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Sonntagskolumne 01/15

Mehr Wertschätzung, bitte.

Pünktlich zum Jahresanfang habe ich mich in einem ruhigen Moment gefragt, ob ich Vorsätze für dieses Jahr brauche. Wo stehe ich, was mag ich und was würde ich gerne ändern? Vollkommen ehrlich gesehen, bin ich unterm Strich glücklich, nur leider vergesse ich das viel zu schnell. Also habe ich mich gefragt, wie mein Leben wäre, wenn bestimmte Selbstverständlichkeiten plötzlich verschwinden würden und siehe da: mein Vorsatz für dieses Jahr kristallisierte sich aus diesem Gedankenspiel heraus. Mehr Wertschätzung. Für kleine und große Dinge, für Selbstverständlichkeiten, Momente und Menschen.

Wenn ich nicht mehr sehen könnte, würde ich die Wolken, in strahlendem Weiß, als trübe Masse oder als Gewitterformation vermissen. Ich würde das Meeresglitzern vermissen. Mir würde es fehlen, beim Ansehen eines Menschen ein Kribbeln im Bauch zu bekommen. Ich habe zwar keine Ahnung von Malerei- aber werde oft beim Anblick eines Bildes berührt. Ich liebe es Bücher, Filme und Bilder anzusehen, einen Freund in einer Menschenmasse zu entdecken. Ich würde die Sonnenstrahlen vermissen und die Staubkörner, die in ihnen tanzen, ich würde sogar vermissen, das vermeintlich Hässliche zu sehen, um das Schöne wertschätzen zu können.

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Wenn ich nicht mehr hören könnte, würde ich den Soundtrack meines Lebens vermissen. Die manchmal schiefen Töne meiner Geige, eine Klaviersonate, das Prasseln des Regens auf dem Garagendach vor meinem Fenster. Ich würde es vermissen, morgens vom Wecker – oder am Wochenende vom Geschirrklappern in der Küche aufgeweckt werden. Oder vom Herzschlag eines anderen Menschens einzuschlafen. Das Blätterrascheln im Herbst, schreiende Kinder auf dem Schulhof, Meeresrauschen, ein Kompliment, das Klicken eines Feuerzeugs in der Stille, Applaus all das würde mir fehlen.

Wenn ich nicht mehr riechen und schmecken könnte, würde ich das salzig-fischige am Meer vermissen. Den Duft und Geschmack von frischen Erdbeeren, einem anderen Körper, meinem Lieblingsessen. Wie modriges oder frisches Holz riecht und Tränen schmecken. Ich würde den Geruch im Haus meiner Großeltern vermissen oder den, der Schwerelosigkeit. Zumindest riecht so für mich die Welt nach einem Regenguss im Sommer. Ich würde den Geschmack von einem Kuss oder des ersten Kaffees am Tag vermissen, sogar den bitteren Geschmack eines Verlusts. Und was würde mit den Erinnerungen passieren, die so unverhofft bei einem bestimmten Duft ans Tageslicht kommen?

Wenn ich nicht mehr fühlen könnte, würde ich den Druck der Klaviertasten vermissen. Das Fahren über warme Haut und kalte Wände. Staub an den Fingerspitzen, glatte Fenster und raues Sandpapier würde ich vermissen. Die Finger im Sand oder in Kaffeebohnen vergraben und den Dreck unter den Fingernägeln spüren. Splitter einreißen.

Wenn ich nicht mehr gehen könnte, würde ich es vermissen, in Pfützen zu springen. Endlose Spaziergänge zu machen, in Ruinen herumzuklettern, durch Matsch zu waten, auf Bordsteinkanten zu balancieren. Mir würde es plötzlich fehlen, zur Straßenbahn zu rennen oder mich für einen Kuss auf die Zehenspitzen zu stellen.

Und wenn ich nicht mehr denken könnte, käme es fast dem Tod gleich.

Published inSchreibenSonntagskolumne

Ein Kommentar

  1. Das hat mich gerade sehr berührt. Und es spornt mich an, morgen ein wenig bewusster in die neue Woche zu starten, achtzugeben auf das Selbstverständliche und Beiläufige und es dann hoffentlich noch mehr schätzen zu können

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