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Sonntagskolumne 20/14: Manchmal frage ich mich, warum…

…Kuchenglocken ein Gefängnis sind.

 Ich habe eine Schwäche für Wolken. Sie gehören definitiv mit zu den schönsten Dingen auf der Welt. 

Manchmal, da ist mir, als würde sich eine unsichtbare Kuchenglocke über mich stülpen. Dann bin ich wie in einer Ohnmacht gefangen, höre zwar noch alle Geräusche der Welt, aber irgendwie dringen sie nur dumpf und verzerrt durch das Glas. Ich sehe zwar noch alles, aber über allem liegt ein sich spiegelnder Schleier. Ich kann zwar noch sprechen, aber die Hälfte davon geht auf dem Weg durch die gläserne Kuppel verloren. Alles ist so nah und lebendig wie zuvor, aber wenn ich meine Hand ausstrecke, berühre ich nur kaltes Glas. Jeder Schritt wird anstrengend, weil ich dafür die zentnerschwere Glocke verschieben muss. Stillstehen wird anstrengend, weil dann mein Herzschlag von den durchsichtigen Wänden widerhallt und in den Ohren dröhnt.

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Ich will etwas tun und will nichts tun, sitze unter der Kuchenglocke und weiß nicht weiter. Ich spüre, wie die Luft dünner wird, aber kann keine Steine schmeißen, weil es unter meiner Kuchenglocke keine Steine gibt. Gegen Wände hämmern hilft nicht, das Atmen fällt schwer, irgendwann hocke ich nur noch da und hoffe darauf, dass die Glocke wieder verschwindet, denn das tut sie nach einiger Zeit. Und genau dann versuche ich mich zu beruhigen und sehe in den Himmel, schaue mir die Wolken an. Das beruhigt wirklich.

Wenn ich nach Hause fahre, freue ich mich immer so sehr auf das Meer. Ich habe eine Schwäche für das Meer, es gehört definitiv mit zu den schönsten Dingen auf der Welt. Am Meisten, wenn die Sonne nicht scheint. Wenn die See rau ist, wenn es regnet und stürmt und die Wellen es in ein wütendes Monster verwandeln. Aber das Meer kann ich nicht jeden Tag sehen und das ist der Unterschied zu den Wolken. Wolken sind immer da, auch unter der Kuchenglocke kann ich sie sehen.

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Im Urlaub ist man immer so fasziniert von den Dingen, die man sieht, als hätte man plötzlich einen neuen Zugang zur Schönheit der Umgebung. Aber den Menschen, die dort wohnen, laufen nicht wundernd durch die Gegend, sehen nicht mehr das, was man selbst wahrnimmt, weil sie sich daran gewöhnt haben- und das ist normal. Im Alltag läuft man mit knittrigem Gesicht durch die Gegend und bemerkt in seinem Tunnelblick gar nicht mehr, was um einen herum passiert. Im Alltag ist oft kein Platz für die Schönheit von Momenten.

Und das ist, glaube ich, das Gute an der manchmal auftretenden Kuchenglocke. Ich weiß nicht, woher sie kommt, aber ich weiß, dass sie wieder geht, wenn ich lange genug in den Himmel gestarrt und die Wolken bewundert habe. Manchmal muss man sich selbst unter einer Glaskuppel fangen und zum innehalten zwingen, damit das Wunder, das Schöne, das Einzigartige eines Moments wieder wahrnehmen kann.

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Published inSchreibenSonntagskolumne

Ein Kommentar

  1. Ich kann dich gut verstehen. Genau so fühlen sich manche Tage an.
    viele Grüße Katrin

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