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#lostplaces: You can forget home… [Frisco-Special Teil 1]

…but home will never forget you

Ich liebe den Sommer. Doch gerade jetzt, bei dieser Wärme, schleppe ich mich vom Fernweh geplagt durch den Alltag. Kein kühler See, kein Eis kann mich grad trösten, nur das Wegträumen lindert ein bisschen die Symptome. In diesem Sinne fiel mir auf, dass mein letzter Post zur San Francisco Reise schon wieder eine halbe Ewigkeit her ist, allerdings noch einige Geschichten darauf warten, erzählt zu werden. Die folgende Geschichte trug sich am 10.03.2015 zu – acht Tage vor meiner Rückreise und noch vor meinem Road Trip nach Big Sur.

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Während die typischen Sehenswürdigkeiten für manche auf Reisen unverzichtbar sind, hatten mich noch die zu erkundenden lostplaces in der Bay Area gereizt. Noch vor der Abreise hatte ich mir ein paar Anlaufstellen rausgesucht- mit dabei war ein Ort, der überdurchschnittlich bekannt ist und somit auch als Sehenswürdigkeit von San Francisco gilt: Sutro Bath

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Am besagten Tag hatte ich verschlafen und fuhr deshalb erst am späten Vormittag nach San Francisco. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft war der Himmel mit dicken Wolken behangen und ein rauer Seewind sorgte für “kühle” 18 Grad – also perfektes Wetter für einen lostplaces-Fotoausflug. Auf dem Weg zu Sutro Bath lag der Ocean Beach – ein westlicher Strandabschnitt Friscos, direkt hinter dem Golden Gate Park. Aufgrund der starken Strömung und rauen Brandung  stürzen sich dort nur mutige Surfer in den Pazifik.

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Sutro Bath war früher ein luxuriöses, öffentliches Bad. Finanziert wurde der Bau vom damaligen Unternehmer und Bürgermeister San Franciscos, Adolph Sutro. Es wurde 1896 eröffnet und brannte 1966 nieder, seit dem ist die Ruine den Kräften der Natur überlassen.

Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Eine Ruine direkt am Meer- etwas ähnliches habe ich nie zuvor gesehen.

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An die Säule gelehnt (siehe Bild oben) frühstückte ich, während mir der raue Wind der See um die Nase pfiff. Die Luft war vom Gekreische der Möwen erfüllt und entgegen meiner Erwartungen (Sehenswürdigkeit = viele Touristen) war kein einziger Mensch hier.

Der graue, verschlafene und bisher ereignislose Tag veränderte sich plötzlich: völlig unerwartet fühlte ich mich glücklich und unbeschwert. Wenn der Alltagsstress nicht schon längst in den vorherigen Tagen von mir abgefallen war, tat er es jetzt. Alle störenden Gedanken verstummten, mir war, als hätte ich keine Vergangenheit und keine Zukunft. Die einzigen Gedanken, die ich beim Picknicken hatte, waren: Möwen. Meer. Wind. Salz in der Luft. Freiheit. Und: Das ist also dieses “im-Moment-leben”. 

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Auszug aus dem Reisetagebuch:

„Die letzte Woche ist da und ich bin mir über die Realität unklar. Ich sehe immer und immer wieder so großartige Dinge und treffe die coolsten Leute, dass ich mir wie in einem Märchen, einem sehr farbigen Traum, vorkomme. Außerdem ist das Zuhause – nur der Gedanke ans Zurückfahren – so surreal. Es kommt mir so vor, als wäre hier mein neues Zuhause. Welche dieser Welten – die im Hier und Jetzt oder die in Deutschland – ist denn nun meine Realität?”

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Nach dem Essen kletterte ich vom Hügel hinab und balancierte über den schmalen Weg zwischen Meer und altem Schwimmbecken. Ab jetzt hieß es nur noch: die Ruine, meine Kamera und ich…_MG_9643

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Dann folgte ich dem Weg, der auf den anderen Felsen führte und konnte nochmals die Aussicht auf das Meer und die Ruine bestaunen…

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Am Rande des Aussichtsplateaus war ein Bereich abgesperrt. “Betreten verboten. Einsturzgefahr!” warnte das Schild vor der Absperrung. Nur eine Möwe saß dort wie ein einsamer Wachposten. Ich inspizierte die Treppen, die vom abgesperrten Bereich den Fels hinabführten. “So unsicher sehen sie doch gar nicht aus…” Ich überlegte hin und her, ob ich vielleicht nicht doch… Nein, das stimmt nicht. Ich muss zugeben, dass ich überhaupt nicht überlegen musste. Dass ich da definitiv hinabklettern werde, stand schon fest, bevor meine Vernunft überhaupt zur Sprache kommen konnte.

