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Sonntagskolumne 06/15

Der Wirus

„Wir wissen auch nicht, warum das so ist. Aber wenn wir erstmal zur Ruhe kommen, finden wir oft nicht die Motivation, uns spontan aufzuraffen.“

„Nee, ne. Spontanes aufraffen ist überhaupt nicht für uns.“

Die beiden grinsen mich händchenhaltend an und ich lasse meinen Löffel absichtlich fallen, damit ich meine Fassung da irgendwo unterm Tisch wiederfinden kann. Seit wir uns zu dritt auf einen Kaffeeklatsch vor zwanzig Minuten getroffen haben, ertrinkt mein ich allmählich in diesem ganzen „wir finden, wir machen, wir fühlen, wir glauben. „

Warum zur Hölle verschmelzen manche Paare zu einem einzigen Wir? Wann bleibt das Ich auf der Strecke? Verliert man es bei dem „Schatz, lass uns heute mal Pizza bestellen“ oder beim „Können wir heute vielleicht einfach nur schlafen? Der Tag war doch so anstrengend…“ oder wirft man es sogar absichtlich weg?

Strebt man den Verlust der eigenen Individualität an, weil man mit jemandem verschmelzen will?

Ich muss unweigerlich an den Mythos Symposion denken und beginne zu grinsen. Ja, die zwei hier neben mir haben ihre andere Hälfte gefunden und beginnen wieder zu einem Kugelmenschen zu verschmelzen. Ich komme mir zynisch vor, obwohl ich das gar nicht so meine.Ich bin weder einer dieser frustrierten Singles, die Pärchen generell zum kotzen finden, noch eine dieser Beziehungsfrustierten. Und ich hab die zwei wirklich gern und „ich freue mich ja so für euch, dass ihr jetzt offiziell zusammenwohnt!*

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*Huch, mir fällt gerade auf, dass es aktuell sogar zwei Pärchen in  meinem Freundeskreis gibt, die sich angesprochen fühlen könnten. Vielleicht sogar drei. Ist das Wir eine ansteckende Krankheit?… Vier? Heiliger Strohsack, vier! ein vierfacher Fall vom neuen WIR-us. Das kann doch nicht wahr sein. Leute, mal ernsthaft, wo ist eure eigene Persönlichkeit geblieben? Nich cool!


Jedenfalls frage ich mich in solchen intensiven Pärchen-Momenten, wo die eigene Persönlichkeit geblieben ist. Mir gegenüber erzählt das händchenhaltende Wir von seinen gemeinsamen Strick-Erlebnissen und küsst sich dann innig. Mir wird übel, ich frage nach der Rechnung. „Oh wir wollten jetzt auch los, wir kochen jetzt nämlich noch!“ sagt das händchenhaltende Wir und verlässt mit mir gemeinsam die Bar. Umarmung, bis bald, macht’s gut.

Abends vorm einschlafen grolle ich vor mich hin. Bei irgendwem muss ich mich ja darüber beschweren, wenn gerade erst Dienstag ist und ich bis Sonntag warten muss? Aber mein Freund ist da zum Glück ganz verständnisvoll.

„Keine Sorge, wir fangen mit sowas nie an. Wir finden das so überhaupt nicht cool.“

„Ja, Überhaupt gar nicht cool.“

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Published inSchreibenSonntagskolumne

5 Comments

  1. Ich mag deinen Schreibstil sehr gerne :) Bin hier gerade zum glück zufällig über FB gelandet.
    Ach das schöne „Wir“, dazu muss man wohl auch erstmal sagen ich bin nun eine weile in einer beziehung und wir leben auch zusammen ( HA! da ist das „wir“)
    Ich nutze es auch überraschend oft, aber ich denke das ist nicht unbedingt das verschmelzen sondern auch die gewohnheit. dadurch dass mein freund und ich zusammenwohnen rutscht da das „ne heute geht nicht, wir kochen gemeinsam“ gerne mal raus . „Wir“ machen es ja gemeinsam (nicht das , was die allgemeinheit wieder denken mag) das spielt sich fast schon ein, wobei ich es persönlich nicht schlimm finde so lange man noch alleine etwas unternehmen kann ohne sich nach 20 minuten verloren zu fühlen :)

    liebe grüße Hydrogenperoxid – Lifestyle Blog

  2. Haha, ein sehr schönes Ende :) Ich find so was ja persönlich auch ganz schrecklich. In meinem Freundeskreis kriegen das zum Glück alle Paare ganz gut hin und verschmelzen nicht komplett, bis auf eines – und das ist zu zweit wirklich schwer zu ertragen…

  3. ach gott, bin ich froh, dass ich deinen blog grad durch zufall gefunden habe.
    ich finde den text extremst cool!
    bin auch in einer beziehung (glücklich und zufrieden und nicht frustriert), aber diese beschriebenen pärchen, gehen mir ja sowas von aufn sack. auch die, die vor lauter verliebtheit alles um sich vergessen und sich am besten noch in aller öffentlichkeit abschlabbern.
    ich frag mich manchmal, ob ich nicht normal bin oder die…keine ahnung.

    so, senf dazu gegeben…freu mich schon auf weitere posts von dir ;)
    lg
    pssshhht.blogspot.com

  4. WIR-us – herrlich. Liebe Josephine, wieder mal eine tolle Kolumne. Wegen diesen Texten bin ich gekommen und geblieben. Ich bin zwar vergeben und sagen auch des öfteren mal das Wort „Wir“, aber wenn ich mir da so ein paar befreundete Pärchen sehe, die wirklich ausnahmslos aneinander kleben, kommt selbst mir ein bisschen Kotze hoch. (Pardon) Wir-Sagen ist schön, tut auch gut, aber es gibt auch durchaus mindestens genau so viele Ich-Momente, die man auch nutzen sollte!

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