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Sonntagskolumne 07/15

Sinnlose Unzufriedenheit

Ich sitze in meinem Zimmer und schwitze, obwohl ich nur das blau-weiß gestreifte Flatterkleid anhabe. Aufgrund seiner Länge ist es eigentlich nur ein schlabbriges Top, allenfalls ein Hemdchen. Als ich mir aus dem Gefrierfach Eiswürfel holen will, bestätigt das auch C, mein Mitbewohner.

Wo hast du den Putzlappen denn ausgegraben?“ „Es ist viel zu warm, um irgendwas Vernünftiges zu tragen!“  In dem Moment schneit – äh, tropft- Mitbewohnerin F. in die Küche und gibt ihren Senf dazu. „Ich finde ja sowieso, wir kennen uns jetzt alle gut genug, um zu einer Nudisten-WG zu werden!“ Ehe das Thema diskutiert werden kann, stelle ich ernüchternd fest: Die Eiswürfel sind leer.

Ein Stöhnen geht durch die WG. „Ich will wieder Winter! Es ist viel zu heiß. Ich klebe die ganze Zeit, entweder von Schweiß, von Sonnencreme oder von Mückenspray. Und ich will mich auch endlich wieder nach dem Duschen geduscht fühlen!“, jammert F.

Ich grummele etwas Zustimmendes und schleiche in mein Zimmer zurück. Die Gemüter sind schon genug erhitzt, lieber alleine im Selbstmitleid versinken. Aber Recht hat sie, hatte ich nicht auch erst vor einer halben Stunde geduscht? Meine Haare, die sonst Stunden zum Trocknen brauchen, fühlen sich wie ein Strohbüschel an. Doch bevor ich vollends in Unzufriedenheit abdrifte, erinnere ich mich an eine Situation im Dezember, als unsere Heizung nicht ging und wir frierend in der Küche den Winter verfluchten.

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Wollen wir immer nur das, was wir nicht kriegen können?

Klar, diese Frage kennt man. Sie wurde schon so oft gestellt, dass sie fast langweilig sein könnte, wenn ihre vermeintliche Antwort nicht so schwer zu erklären wäre. Mir fallen spontan ganz viele Beispiele für ein „Ja!“ ein.

Menschen mit Locken, die sich glatte Haare wünschen- und umgekehrt. Kleine Menschen, die größer sein wollen- und umgekehrt. Ältere Menschen, die jünger sein wollen- und umgekehrt. Singles, die sich eine Beziehung wünschen- und umgekehrt.

Aber warum sehnen wir uns immer nach dem scheinbar unmöglichen?

Ist es genetisch so festgelegt, dass wir unzufrieden sind, mit dem, was wir haben? Oder ist es ein Phänomen der Zeit, unserer Gesellschaft geschuldet oder gar eine Krankheit? Und: Betrifft es nur einen ganz bestimmten Schlag von Menschen? Bin ich auch so?

Ich denke an diese ganzen Esoterik-Selbstratgeber-Sprüche, wie „Lebe den Moment“, „Yolo“ oder „Nur wer sich selbst liebt, kann geliebt werden“ und frage mich unweigerlich, wie unzufrieden ich bin. Als meine Unzufriedenheit auspackt, kriege ich einen Schreck: „Josephine, dich macht unzufrieden: deine Einstellung zum Studieren, dein Studium, die wenige Zeit für Freunde und Familie, die geringen Fortschritte beim Schreiben, die Vereinten Nationen, die Eu-Flüchtlingspolitik, der Welthunger, negative Emotionen, dein kaputtes IPhone Display, deine Segelohren, der Pickel am Kinn und deine Oberschenk…

Klappe jetzt!

Ich bin aber noch lang nicht fer…“ „Joooooooosi!!“

F.s euphorischer Ruf lässt meine Unzufriedenheit verstummen. Ich erhebe mich schwerfällig aus meiner bequemen Siesta-Position und schaue in das breite Grinsen von F.. „Wasn jetzt los?“ Sie streckt mir stolz ein gefaltetes Stück Landkarte entgegen. „Guck mal, ich hab Fächer für uns alle gebastelt!“ „Aus einer Landkarte?“ „Ja, wir können uns jetzt alle die Luft aus kalten Regionen der Erde zufächeln. Hier, der Südpol ist für dich.“

Und in diesem Moment glaube ich, diese Sehnsucht nach dem Unmöglichen zu verstehen. Sie ist vielleicht sogar unglaublich wichtig. Sie ist oft der Antrieb zur Veränderung. Wir dürfen uns nur nicht von dem Gedanken des Unmöglichen einnehmen lassen, sonst resignieren wir. Im Umkehrschluss ist vollkommene Zufriedenheit Stillstand- und Stillstand wäre ja langweilig.

