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Sonntagskolumne 02/15

Meinungslosigkeit

Neulich stellte ein Freund von mir fest: “Weißt du was ich beruhigend finde? Du studierst Politik, aber hältst dich mit deiner Meinung immer sehr zurück.” Obwohl er es als Kompliment gemeint hatte, bekam ich plötzlich das Gefühl, mich rechtfertigen zu wollen.

Weißt du, eine fundierte Meinung zu finden, ist glaube ich gar nicht so leicht….”

Es ist nicht so, dass ich keine Meinung habe. Eine Meinung hat man immer. Aber diese mitzuteilen, fällt mir wirklich nicht leicht. Zum einen finde ich, dass es uns schon verdammt gut geht, dass wir in einer Demokratie leben und keine gerechtfertigten Existenzängste haben, dass es uns fast schon zu gut geht und mir meckern deshalb oft absurd vorkommt. Aber andererseits sind manche Probleme ganz schön komplex, dass ich mir nur schwer eine Meinung bilden kann. Ich meine, es gibt immer zwei Seiten der Medaille. Wenn ich im Studium eins gelernt habe, dann, dass es kein erreichbares Ideal geben kann. Jede Veränderung zieht Konsequenzen mit sich und selbst, wenn man etwas zum “Guten” verändert, könnten sich dadurch andere Gegebenheiten zum schlechten verändern. Es gibt kein vollkommenes Richtig. Und sowieso: Reden verändert in den seltensten Fällen etwas. Wenn sich beispielsweise ein popeliger Politikstudent in einer Bar über korrupte Politiker aufregt, ändert das sicher nichts an Korruption.

Noch am selben Tag des Gesprächs, stöberte ich wieder auf meinen Lieblingsblogs herum und stieß auf den Beitrag von himbeermarmelade. Und dachte mir: Wow. Sie hat Recht. Sie schrieb:

“Es ist wichtig, dass wir alle ein Zeichen setzen. Wir müssen zeigen, dass wir nicht in so einer Welt leben wollen. Denn nun kann man nicht mehr wegschauen. Nun betreffen die aktuellen Ereignisse uns alle. Wir müssen zeigen, dass wir unsere (Meinungs-)freiheit nicht aufgeben wollen. Dass wir selbst darüber entscheiden wollen, ob und woran wir glauben. Wir müssen zeigen, dass Pegida der falsche Weg ist. “

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Entweder bin ich ein Hippie oder einfach nur naiv, aber ich glaube, dass sich alle Menschen respektieren und tolerieren könnten. Ich mag Menschen, ganz gleich aus welchem Land sie kommen, welche Hautfarbe, welchen Beruf, welche Vergangenheit, welche Zukunft sie haben, woran sie glauben oder was sie denken- solange sie keinem anderen schaden wollen.

Ich finde es furchtbar, was in Frankreich geschehen ist. Ich frage mich, wie groß der Stolz verletzt sein muss und wie viel Hass und Frustration es braucht, um Menschen wegen ihrer Meinung zu ermorden. Mindestens genau so furchtbar finde ich die Dinge, die sich gerade bei uns ereignen. Ich will die PEGIDA Anhänger nicht verteufeln, denn ich glaube, dass damit kein Konflikt gelöst wird. Dennoch steige ich nicht wirklich durch das Pegaida-Konzept, es scheint absurd und vollkommen widersprüchlich. Manche Forderungen machen mir Angst, weil sie einen sehr nationalistischen Unterton haben, andere Forderungen wiederum klingen fast schon vernünftig (bsp. “bessere Betreuung von Flüchtlingen durch Sozialarbeiter” oder “dezentrale Unterbringung für Kriegsflüchtlinge und Verfolgte anstatt in teilweise menschenunwürdigen Heimen“). Laut Studien sind PEGIDA Anhänger überwiegend im Mittelstand verortet, oftmals sogar nur allgemein politikunzufrieden, statt islamisierungs-verängstigt. Mitlaufen ist schließlich leichter, als selbst etwas ins Leben rufen. In meinem Kopf herrscht Verwirrung. Gibt es ein Richtig oder falsch?

In meinem Lieblingsbuch aus der Kindheit hatte die Protagonistin gesagt: “Angst ist, wenn man nicht weiß, was passiert.”  und auch, wenn das viele Jahre zurückliegt, muss ich heute daran denken.

Vielleicht trifft genau dieser Satz auf dieses ganze Wirrwarr zu. Angst vor Terror, vor dem Islam und seine Anhänger -weil man ihn/die Menschen nicht kennt. Und ich? Ich habe auch Angst. Angst vor einer Frontenbildung, der Zweispaltung der Bevölkerung in Pegida und Nopegida, Angst vor der Ausgrenzung von Andersartigkeit und dem Bild, das andere Länder von uns bekommen. Aber eine Universallösung habe ich auch nicht in der Schublade liegen, nur diese Meinung und das Bedürfnis, die Menschen zu umarmen.

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Published inSchreibenSonntagskolumne

Ein Kommentar

  1. Felix L. Felix L.

    Das ist Utopie, nicht mehr und nicht weniger. Kürzlich, noch vor Charlie Hebdo, habe ich eine Diskussion über die Beziehung von Mensch, Kultur und Gewalt gehabt. Das Ergebnis war ernüchternd..
    Unklar ist mir auch, ob das hier deine ehrliche Meinung oder vielmehr ein gut verdaulicher aber wenig gewürzter Einheitsbrei ist..

    Und bitte, ein Gedenken und die Opfer der letzten Wochen ist, wenn ehrlich gemeint, löblich. Im gleichen Beitrag aber auch von PEGIDA zu schreiben ist ebenso wenig angemessen wie sachdienlich. Die Mischung habe ich in den letzten Tagen des öfteren gelesen, in der BILD…

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