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Wenn Reisen Angst macht

Über drei Umwege bin ich auf die Blogparade von Julia gestoßen. „Wenn Reisen Angst macht“ war der Aufruf, über die Ängste, mit denen man auf Reisen zu kämpfen hat, zu schreiben. Das Thema sprang mich sofort an, die Gedanken dazu sprudelten aus mir heraus, sodass ich heute meinen Senf dazu geben möchte.

Ich bin nicht mutig, sondern optimistisch.

Ich bin nicht mutig, sondern naiv.

Ich bin nicht mutig, sondern mutig.

 

Wenn ich reise, habe ich eigentlich nie Angst. Eigentlich. Kaum bin ich unterwegs, breitet sich eine tiefsitzende Gelassenheit in mir aus. In jeder Situation, die Angst hervorrufen könnte, werde ich zum Optimisten und sehe die Welt durch meine rosarote Reisebrille. Im Schlechten sehe ich dann immer nur das Gute; wenn es auch nur die daraus gewonnene Erfahrung ist. Vielleicht bin ich da auch etwas naiv und habe einfach bisher zu wenig Schlimmes erlebt, als dass da Ängste entstehen könnten.

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Jede Angst braucht ihr Futter. Meine Angst ist magersüchtig.

Sobald ich mich auf eine Reise begebe, lasse ich den Alltag und die daran hängenden Gedanken weniger Kilometer hinter meiner Heimatstadt zurück. Mein Kopf wird plötzlich frei und meine Schritte werden leichter, ich grinse ununterbrochen und lache öfter. Ja, mein Glück liegt in der Distanz und Fernweh ist bei mir chronisch.

Dann taumele ich losgelöst durch meine Reiserealität und genieße jede Sekunde. Auch die Momente, in denen ich allein bin, irgendwo herumlaufe, mich treiben und die Umgebung auf mich wirken lasse. Mich auf mein Innerstes einlasse. Und dennoch habe auch ich eine Schwachstelle. Der einzige wunde Punkt versteckt sich in meinen eigenen Gedanken.

Wenn ich dann mal zum Luft holen komme und auf das holpernde Herz höre, muss ich über Dinge nachdenken, die im Alltag untergehen. Und dann kommt manchmal die Angst herangeschlichen. Angst vorm kritischen Hinterfragen – oder eher: Angst vor den Antworten. Angst, mir bei der Auseinandersetzung mit Erinnerungen selbst ein Bein zu stellen, meine Schwächen zu entdecken und schlussendlich: mich selbst nicht zu mögen.

Ja. Nur die still gedachten, selbst gestellten Fragen locken mich aus der Reserve.

Was hab ich da nur getan? Warum war ich so? Wieso konnte das nur so kommen? Warum ist heute alles anders? Renne ich vor etwas weg? Was suche ich? Bin ich heimatlos? Mache ich mir etwas vor?

Es sind solche Gedankenspiralen, die eine ungeheuer große Melancholie zum Leben erwecken. Weich und erdrückend schließt sie ihre Arme um mich und ich weiß nicht, ob ich genießen oder nach Luft ringen soll. Meine zwei Realitäten prallen dann aufeinander und ich stehe fassungslos dazwischen und lasse mich von ihnen zerquetschen.

Ich komme mir dann wie eine Karikatur meiner Selbst vor, wie eine große Lüge. Der Wind ist aus meinen Flügeln genommen, ich bin atemlos und gelähmt, bittersüß traurig und leer. Unsicher, was ich nun fühlen oder tun soll.

Nach einigen Momenten verfliegt die Melancholie wieder und die Leichtigkeit kommt zurück. Die Fragen verblassen, aber sie verschwinden nie ganz. Sie verkriechen sich in einer dunklen Ecke und hoffen auf die nächste Reise und meinen nächsten Anfall von Melancholie. Sie dösen und träumen von dem Tag, an dem sie von mir beantwortet werden können.

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Published inReisenSchreiben

3 Comments

  1. Johanna Johanna

    Ich kenne das – gerade auf Reisen, mit einer Distanz zu dem ganzen Alltäglichen, denke ich plötzlich intensiv darüber nach und werde davon mitunter ein bisschen gefühlsduselig. Aber furchtbar ist das nicht, auch keine richtige Angst. Eben diese Melancholie, die du wunderbar in Wörter gesteckt hast.

  2. Dieses Gefühl kenne ich auch gut. Diese plötzliche Melancholie und die Zweifel – vor allem, wenn einem vor der Reise noch vorgeworfen wird: Du haust doch nur ab!
    Ängstlich bin ich sonst auf Reisen eigentlich auch überhaupt nicht – solange ich die Sprache des Landes beherrsche. Wenn ich mit Englisch oder Französisch nicht durchkommen kann, fühle ich mich ein kleines bisschen weniger wohl. Und seit meiner letzten Reise, weiß ich, dass es noch eine sehr absurde Angst gibt, wenn man auf Reisen ist: Die Angst, nicht mehr nach Hause zu wollen und die Angst, wieder nach Hause zu müssen. Verrückt, wie’s manchmal geht…

  3. Ich finde überhaupt nicht, dass das Reisen ein Weglaufen ist…so wie es einen ja doch viele weiß machen wollen. Ich persönlich mag mein Leben…schaffe mir Glücksmomente im Alltag. Freue mich tatsächlich auch mal wieder nach einer Reise nach Hause zu kommen.
    Reisen ist für mich kein weglaufen..sondern das größte Glücksgefühl. Mein Hobby…meine Passion und Leidenschaft. Reisen bereichert mein Leben.
    Ich unterstelle Sportlern oder Künstlern ja auch nicht das sie vor etwas weglaufen.
    Mir geht es ähnlich wie dir…ich sehe das Leben auf Reisen teilweise rosarot. Aber ganz ehrlich: es ist auch alles etwas besser als es zum Beispiel in den Nachrichten dargestellt wird. Die Menschen auf die man trifft, möchten auch nur glücklich sein.. Ausnahmen gibt es leider überall…

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