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Achim T. [Projektarbeit: Aufbruch]

Frisch aus der Prüfungsphase flatterte ein ganz besonderes Projekt ins Haus: Im Rahmen der heutigen Ausstellungseröffnung „Aufbruch“ wurde ich um eine kurze Geschichte gebeten, in der ich meine Interpretation vom Konzept der zwei Künstler literarisch verarbeite. Besonders spannend fand ich, dass die beiden eben keine Reportage oder direkte Beschreibung ihres Projektes wollten, sondern nur eine Erweiterung, eine Fortsetzung ihrer Ideen auf der Ebene der Literatur, um noch einen neuen Zugang zur Thematik zu bekommen. Bei Interesse an der Ausstellung „Aufbruch“: am Ende des Posts finden sich alle Daten dazu.

postkarte

Achim T.

Die Begegnung mit Achim hatte eine Veränderung in T. ausgelöst. Sie hatte seine Realität gepackt und um ein Stück verschoben.

Quer durch seinen Kopf verlief eine unsichtbare Wand, gegen die er beim Denken immer und immer wieder stieß. Sie tauchte immer dann auf, wenn T. versuchte, die Welt aus den Augen eines anderen Menschen zu sehen. Sie verhinderte, dass er sich vom eigenen Standpunkt  loslösen konnte, so sehr er sich das auch wünschte. Nur einen Moment lang die Gedanken anderer Menschen haben. Ein einziges Mal nur hinter die Wand sehen und spüren, was andere spüren. Alles vollkommen unmöglich.

Große Worte wie Verständnis oder Mitleid wurden so oft gebraucht, aber für T. waren das nichts als bedeutungslose Phrasen, realitätsferne Utopien. So viel er auch denken konnte, sich selbst konnte er nicht wegdenken.

Achim war obdachlos und hing immer in den städtischen Sparkassen rum.  T. sprach ihn an, als er ihn mal wieder vor der Sparkasse in seinem Viertel sah. Er saß auf seiner Bank, rauchte einen Zigarillo und grinste zahnlos. Er wirkte freundlich, aber verströmte einen so unangenehmen Geruch, dass T. instinktiv auf Abstand blieb. Achim war das egal. „Schlimmer wärs, wenn ich für Andere nicht existieren würde.“ Er bezog sich auf das Naserümpfen von Fremden, wenn er sich im Winter in der Bankfiliale aufwärmte und sich sein verstörender Gestank – eine Mischung aus Urin, Käsefüßen und ungewaschenem Glied- im ganzen Raum verteilt hatte. Achims Grinsen war beim Reden immer breiter geworden und warf die wettergegerbte Haut in Falten. Beim Betrachten von Achim spürte T. wieder diese Grenze und ganz unwillkürlich platzten aus ihm die Fragen heraus, die im Kopf nagten: wie Achims Welt aussah, welche Erlebnisse prägend, welche Momente außergewöhnlich… Achim erhob sich von der Bank und wandte sich zum Gehen. „Mein Freund, wir leben auf‘m gleichen Planeten und sojar inner gleichen Stadt, wat soll ich da schon erzähln?“ T. wollte antworten, doch Achim fuhr fort:  „Zuhören. Mehr jeht halt nich. Wat soll man ooch sonst mitn Menschen anfangen?“

T. bemerkte erst Wochen später, als er nachts aus einem Spätverkauf kam, was die Begegnung mit Achim ausgelöst hatte. Zwei düstere Typen unterhielten sich an einem Stehtisch. „Wennde grade ne Bockwurst mit Ketchup und Senf anner Tanke jegessen hast … und davor 3 Kippen und n Bier hattest… und dann rülpsen musst: Dat isses! Jenau so hatte se jerochn, wie dieser Bockwurst, Senf, Kippen, Bier, verschwitzter Arbeiter- Rülpser!“ Die unsichtbare Wand existierte noch, aber irgendwie schien sie sich verschoben zu haben, da war plötzlich mehr Platz in seinem Kopf – und nicht nur da, auch in der Stadt war auf einmal mehr Platz. Platz zum Denken. Er fragte sich oft, was Achim in letzter Zeit erlebt hatte und wo er sich im Augenblick befand.  Seit dem Gespräch damals vor der Sparkasse war ihm Achim nie wieder begegnet.  Wenn ihn unterwegs irgendwo Gesprächsfetzen ansprangen, dann bastelte er in Gedanken daraus Achims Geschichte. Die fremden Aussagen formten ein Mosaik, das sich gegen die Blockade im Kopf auflehnen konnte. T. glaubte, endlich die Welt mit Achims Augen zu sehen.

Dort saß Achim gerade in einem Kaffee und eine Frau am Nebentisch sagte: „Es geht hier um eine Struktur, die du dem Leben geben musst.“  Und gestern hing er in einer Absteige am Stadtrand rum, rauchte Zigarillos und lauschte den schmutzigen Witzen des Barkeepers.  „Ich mag meine Frau wie den Kaffee: Ohne Penis“ Sein zahnloses Grinsen wurde beim betrunkenen Gestammel anderer Gäste immer breiter.

 „Dit is schon nich leicht, dit Leben.“, sagte Ralf und deutete kopfnickend auf den müden Araber, den Besitzer des Spätis, der an der Kasse stand und sich die dunklen Augen rieb. Die blinkende Leuchtreklame im Schaufenster warf ein fahles Licht auf ihn. Lasse brummte zustimmend und schlurfte an seiner Bierdose, als wäre sie ein Heißgetränk. Ein Mann kam aus dem Laden und ging, halb schwankend, halb tanzend, an ihrem Stehtisch vorbei. „Jajajajajaaaah, guckse dir an, die Spinner. Allet Spinner hier. Kann man froh sein, dat man nich in die Köpfe guckn kann, wa“, sagte Ralf. Lasse rülpste zur Antwort eine stinkende Schnapswolke in die Nachtluft und dann starrten sie wieder schweigend den Araber in seinem Laden an.


AufbruchPoster verkleinert

Das Konzept aus Malerei und Installation könnt ihr in der Burgstraße 2, 06114 Halle (Saale) bis zum 20.02.2015 bestaunen.

Mich könnt ihr auch direkt heute Abend um 19 Uhr bei der Eröffnung antreffen. Natürlich sind auch die beiden Künstler –

Leonard Korbus (Halle) und Christoph Görke (Düsseldorf) –

direkt vor Ort, um eure Fragen, Ideen und Anregungen aufzunehmen und  mit euch ins Gespräch zu kommen.

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