Zum Inhalt

Sonntagskolumne 17/14: Manchmal frage ich mich, warum…

…wir nur eine Funktion sind.

„Mein Name ist Horst, 53 Jahre alt und Vorsitzender der Zweigstelle der Firma blabla.“ „Ich bin Prof.Dr. Heinrich, 65 Jahre jung und leite eine mundchirurgische Praxis.“ „Leonard, mittlerweile  73, Vorstandsmitglied im Rat der…“

Aufgrund eines Projektes hat es mich für einen Abend in diesen erlesenen Kreis der Reichen und Schönen verschlagen. Ich sitze am Kopf einer langen Tafel, am anderen Ende hängt der Vorsitzende dieser Runde wie ein gelangweilter Kaiser in seinem Holzstuhl. Sie alle stellen sich mir nacheinander vor, als wäre es wichtig, zu wissen, welcher gerade das meiste Geld verdient.

Mein Bauch verkrampft sich und mir wird ein bisschen übel. Über diese Dekadenzeinstellung- mein Auto, mein Konto, meine Wichtigkeit – kann ich mittlerweile halbwegs entspannt hinwegsehen. Was mich aber während dieser Vorstellungsrunde wirklich schockiert, ist die Wahrnehmung der eigenen Identität. Jeder dieser Doktoren, Manager und Bereichsleiter definiert sich selbst automatisch durch den Posten, den er besetzt. Wie eine Maschine. Dass das überhaupt nichts über den eigentlichen Menschen dahinter zu tun hat, scheint niemandem aufzufallen.IMG_6633

Der personifizierte Zynismus murmelt als Autoverkäuferstimme in meinem Kopf: „Hier ist der schwarze 4-Türer, Allradantrieb, Navi und sehr teuer, daneben sehen Sie den bierbäuchigen Zweibeiner, Chef der Nahverkehrsgesellschaft, enorme Instandhaltungskosten aber dafür mobil dank eigener Jacht.“

Kurz bevor ich in dieser kleinen Vorstellungsrunde an der Reihe bin, überlege ich, mit einer völlig anderen Vorstellung ein bisschen Rebellion in die frühabendliche Dekadenz zu bringen, belasse es dann aber bei dem Gedankenspiel und füge mich dem Vorstellungsmuster. Auch, wenn die wichtigen Herrschaften jetzt keine Ahnung haben, welcher Mensch sich hinter „Josephine, 21, Studentin und blabla“ verbirgt, nicken sie wissend und ordnen mich in ihr Boxensystem ein. Vermutlich stehe ich in ihrem Weltgefüge irgendwo zwischen dem rostigen Trabbi und dem Klappfahrrad. Bastlermodell, familienunfreundlich, noch ausbaufähig.


Schlimm ist, dass so eine Selbstwahrnehmung und –beschreibung in fast jedem Kontext stattfindet. Selbst auf der alternativsten Studentenparty wird gleich zu Beginn  zur Einordnung immer gefragt: „Was machst du? Was studierst du?“ BWL Student? Nein danke, ich kenn schon genug komische Typen, machs gut. Malereistudent? Oha wow, was malst du so?

Du bist, was du machst– ist das so? Interessieren wir uns wirklich für den Menschen dahinter? Oder wollen wir ihn zunächst in eine Box stecken, um abzuwägen, ob wir überhaupt mehr als seine Funktion kennen lernen wollen? Vor allem aber:

Kennen wir uns jenseits von der eigenen Funktion überhaupt selbst?

„Ich bin Josephine, 21. Ich bin oft ein sehr lauter Mensch. Ich tue immer 1000 Dinge gleichzeitig und brauche Stress um mich wohl zu fühlen. Zwar vergesse ich Namen ganz schnell, aber dafür erinnere ich mich ganz intensiv an Momente und meine Emotionen. Ich spiele oft einen taffen Menschen, aber manchmal kann ich keinen Schlaf finden, weil mich die Geräusche der Nacht beängstigen. Ich mache gerne aus einer Mücke einen Elefanten und male oft schwarz-weiß. Wenn ich mal groß bin, möchte ich… Gelassenheit spüren und mit mir selbst im Reinen sein. Das ist zwar nur ein Bruchteil, aber: Wer bist du eigentlich?“

Natürlich wäre diese Vorstellung im Kontext der Arbeit ungewöhnlich und auch unangemessen gewesen. Man hätte mich nicht über eine Funktion, die ich erfülle, definieren und einschätzen können. Aber im Alltag, gerade im angenehmen Kontext, auf Partys, bei Freunden usw. wäre das doch mal ein Versuch wert.

