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Planlos durch Prag (Tag 2)

Das ist der zweite Teil meines persönlichen Prag Reiseberichts.  Im ersten Teil habe ich von der Ankunft in Prag, der planlosen Irrfahrt zum familiären Campingplatz und den ersten Eindrücken der Stadt berichtet. Weiter gehts heute mit den Erlebnissen und Eindrücken von Tag 2:


Ich erwache um 10:30. Normalerweise ist das meine „Ich bin definitiv ausgeschlafen“-Zeit. Aber eine Nacht im Zelt hinterlässt ihre Spuren und ich werde auch nicht jünger. Mein Rücken knackt, als ich mich aufrichte.

Den Verlust meines Portmonees bekomme ich in der nächsten Stunde mit. Als wir um 11:30 dann beruhigt frühstücken können, trampelt Frau Herzog in ihrer geblümten Kittelschürze schon am Eingang der Campingplätzchen-Küche. Küche ist eine sehr euphemistische Formulierung, es handelt sich hierbei um ein Carport, unter dem zwei, drei alte Schränke und ein paar Sitzgelegenheiten stehen, eine Spüle und zusammengewürfeltes Geschirr gibt es auch.

„Hurry, hurry up, ja? I want to clean here! Hoppi hopp!“ Frau Herzog weiß, dass wir Deutsche sind, aber da ich sie bei der ersten Begegnung mit englisch angeredet habe und sie anscheinend diese Sprache lieber mag, bleibt sie größtenteils dabei. Ihre Körpersprache macht deutlich, dass sie keine Diskussion zulässt. Wir stopfen uns hastig die letzten Stückchen des Schokobrötchens in den Rachen, während sie am Eingang der Küche wartet. Ich hab bis heute nicht verstanden, was sie großartig dort putzen musste und vor allem: warum wir nicht währenddessen zwei Stühle und einen kleinen Tisch besetzen konnten.

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Nachdem ich mein Portmonee zurück und die zweite Panne (zu viel Bargeld abheben) gerade hinter mich gebracht habe, tröstet mich Freund mit einem Kompliment zu meinem überragenden Orientierungssinn und ernennt mich offiziell zum Navigator der Reise. Schon am Vortag hat sich abgezeichnet, dass sein Orientierungssinn offensichtlich evolutionstechnisch verkümmert ist, während meiner – ohne zu übertreiben – mit Überdurchschnittlichkeit glänzt. Die gleiche Feststellung hatte auch mal das Muttertier, dessen Orientierungssinn dem einer Kaffeetasse gleicht, gemacht.

Ja, zugegeben, ich bin stolz auf meinen Orientierungssinn. Ich erkläre Freund ausführlich, dass in meiner Intuition ein Kompass eingebaut ist, dass sich die Orte, an denen ich schon war, extrem schnell einprägen und ich außerdem bei Karten ein unverbesserliches, fotografisches Gedächtnis habe.

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Freund nickt anerkennend und freundlich, während wir das Kafka Museum betreten.Erst jetzt, wo ich das schreibe, wird mir bewusst, wie unsympathisch das geklungen haben muss und wie wohlwollend Freund manchmal doch ist. Eigentlich habe ich selbst meistens nicht die geringste Ahnung, wohin ich gehe, sondern nur Glück mit meinen intuitiven Entscheidungen- aber das muss ich ihm ja nicht auf die Nase binden.

Aber ehe ich den Faden verliere: Das Kafka Museum ist mit Abstand eines der besten Museen, die ich jemals besucht habe. Interessante Informationen über die Hintergründe mit starkem Bezug zu Prag werden dort multidimensional präsentiert. Vor allem beeindruckt mich die düstere Atmosphäre (eine verstörende Geräuschkulisse, finstere Gänge und expressionistische Filmsequenzen), die es dem Besucher ermöglicht, die kafkaeske Perspektive nachzuvollziehen, was reine Informationstexte so nie vermitteln könnten.

