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Sonntagskolumne 04/15

Kekse statt Trost

Die Tram ist bis unters Dach mit Menschen befüllt und schleppt sich durch die frühabendliche Stadt. Mittendrin sitze ich und lausche der Musik, die viel zu laut aus meinen Kopfhörern kommt. Ich hätte jetzt gern Kekse, die mit den eingebackenen,  großen Schokoladenklumpen. Die würd ich jetzt so gern essen, aber nicht hier, nicht so furchtbar eingequetscht mit Fremden, deren Winterjacken komisch riechen und mich berühren, wenn  die Tram um eine Kurve kriecht. Instinktiv versuche ich den Abstand zwischen meinem Sitznachbar und mir um ein paar Zentimeter  vergrößern und drücke mein Gesicht gegen die Scheibe. Draußen ist es stockfinster und verregnet. Die Kekse mit den Schokoklumpen gehen mir nicht aus dem Kopf, obwohl ich weder hungrig noch unterzuckert bin.

Viel eher bin ich sowas von satt. Vollkommen übersättigt- mit der Stadt, komisch riechenden Menschen, Wintergrau, Kälte, Alltag. Und ich bin so ausgehungert. Unterversorgt mit guten Momenten, Sonne, Neuem und Glück.

“Bleib auf’m Teppich. Noch 6 Tage, dann gehören deine Wehwehchen der Vergangenheit an. Also reiß dich gefälligst zusammen und krieg deine Winterdepression unter Kontrolle.“, ermahne ich mich und besinne mich wieder auf die Kekse, obwohl ich weiß, dass ich mir damit gerade selbst etwas vormache.

Mein Gedankenspiel ist nichts als Ablenkung. Man muss an Kekse denken, wenn richtiger Trost gerade nicht vorrätig ist. Durch Konzentration auf ein banales Problem das eigentliche von sich schieben.

Als das nächste Lied beginnt, muss ich schmunzeln, trotz des bitteren Geschmacks auf der Zunge. Die Tramfahrt gerade könnte auch eine Szene aus einem Lieblingsfilm sein: ProtagonistIn sitzt inmitten von Menschen und ist dennoch allein, ernste Mienen, trostlose Umgebung. Sie guckt träumend aus dem Fenster, Regieanweisung: währenddessen völlig unpassende Gute-Laune- Surfmusik einspielen.  

Es sind genau Momente, wie dieser, die unverhofft Trost spenden. So lange bei mir das Bewusstsein für solche Momente vorhanden ist und so lange ich nicht in der Tristesse abstumpfe,  können mir finstere Gedanken gar nix. Bis ich zum Zyniker werde, müssen sich noch ganze Armeen von überfüllten Trams durch die Stadt schleppen.

Published inSchreibenSonntagskolumne

Ein Kommentar

  1. So ein Bruch, der eine Situation vollends niedermäht und ins Gegenteil kehrt, ist was Tolles. Als wenn die Welt einem zärtlich mitteilen möchte: Ich kann es auch anders: In schön. ;)

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