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Sonntagskolumne 18/14: Manchmal frage ich mich, warum…

…wir keine Tiere sind.

Im Rahmen einer Entrümpelungsaktion fiel mir neulich, inmitten von Kisten, Staub und Trödel sitzend, ein altes Freundschaftsbuch aus der Grundschule in die Hand. Rot-blau-weiß leuchtete es mir in einer Kiste zwischen alten Zeitungen und dem Diercke Weltatlas entgegen- das Fix-und Foxi-Freundebuch! Die Generation vor mir hatte noch Poesiealben – ich habe auch mal eins von meiner Oma bekommen, aber in das wollten sich nur 2 Leute (inklusive meiner Eltern) eintragen. Seiten gestalten und mit schlauen Zitaten bestücken ist für meine Grundschulfreunde wohl zu anspruchsvoll gewesen. Das Fix und Foxi-Freundebuch hingegen besteht aus vorgefertigten Seiten, auf denen die Leute eine Art Lückentext ausfüllen und ein Foto von sich in die dafür vorweg gerahmte Ecke kleben müssen. Fast wie ein analoges Facebook-Profil.

Lieblingsessen, Lieblingsschulfach, das Lebensmotto- wobei ich mich heute frage, woher ein Grundschüler so etwas schon besitzen soll- zwischen all diesen Fragen entdeckte ich den halben Satz: „Wenn ich ein Tier wäre, wäre ich…“ Gut, ist auch nicht so außergewöhnlich, zumal in meinem Buch alle Mädchen entweder Delfin oder Pferd, die Jungs Löwe oder Bär eingetragen hatten. Aber als ich meine selbst ausgefüllte Seite am Anfang des Buches musterte, musste ich dann doch stutzen. Es war verblüffend, welch reflektierte und zukunftsorientierte Siebenjährige ich gewesen sein muss. Ganz klein, krakelig und mit einer ….individuellen Rechtschreibung stand dort:

Schwirkg. N bischen Möve, Eule, Gepart (weil schön & schnell)*“ Da die Lücken des Buches nichts für Unentschlossene sind, hatte ich am Rand noch: „*und Einhorn!“ hinzugefügt.

Das mag jetzt anmaßend klingen, aber theoretisch kann in diesen wenigen Tieren, die mein Siebenjähriges Ich gern gewesen wäre, meine Generation beschrieben werden. Vermutlich fiel mir das in diesem Moment auch nur auf, weil ich kurz zuvor eine Studie über „meine Generation“, also die heute 15-30 jährigen, gelesen hatte, die in Fachkreisen auch die Generation „Y“ genannt wird (Achtung, Wortspiel, Y Englisch ausgesprochen = „Why?“) . Fazit des Artikels war, dass wir eine Generation sind, die mehr als je zuvor nach dem Warum fragt. Wenn ich das jetzt auf die Tiere münze, die mein siebenjähriges, hochbegabtes Ich auswählte, lässt sich die Generation Why wie folgt zusammenfassen:IMG_6691

Die Möwe Wer träumt nicht vom Reisen, vom Entdecken, der Unabhängigkeit, Freiheit? Wir alle wollen die endlosen Möglichkeiten nutzen und sich als Charaktereigenschaft „Flexibilität“ auf die Fahne schreiben, das wird schließlich auch im Arbeitsleben verlangt. Frei wie ein Vogel, wir entscheiden selbst, was wir wollen. Wir sind selbstbestimmt, gestutzte Flügel? Nein, die Laufbahn bestimmen wir ganz allein!

Die Eule Wer macht nicht gerne die Nacht zum Tag? Fühlen wir uns nicht alle in Diskussionen über * – an dieser Stelle ein beliebiges, angesagtes Thema einfügen, bei dem es ein paar Stammtischparolen abzufeuern gibt- * klug, weil wir gerade einen Tweet dazu überflogen haben? Und klug wollen wir uns ja alle fühlen und wenn es gerade keine Diskussion gibt, dann schalten wir heimlich diese achsoverhassten Frauentausch-Brennpunkt-Dschungelcamp-suchtFrau Programme ein und ergötzen uns an der medial dargestellten Dummheit der anderen Menschen, um uns in der Werbepause zu sagen „Ach ja, die sind alle blöd, ich bin schon ganz schön schlau.

Der Gepard Wer kennt nicht auch diesen Wunsch nach Selbstbestimmung, nach dem „Ich arbeite dann, wenn ich Lust drauf habe, nicht wenn es mir die Gesellschaft vorschreibt. Und jetzt mal ehrlich, nie waren die Menschen so schnell und wendig, wie wir es heute sind. Grundschule im Mutterleib, Abitur mit zehn, erstes Mal mit 11, Studium – Bachelor und Master- spätestens mit 20 fertig und dann … ja, und dann? erstmal weitere Erfahrungen… machen? Suchen? Wonach? Sich selbst finden? Wir sind einsam auf unserem Weg durch die Wüste, einsam und rasend schnell. Und schön. Und das soll so sein.

Und damit zum Einhorn. Das steht, zumindest in meiner heutigen Sicht, für die Individualität oder dem zwanghaften Wunsch danach. Man möchte jemand sein, den es eigentlich nicht gibt, der aber in den Köpfen der Menschen ein Bild erzeugt und nur durch Gedanken existiert. Nur, wie definiert man etwas, das es gar nicht gibt?

Nun, man kann zum Beispiel Studien darüber führen, die allerdings nie ein genaues Ergebnis herausfinden werden, weil man Nichtexistenz schwierig analysieren und messen kann. Und wenn sich eine Generation auf Geburtszeitraum beschränkt, lässt sich über die darin enthaltenen Menschen so viel pauschalisieren, dass es fast wie ein Horoskop klingt.  Geschweige denn, diese „Generation“ definieren.

 Oder man bricht seine Meinung auf Tiere runter und tut dann so, als wäre es die Wahrheit, obwohl man weiß, dass mindestens 50% der Angesprochenen nicht angesprochen fühlen. Oder… man sucht nach dem Existenzbeweis. Gibt es eine Generation wirklich? Oder ist das nur ein eingeredeter Begriff, um sich nicht mit den einzelnen Menschen auseinander setzen zu müssen?

Published inSchreibenSonntagskolumne

4 Comments

  1. Hey, danke für deinen lieben Kommentar! Das Kompliment kann ich nur zurückgeben- hier gibts auch so viel Schönes zu lesen :) Ich gehöre übrigens zu der Generation, die noch richtige Poesiealben hatte. Dummerweise hab ich meins verloren…aber ich kann mich noch ziemlich genau an ein paar Standardgedichte erinnern. Liebe Grüße!

  2. Wirklich ein toller Text :) Ähnliche Gedanken mache ich mir auch des Öfteren… Ich hatte übrigens noch so ein richtiges Poesiealbum, da haben damals auch echt viele Leute reingeschrieben.

  3. […] dass sie nicht wollen müssen will – ein Text, den ich ganz doll nachempfinden kann. Josephine charakterisiert unsere Generation anhand von Tieren. Und beim Municorn wirds politisch – ein […]

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