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Sonntagskolumne 08/15

Meine Wahrscheinlichkeitsrechnung

Seit Anfang des Jahres drängte sich das Thema Urlaub immer häufiger zwischen die Alltagsgespräche, die man mit dem Freund halt so hat. Irgendwann vor San Francisco und nach einer wild durchtanzten Party lief ich an seiner Hand durch die Nacht. Wir scherzten über den Abend und mitten im Grinsen, völlig spontan, sagte er plötzlich: „Ey, lass uns im Sommer zusammen wegfahren. Vielleicht mit Mehreren. Wir können ein Boot bauen und in Frankreich die Loire bis zum Meer hinabschippern!“ Ich mag spontane Vorschläge. Und Reisen. Und grinsende Menschen. Und spontane Antworten, sodass keine Sternschnuppe später mein euphorisches „Ja!“ durch die Nacht hallte.

Dass dieser Plan eine Idee blieb, kann ich jetzt schon vorwegnehmen.

Das Traurige an spontanen Plänen ist nämlich die geringe Wahrscheinlichkeit ihrer Umsetzung (gefühlte 35 %). Wenn ihre Umsetzung nicht für einen Zeitraum innerhalb der nächsten vier Wochen angesetzt ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit nochmals um einiges (auf 15%).

Obendrein habe ich in dieser Berechnung noch nicht die Umstände, zu denen sein Plan entstand, berücksichtigt. Bei einer Afterhour-Idee mitten in der Nacht sinkt die Wahrscheinlichkeit auf definitiv unter 1%. Beweis dafür sind die zahllosen anderen, euphoriegetränkten und nie umgesetzten Afterhour-Ideen, beispielsweise „Ey, ich trinke nie wieder Alkohol!“ oder „Ey, lass uns morgen ganz früh aufstehen und fett Frühstücken gehen!“ oder der Klassiker: „Ey, lass uns eine Bar aufmachen!“

Trotzdem wurde sein Plan monatelang thematisiert. Bootsbaupläne entstanden, Gelder wurden hin- und her geworfen, Freunde sagten zu und ab. Am Ende vom Lied wusste ich gar nicht mehr, woran der Plan gescheitert ist (vermutlich an allem). Doch Freund an meiner Seite ließ sich davon nicht klein kriegen und präsentierte mir im Mai den Alternativplan: mit einem VW-Bus, seinem besten Freund und mir durch Frankreich (oder Spanien…oder beides?) schaukeln. Auch diesmal sagte ich zu, diesmal jedoch aufgrund der im Kopf überschlagenen Wahrscheinlichkeit (15%) mit deutlich weniger Euphorie.

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Als sich in den letzten Wochen dann die Umsetzung des Plans abzuzeichnen begann, nahmen plötzlich meine Ausreden zu …. und meine Wahrscheinlichkeit des Mitkommens (60%) sank:

„Ich brauche einen konkreten Zeitraum, weil ich Termine habe (-20%). Mein Französisch ist mies (-10%) und ich bin grad gar nicht flüssig (-20%). Eigentlich habe ich generell kaum Zeit (-5%). Und sowieso verkompliziere ich eure Planung gerade sehr, vielleicht ist es das Beste, wenn ihr ohne mich fahrt (-5% = 0%).“

Plötzlich hatte Freund eine nie dagewesene Sorgenfalte: „Ich möchte aber mit dir verreisen. Was ist denn der eigentliche Grund, den du hinter deinen Ausreden versteckst?“ Ertappt fühlend, sprudelte die ehrliche Antwort einfach aus mir heraus: „Ich habe Angst, dass die Reise nicht gut wird…“

Ich finde es viel unkomplizierter, alleine zu verreisen, weil ich dann keine Kompromisse eingehen muss. Keine nörgelnden Begleiter. Keine Ausflüge, die ich eigentlich nicht machen will. Keine Ansprüche Anderer, die erfüllt werden müssen. Insgesamt also kein zusätzlicher Faktor (Begleiter), der die Wahrscheinlichkeit eines guten Urlaubs beeinflusst.

Ein Gegenargument wäre hier definitiv die Budapestreise mit Sophie (1. Teil vom Reisebericht hier), aber da war der Faktor Begleiter = Freundin. Ganz anders ist es, wenn Begleiter = Freund:

Laut meiner Wahrscheinlichkeitsrechnung, ist der gute Ausgang eines Pärchenurlaubs nämlich sehr unsicher (50%). Im Gegensatz zu den Hollywood-Urlaubsromanzen spielen sich in meinem Kopf Horrorszenarien ab, die diese Wahrscheinlichkeit nochmals erheblich senken. Da ist kein Alltag, der die persönlichen Macken kaschiert. Was, wenn mir plötzlich Dinge auffallen, die ich überhaupt nicht ausstehen kann? (-20%) Zudem sorgen die ständigen Entscheidungen im besten Fall für Kompromisse (die ich ja eigentlich nicht will), im realistischen Fall für Streit (- 20%). Das beginnt schon mit der Planung: Zelt, Hostel oder Hotelzimmer? Essen gehen oder selber kochen? Zu Fuß, mit Fahrrad oder Auto unterwegs sein? Vorab Anlaufpunkte raussuchen oder sich einfach vom Ort treiben lassen? (…)

Während meiner Ausführung verschwand die Sorgenfalte auf des Freundes Stirn, stattdessen grinste er mich nun an.

„Bleiben also noch 10%? Ich verstehe gar nicht, warum das hindern soll, das ist doch wunderbar! Ohne ein Risiko – ohne jegliche Herausforderung macht doch alles nur halb so viel Spaß. In San Francisco war deine Herausforderung alleine klar zu kommen und jetzt ist es halt die, mit mir klarzukommen. Damit deine Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht verzerrt wird, können wir ja einen zusätzlichen Faktor (bester Freund) erstmal vermeiden und vorab zu zweit  Urlaub machen, oder? Ey, lass uns nächste Woche nach Prag fahren!“

Er hatte Recht: Ich mag Risiken. Und ich mag spontane Vorschläge. Und Reisen. Und grinsende Menschen. Und… spontane Antworten.

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Published inSchreibenSonntagskolumne

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