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Planlos durch Prag (Tag 1)

Als der Zug in Prag einfährt, kleben wir wie kleine Kinder an der Fensterscheibe. „Das ging echt schnell!“ , kommentiert Freund unsere Reise und er hat Recht. Knapp vier Stunden braucht man von Halle nach Prag und unsere Hauptbeschäftigung während der Reise – komatöser Tiefschlaf – gleicht völlig die eineinhalb stündige Verspätung aus, die sich der Zug auf der Strecke eingehandelt hat.

Der Prager Hauptbahnhof erinnert an einen Flughafen. Zwar gibt es keine Duty-Free Shops, dafür aber Wechselstuben, haufenweise Menschen und eine verwinkelte Raumaufteilung, bei der man schnell die Orientierung verliert. Kaum weiß ich wieder, wo oben und unten ist, reiße ich mir die Position des Reiseführers unter den Nagel, greife Freund am Schlafittchen und steuere mit einem selbstbewussten „Ha, da müssen wir raus, ich bin mir ganz sicher. Komm!“ einen Ausgang an. Dass das natürlich nicht der richtige Ausgang war, stelle ich fest, sobald wir draußen sind. „Auf der Karte sah es hier ganz anders aus… aber das da drüben ist unsere richtige Richtung!“, überspiele ich meinen Fehler und Freund nimmt es mir ab. Oder ist mir einfach wohlgesonnen und spielt mit. Wir schwingen uns auf unsere Fahrräder und fahren los, in Richtung Campingplatz.

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Zuhause habe ich mir vorab die Route angesehen und in meinem Reisetagebuch als grobe Richtungsbeschreibung notiert. Vor Ort müssen wir feststellen, dass ich mir eine Autoroute aufgeschrieben habe – die sich größtenteils auf einer Schnellstraße abspielt, auf der es natürlich keinen Fahrradweg gibt. Spätestens jetzt wäre die erste Gelegenheit für Streit, Genervtheit und Zickereien da.  Doch wir bleiben gelassen.

Die grobe Karte ist schließlich in meinem Gedächtnis und so weiß ich immerhin, in welche Himmelsrichtung wir fahren müssen. Wir beide grinsen, als wir uns durch den Stadtverkehrt durchwurschteln. Von Stress und Streit keine Spur, im Gegenteil: dieses unbeschwerte Freiheitsgefühl ergreift Besitz von uns. „Es ist so wunderbar, irgendwo anders zu sein und mehr oder weniger planlos einfach herumzufahren!“, stellt Freund fest und Recht hat er. Ich bin erleichtert. Den sechs Kilometer vom Bahnhof entfernten Campingplatz erreichen wir nach einer zweistündigen Irrfahrt- inklusive Picknick an der Moldau.

Der erste Eindruck von Prag: Viele Orte sehen so aus, als wären ihre guten Tage schon lange vor unserer Zeit. Die Stadt ist sauber und dennoch irgendwie verfallen.

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„Trojská“ heißt die Straße, in der unser Campingplatz liegt. Um ehrlich zu sein: zu dem Zeitpunkt wissen wir noch gar nicht, auf welchem Campingplatz wir unser Zelt aufschlagen werden. Vorab hatten wir ein paar Namen rausgesucht und wurden stutzig, als der dritte Platz in der gleichen Straße lag.

Wie so viele Campingplätze auf engstem Raum existieren können, wird uns klar, als wir die Zielstraße erreichen. Wir fahren an normalen Einfamilienhäusern vorbei; neben jedem Briefkasten hängt ein Schild, das einen Campingplatz anpreist.

Meine Theorie ist, dass irgendeiner aus der Nachbarschaft mal damit angefangen hat, seinen Garten in einen Campingplatz umzubauen. Die Nachbarschaft bekam mit, wie lukrativ das Geschäft für denjenigen lief und kurzerhand machte es jeder, der einen halbwegs großen Garten hat, genauso.

Einer dieser Campingplätzchen gehört der Familie Herzog. Während unseres Aufenthalts im „Camp Herzog“ bekommen wir von der Familie nur Frau Herzog zu Gesicht, die Chefin, Rezeptionistin, Hausmeisterin und Reinigungskraft zugleich ist. Frau Herzog ist Anfang sechzig, immerfort in quietschbunten Kittelschürzen gekleidet und lässt uns mit ihrem forschen Ton (und einem Kauderwelsch aus Englisch, Tschechisch und Deutsch) an ihrer Autorität keinen Moment zweifeln.

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Nachdem das Zelt aufgebaut und die Rucksäcke abgelegt sind, schwingen wir uns nochmals auf die Räder und fahren in die Stadt. Spontan biegen wir von unserem Weg in die Stadt auf ein interessant aussehendes Gelände. „Weißt du, was das ist?“ „Ich hab keine Ahnung. Aber es sieht toll aus!“ „Du siehst toll aus!“ „Klappe da drüben, blöder Schleimer, du.“ Wir drehen auf dem Platz eine Runde, ich schieße begeistert ein paar Fotos, Freund kriegt heraus, dass es Výstaviště Praha heißt und ein Ausstellungsgelände ist. „Weiter?“ „Weiter!“IMG_1872

Vom Letenské Park aus bestaunen wir Prags Skyline beim verdienten Feierabendbier in der Abendsonne, später folgt noch ein kurzer Schock, als wir die Karlsbrücke überqueren. Der erste Eindruck des Verfallenen wird von den unzähligen Touristen überdeckt. In einer trägen Masse schieben sie sich durch die historische Altstadt, an Juwelieren, Trdelník Läden und Souvenirshops vorbei.IMG_1874

Bis zum Marktplatz laufen wir in den Massen mit, dann entscheiden wir uns kurzerhand für einen ruhigeren Flecken und kehren ausgehungert zum Abendessen im “Svejk Malostranská pivnice” ein. Dort muss ich schmerzhaft feststellen, dass Tschechien nicht gerade vegetarierfreundlich ist. Zum Glück werde ich doch noch satt, denn schlussendlich werde ich in den Beilagen fündig. Noch am selben Abend werde ich vor dem Restaurant mein Portmonee verlieren – aber diese Geschichte könnt ihr schon im Monatsrückblick nachlesen…

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Was wir am zweiten Tag erkundet haben und warum wir die Nase voll von Touristen hatten, könnt ihr dann bald im zweiten Teil nachlesen.

Published inKnipsenReisen

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