte gewesen.

Eine simple – und zugegebenermaßen naive- Feststellung, die ich da hatte und auch schon in einem anderen Gewand als Gastartikel veröffentlicht habe, aber dennoch:

Ich trage seit langem wieder das Gefühl der sommerlichen Schwerelosigkeit mit mir herum – und das kommt nicht nur vom barfuß laufen. Du würdest das verstehen.IMG_6008

Published inSchreibenSonntagskolumne

2 Comments

  1. Wow, ein sehr schöner Artikel :) Und sehr inspirierend. Ich sollte auch mal wieder alleine verreisen.

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