Zwar gibt es genug Punkte, mit denen ich unzufrieden bin, aber wenigstens habe ich an einem so heißen Tag einen ziemlich kühlen Kopf bewahrt. Und ich habe einen neuen Fächer. Das reicht fürs erste. Oder wie das Muttertier einwerfen würde: „Man kann eben nicht alles haben.

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Published inSchreibenSonntagskolumne

7 Comments

  1. Uli Uli

    Kühler Kopf ? aber klare Gedanken und um es mit deinen Worten zu sagen…“das Muttertier“ hat Recht…Man(n) oder Frau kann nicht alles haben. Seien wir glücklich mit dem was wir haben…andere haben es nicht so gut…Du weist wovon ich rede…

  2. Du sprichst etwas an, das irgendwie typisch Mensch ist :D Und irgendwie auch ziemlich schlimm: Im Winter ist es zu kalt, im Sommer zu warm. Mecker, mecker. Man kann tatsächlich nicht alles haben ;)

    P.S.: Bin gerade zum ersten Mal hier gelandet und dein Blog gefllt mir gut!

  3. Der Gedanke „Embrace the Unzufriedenheit“ gefällt mir gerade sehr gut (nicht zuletzt, weil du mit dem Wetter-Gemecker sowieso immer meinen Nerv triffst. Das Idealwetter für mich? 23 Grad und lauer Wind. Alles andere macht mich wettertechnisch unzufrieden :P ) – eben aus dem von dir angeführten „Nur wer unzufrieden ist, wird etwas verändern“.
    Man kann den Gedanken sogar sehr philosophisch weiterspinnen. Es gibt schließlich auch zufriedene Sklaven und glückliche Bewohner eines diktatorischen Staates. Glückliche Sklaven (egal ob wortwörtlich oder metaphorisch) werden nie etwas gegen die Sklaverei tun – mehr noch, sich wundern, wieso nicht alle anderen auch glücklich sind. Glückliche Bewohner diktatorischer Städte helfen dem Regime, den Status Quo zu erhalten.
    Daher kann man es sogar so weit treiben – ohne Unzufriedenheit auch keine echte Freiheit.

    Danke für die Inspiration zum Philosophieren!

    • Vielen Dank für deinen Kommentar und deine Gedanken dazu. Es freut mich sehr, wenn ich dich inspirieren und zum Nachdenken anregen konnte!
      Ich kann dir da sehr gut folgen- allerdings bin ich beim erneuten Lesen deines Kommentars über das Wort „glücklich“ gestoßen, das ich beim ersten Mal einfach so abgenickt hab. Wenn glücklich und zufrieden dasselbe wären, hieße das ja im Sinne deiner Schlussfolgerung: Entweder Glücklich (und/bzw. zufrieden) oder frei sein. Also kann man mit „echter“ Freiheit nicht glücklich sein? Hmmm. Ich finde keine Antwort, aber nochmals danke fürs weiterspinnen meiner Gedanken ;)

  4. Ich hätte gerade so gerne 33 Grad und Sonne und Meer, um dann genau solche Bilder machen zu können, wie du ^^ Ich bin gerade unzufrieden mit dem Sommer – jawohl!

  5. Wow ich mag deinen Schreibstil unfassbar gerne und habe den Post eben förmlich verschlungen und konnte so gut wie nur zustimmen eigentlich, wenn man darüber nachdenkt ist es sowieso meist leichter negative Sachen aufzuzählen als positive. Ich denke es liegt einfach typisch am Mensch, er muss einfach etwas zum meckern haben. Liegt aber vielleicht auch daran, dass es nicht immer sofort ins extreme gehen muss, 24 Grad reichen doch auch aus statt den über 30, aber man kann ja eben nicht alles haben! :D

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