IMG_6645

Published inSchreibenSonntagskolumne

2 Comments

  1. Markus Markus

    Du schreibst über das Identitätsgefühl anderer, dabei kannst du nicht wissen, wie sie sich selbst wahrnehmen oder wodurch sie sich tatsächlich charakterisieren. Vielleicht wollen Horst oder Prof. Dr. Heinrich in einer Runde vieler neuer und fremder Gesichter nicht sagen, dass sie fürs Leben gern unter der Dusche singen, dass sie die Farbe Violett erotisch finden oder sie seit fünf Jahren versuchen, Saxophon zu spielen, es aber einfach nicht schaffen, usw.. Vielleicht wollen sie so viele wahre und ehrliche Details zu ihrer Person, die sie ja letztendlich ausmachen, nicht preisgeben, sich weder entblößen noch entzaubern. Gewiss gibt es viele Menschen, die sich durch ihre “Funktion” identifizieren, wobei ein Vorstandsvorsitzender eher zu solch einem Verhalten neigt als ein Einzelhandelskaufmann. Traurig ist, wenn sich hinter der “Funktion” nichts weiter verbirgt als ein Leben, das auf oberflächliche Werte setzt. Wenn du Horst oder Prof. Dr. Heinrich fragst, was sie jenseits beruflicher und gesellschaftlicher Stellung ausmacht, gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: Sie zucken mit der Schulter und wissen nicht, wer sie sind. Oder zweitens: Sie erzählen dir eine wirklich persönliche Story – die Geschichte ihrer Persönlichkeit. Der Grund, warum sie nur Alter, Beruf, usw. genannt haben, ist schlicht und ergreifend in der Angst zu suchen, vor anderen nackt zu sein, seelisch nackt. Wenn ich auf einer Party viele neue Menschen kennenlerne, verrate ich lieber, was ich studiere, als über die Anatomie meiner Gedanken und Gefühle zu sprechen. Deine Beobachtung ist wahnsinnig abhängig von der Situation. Je intimer diese ist, desto größer ist die Offenbarung der eigenen Persönlichkeit. Die Tafel der Reichen und Schönen, die du beschreibst, wirkt wenig intim auf mich. Wer dort einen Seelenstriptease wagt, scheint mir stark extrovertiert zu sein. Frei von sich, und auch von seinen Schwächen, die unzertrennlich zu jedem Selbst dazugehören, zu erzählen, ist nicht jedermanns Sache. Im Bett mit einem Menschen, den man liebt, sieht das mit der Identität bestimmt ganz anders aus. Kurz: Fixierung auf ein oberflächliches Ego und natürliche Zurückhaltung der Persönlichkeit dürfen nicht verwechselt werden. Warum aber – und damit nähere ich mich dem letzten Punkt – stellen sich Menschen, die sich weder durch Stand charakterisieren noch scheu sind, was die Offenbarung ihres Selbst angeht, mit Dingen wie Studium oder Sonstigem vor? Ich glaube, das hat mit der Faulheit unseres Hirns zu tun. Wir wollen doch Menschen in Kategorien einteilen, sie in Schubladen stecken und in Boxen verstauen. Bei deinem gedankenspielerischen Gefühls-FKK wären wir vermutlich vollkommen verwirrt. Zugegeben: Sehen würden ich das trotzdem gern!

  2. Toller Artikel! :)
    Ich habe mir letztens die gleiche Frage gestellt – allerdings hervorgerufen durch ein ganz anderes Ereignis. Eine Freundin hat von einem WG-Casting erzählt, bei der ihr Mitbewohner den “Bewerbern” die Frage “Wofür brennst du?” gestellt hat, was sie extrem unangebracht fand. Und ich dagegen dachte mir – das ist echt eine klasse Frage für so ein WG-Casting :) Sie gibt dem Bewerber die Möglichkeit, irgendetwas Spannendes zu erzählen, sich von seiner besten Seite zu zeigen, sich zu profilieren… Und gleichzeitig ist es doch für einen selbst tausendmal interessanter, zu erfahren, was jemand liebt und gerne tut und was ihn interessiert, anstatt zu hören, was er studiert oder arbeitet. Schade, dass wir selten solche Fragen stellen und häufig in dieser Funktions-Schiene verharren…

Kommentar schreiben:

Close
%d Bloggern gefällt das: