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Sonntagskolumne 05/15

Ist das oberflächlich?

Zurück aus Kalifornien. Situation in Deutschland, Freitagnachmittag in einer Drogerie: “Schönes Wochenende”, wünsche der Mann vor mir der Kassiererin, ohne ihr auch nur ein einziges Mal ins Gesicht zu sehen. Sie antwortete: “Vielen Dank, das wünsche ich Ihnen auch“, während sie schon mein Zeug einzuscannen begann.

Schon bevor ich zum ersten Mal 2010 in die USA gefahren bin, wurde ich auf die Oberflächlichkeit der (US-)Amerikaner gewarnt: “Du wirst zwar das Gefühl haben, dass alle viel offener und freundlicher sind, aber nach einer Weile wirst du merken, dass diese Freundlichkeit sehr oberflächlich ist.” 

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Seitdem ich zurück bin, wurde die Oberflächlichkeit schon einige Male zum Gesprächsthema. Vielleicht ist sie einfach ein Klischee. Wie, dass alle dort nur Fastfood essen und dick sind. Oder, dass sie Waffen verherrlichen und kriegsgeile Patrioten sind. Es heißt ja immer, das Klischees einen Funken Wahrheit enthalten und vermutlich gibt es Regionen in den USA, wo Waffen alltäglich sind und viele Übergewichtige leben. Kalifornien – insbesondere San Francisco- gilt als besonders liberal und offen, ein Sonderling im Vergleich zur restlichen USA. Wahrscheinlich ist das ein Grund, warum ich die gängigen Klischees nach meinen Erlebnissen nicht bestätigen kann- vor allem was die oberflächliche Offenheit betrifft.

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Als ich meine ersten Reiseimpressionen festgehalten hab, hatte ich diese Offenheit schon thematisiert. Im Laufe der Reise verstärkte sich bei mir das Gefühl, dass dort eine ganz andere Wahrnehmung des Individuums herrscht. Es war ein bisschen so, wie auf einem Dorf. Jeder kennt Jeden und deshalb entsteht eine seltsame Vertrautheit- der gravierende Unterschied ist aber, dass man sich auf San Franciscos Straßen höchstwahrscheinlich nicht kennt. Beim Einkaufen begegnet man sich und fragt nach dem Tag, tauscht sich in einer Warteschlange über das Tagesgeschehen aus oder gibt auf offener Straße ein Kompliment zur Haarfrisur/den neu aussehenden Schuhen/ dem Lächeln/(…).

Aber ist das  oberflächlich? Macht es überhaupt Sinn, nach Oberflächlichkeit in diesem Rahmen zu fragen?

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Als mir eine fremde Frau mitten auf der Straße ein Kompliment zu meinen Schuhen machte, stellte ich mir diese Fragen. Sie hatte keinen Grund, etwas im Vorbeigehen zu heucheln, deshalb ging ich davon aus, dass sie es ehrlich meinte. Wortgetreu war das oberflächlich von ihr, schließlich ging es nur um Schuhe. Aber ein Fremder kann doch gar nicht ein tiefsinnigeres Kompliment machen. Wäre gar kein Kompliment deshalb besser? Mich hatte es in der Situation unglaublich gefreut, so etwas habe ich in Deutschland noch nie erlebt. Stur, verbissen und mit einem Tunnelblick kommen mir manchmal die Passanten hier vor; Fremde werden ausgeblendet.

Doch was ist nun oberflächlich? Ich verbinde mit diesem Wort negative Eigenschaften und Verhaltensweisen: heuchlerisch, unehrlich, nur auf das Aussehen fixiert, am anderen nicht interessiert sein, aus Höflichkeit nachfragen, bedeutungslose Floskeln (z.B. “Wie gehts?”) benutzen. Wenn es stimmen würde und die Menschen dort wirklich sehr oberflächlich wären, hätte ich in drei Wochen keine Freundschaften schließen können und nur die Hälfte von dem erlebt, was ich tatsächlich erlebt habe.

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Als ich am Anfang Menschen kennen lernte und sie mir – mit einem Bier in der Hand und lauter Musik im Hintergrund- sagten, dass sie mir diesesundjenes zeigen wollen und wir unbedingt was starten müssen, bevor ich zurückfliege, hatte mein erfahrungsbedingter Realismus geflüstert: “Das sagen sie jetzt aus Höflichkeit und allgemeiner Abendbegeisterung. Die melden sich eh nie wieder.” und wären diese Menschen oberflächlich gewesen, hätte das auch gestimmt. Aber mein Realismus war immer im Unrecht und nun muss ich mich fragen, woher dieses Klischee kommt. Im Nachhinein möchte ich sogar behaupten, dass – wenn wir schon bei Stereotypen und Verallgemeinerungen sind- die Deutschen auf mich viel oberflächlicher als die Kalifornier sind.

Published inSchreibenSonntagskolumne

Ein Kommentar

  1. Ein sehr guter Post! Eine Freundin von mir hat letztes Jahr eine Amerikarundreise gemacht und war von San Francisco auch absolut begeistert, sie meinte sogar, es wäre die schönste Stadt auf ihrer Reise gewesen – eben weil sie so liberal und offen ist wie du sagst.
    Manchmal habe ich auch das Gefühl die Leute bei uns starren nur so aneinander vorbei, beziehungsweise ausnahmslos in ihr Handy ohne ihr Umfeld zu beachten. Aber es gibt ja auch immer Ausnahmen: ich wurde auch schon in München beispielsweise darauf angesprochen woher ich meinen Pulli hab oder ähnliches :)
    Auf jeden Fall ein toller Text, der zum Nachdenken anregt! :)
    Liebe Grüße
    Anna

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