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Sonntagskolumne 16/14: Manchmal frage ich mich, warum…

…ich Menschen nicht ausmisten kann.

Ja, ich gebe es zu: nicht allzu tief unter meiner Oberflächlichkeit wohnt ein kleiner, mieser Messi, der es kaum erwarten kann, irgendwelchen Schrott zu horten. Im Laufe der Jahre habe ich schon von fast allem Sammelbarem eine Sammlung angelegt. Mittlerweile konnte ich aber den Großteil meiner „Ich muss das aufheben“ Herangehensweise auf ein Minimum beschränken. Ja, gut – die 1000 aufgehobenen (Gratis- /Urlaubs-/Geburtstags-/Weihnachts-)Postkarten und Briefe  können jetzt gern das Gegenteil behaupten.

Aber dank der vielen Umzüge, die mich ständig zum Kisten packen und aussortieren gebracht haben, ist mein Sammelwahn mittlerweile sicher in 2 kleinen Erinnerungskisten verstaut. Immer wieder stellte ich mir die Frage: Brauchst du das WIRKLICH? Ist es Kitsch, Müll oder besitzt es emotionale Rekordwerte? Benutzt du es oder vergisst du dessen Existenz, bis es dir wieder in die Finger kommt?

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Nun, vielleicht ergeht es dem einen oder anderen da ähnlich wie mir. Es ist manchmal gar nicht so leicht, diese Fragen zu beantworten. Zum Beispiel dieser grottenhässliche Plastikring, den Mutter als Jugendliche in Tschechien erstanden hat und mir mit 10 geschenkt hat. Ich kenne die Geschichte dazu- aber reicht das aus, um ihn als Staubfänger zu behalten?

So schwierig das bei Gegenständen ist, in zwischenmenschlichen Beziehungen bin ich ein kompletter Klammeraffe. Mir überhaupt Fragen zum „Nutzen“ zu stellen, ist vollkommen abwegig. Ich glaube, dass ich dort noch immer der Messi bin, der ich als Kind war. Dabei sehe ich über den Köpfen mancher Menschen oft schon ein rot leuchtendes Hinweisschild, auf dem steht „Achtung, dieser Mensch wird dir weh tun. Und du ihm vielleicht auch.

Doch selbst, wenn der Verstand mir oft rät: „Antworte nicht! Melde dich nicht mehr! Entschuldige dich nicht und nimm keine Entschuldigung mehr an! Hör auf, den Streit zu klären. Lass es gut sein!“ spricht mein Bauchgefühl eine andere Sprache und verleitet mich immer wieder dazu, an jeder Zwischenmenschlichkeit festzuhalten. Manchmal könnte ich mich für diesen „Sammeltick“ ohrfeigen, verdanke ich ihm nicht nur die schönen Erfahrungen und Momente, sondern auch viele Wochen Bauch- und Herzweh. Erst, wenn auf meinem Herzchenpullover das letzte Leben mit dem verbliebenen, blinkenden Herz erlischt und sich ein schwarzes „Game over“ in mein Sehfeld schiebt, höre ich auf meinen Verstand.IMG_6243

Warum nicht gleich so?„, antwortet er jedes Mal und jedes Mal muss ich mich vor ihm und mir selbst rechtfertigen. Dass meine Antwort aber seit Jahren dieselbe ist, beruhigt mich sehr:

Weil ich ein Sammler bin und jeder Mensch, den ich kennen und lieben lerne, ein wirkliches Einzelstück – das perfekte Sammlerstück – ist. Und gerade weil jeder Mensch so einzigartig ist, hinterlässt er immer eine Lücke in meinem imaginären Setzkasten. Wenn ich sofort auf deine Warnungen hören würde, würde ich mir vielleicht auch einiges an negativen Emotionen, Streits und Verletzungen ersparen… aber dann wäre mein Leben auch um einige, unfüllbare Lücken reicher.

 

Published inSchreibenSonntagskolumne

2 Comments

  1. Uli Uli

    …wie wahr gesprochen und es wird nie anders werden oder sein…
    Zitatanfang:
    „Und gerade weil jeder Mensch so einzigartig ist, hinterlässt er immer eine Lücke in meinem imaginären Setzkasten. Wenn ich sofort auf deine Warnungen hören würde, würde ich mir vielleicht auch einiges an negativen Emotionen, Streits und Verletzungen ersparen… aber dann wäre mein Leben auch um einige, unfüllbare Lücken reicher.“ Zitatende

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