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_MG_9727Dass diese illegale Kletteraktion gut ausging, könnt ihr euch sicher denken. Sonst würde ich heute nicht diesen Post tippen ;) Außerdem kann ich heute die Josephine aus der Vergangenheit loben: Wäre ich nicht dort hingeklettert, hätte ich einen ganz wichtigen Moment meiner Reise verpasst.

Dort unten war der Wind noch stärker. Die Wellen klatschten gegen die Felsen zu meinen Füßen, Salzwasserperlen landeten auf meinem Gesicht. Wieder durchströmte mich das Glück. Ich fühlte mich so frei und unabhängig. “Ich werde nicht mehr zurückreisen.” Dachte ich mir und war fest davon überzeugt, dass das kein Gedanke, sondern eine Feststellung war.

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Ich lehnte mich gegen den Wind und schrie mit den Möwen. Wie zum Abflug bereit breitete ich meine Arme aus, starrte aufs Meer und für einen Moment blieb die Zeit stehen. Nein, nie mehr zurück. Mein Zuhause ist hier, in Kalifornien.

Als der Moment vorüber war und ich schon wieder die Treppe ansteuern wollte, nahm ich im Augenwinkel die Felswand hinter mir wahr und erstarrte in der Bewegung…

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…dort, an einem zugemauerten Durchgang, war ein Graffiti. Eigentlich nichts besonderes. Doch für mich bedeutete es eine ganze Menge.

Im Rahmen der überstürzten Beutel-Bemalungsaktion war die Zeichnung von einem Origamikranich das letzte, was ich vor meiner Abreise getan hatte. Und nun, genau in dem Moment, als ich beschließen wollte, dass ich nicht mehr zurückkehre – als ich drauf und dran war, das Zuhause zu vergessen – da holte mich das zuhause wieder ein.

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Etwas verstört erkundete ich den Rest von Sutro Bath. Meine Laune war von dieser Begegnung nicht getrübt, aber ich wurde nachdenklich. Die Erkenntnis des Tages:

Egal wohin man auch geht, das Zuhause ist immer mit dabei und denkt an einen.  

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Wenn ich jetzt darüber schreibe, ist dieser Moment noch immer so lebendig, aber wie wird meine Erinnerung in fünf, zehn Jahren sein?

Als ich mich auf den Weg zu meiner Unterkunft machte, war mir eines klar: Diesen Tag in Sutro Bath, diese Emotionen und Gedanken, will ich nie vergessen.

Und genau deshalb setzte ich ihm ein Denkmal.

Was das Wort Pustekuchen da zu suchen hat? Nun, das ist eine andere Geschichte…

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Published inKnipsenReisenSchreiben

5 Comments

  1. Liebe Josephine,

    wunderschöne Geschichte – wunderbares Tattoo – alles richtig gemacht :) Bin gerade auf deinen Blog gestossen und kann deine Gefühle so gut nachvollziehen! Danke!

    LG Jenny

  2. Liebe Josephine,
    ein wunderschöner Post! Da bekomme ich auch Fernweh! In San Francisco war ich auch mal. Es ist schon sooo lange her…
    Liebe Grüße,
    Tanja

  3. Wow! Was für ein Ort und wow, was für ein Post! Da will ich sofort hin!
    Ist echt immer wieder faszinierend, was einst mit viel Mühe gebaut wurde und jetzt verfällt.
    Liebe Grüße,
    Marc

  4. Ich liebe Lost Places und bin selber immer auf der Suche nach welchen.
    Manchmal habe ich Glück was Kleines verfallenes auf dem Land zu finden, aber das hier ist ja eine ganz andere Kragenweite. Wunderschön und irgendwie hat es etwas post-apokalyptisches :)
    Tolle Bilder.

    Liebe Grüße http://hydrogenperoxid.net

  5. Ali Kniesh Ali Kniesh

    Oh no comment…..

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