Als wir das Museum verlassen, fühlen wir uns wie nach dem Beenden eines spannenden Buches: unwirklich. Die Nachmittagssonne knallt vom Himmel und wir müssen uns erstmal im Schatten sammeln, ehe wir zum nächsten Punkt der lockeren Tagesplanung kommen. Etwas verschwitzt (und ohne Karte!) erreichen wir später die Prager Burg und haben erneut eine großartige Sicht auf die Stadt.

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Die Burg ist wirklich groß! Besonders beeindruckt bin ich vom Veitsdom. Leider hat er an diesem Tag geschlossen, sodass wir ihn nur von außen bestaunen können. Ein bisschen ziellos laufen wir durch die Innenanlage und sind froh, als wir den Weg nach draußen wieder finden. Nachdem mein Handy den drei-Meter-Sturz von der Burgmauer überlebt hat, entscheiden wir, die Burg über den Garten zu verlassen. Es ist 18 Uhr und wir sind die einzigen im Garten. Wir trödeln rum, machen zwischendurch noch eine Pause (siehe Foto)… und stehen letztendlich unten vor verschlossenen Türen.

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„Die können doch nicht einfach die Pforte zumachen, wenn noch Leute drin sind!“ , protestiere ich. „Die können alles, wozu sie Lust haben. Mecker nicht rum, siehs als Abenteuer. Los, wir klettern über den Zaun!“ Ich fühle mich beim Meckern ertappt und ärgere mich kurz, dass Freund schon wieder Recht hat. „Blöder Besserwisser!“ , denke ich. Dann hat mein Kopf endlich seinen ganzen Satz verarbeitet und die Aussicht auf ein Abenteuer verdrängt die bockigen Gedanken. Über den Zaun neben der Pforte kommen wir gerade noch so, aber dann stehen wir vor dem vier Meter hohen Tor am Eingang. Zum Glück war an der Seite noch ein Zugang zu einem Luxusrestaurant, über das wir in die Außenwelt entkommen konnten. Staubig und barfuß laufen wir den roten Teppich in der Mitte der Marmortreppen hinab und freuen uns über dieses Abenteuer.

Unsere Fahrräder warten an der Karlsbrücke auf uns. Einen Tag lang ist die Masse an Touristen noch zu verkraften, aber nun haben wir endgültig genug. Ich hätte gerne eine Brille, die alle Touristen ausblendet und nur in Prag lebende Menschen anzeigt. Vermutlich wäre dann das komplette Gebiet um die Karlsbrücke menschenleer. Doch irgendwo in dieser riesigen Stadt müssen doch die coolen Anwohner sein!IMG_1941

Bei einem Eiscafé (meinen verschütte ich nach drei Schlucken) suche ich deshalb nach touristenfreien Vierteln und komme auf: „Zizkov“ , das östlich vom Bahnhof gelegene Viertel. Früher galt es als Arbeiterviertel, heute wohnen wohl auch viele Studenten und Künstler dort. Einige Websites preisen es als das alternative Szeneviertel an, sozusagen die Prager Version vom Prenzlauer Berg. Fast alle Bars sind dort gelten als Insider-Tipp und wir stehen vor der Wahl: Casino Royale, Bukowski, Pulp Fiction, The Big Lebowski ….

Aus den Erfahrungen des Vortags suche ich uns dort ein vegetarisches Restaurant als Anlaufpunkt raus. Und erneut muss ich feststellen: Prag ist Vegetariern wirklich nicht wohlgesonnen. Um 21:15 stehen wir vor dem seit 15 Minuten geschlossenen Restaurant. Die alternative, ein uriges Restaurant einige Hausnummern weiter, hat zwar keine Beilagenkarte, dafür aber ein vegetarisches Gericht: Drei Käsesorten paniert mit Kartoffeln.

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Abschließend kehren wir noch im Cafe V lese ein und lernen einen ITler und einen Technikjournalisten kennen. Ich bin ein bisschen stolz, als die zwei uns auf Tschechisch anquatschen und dann verblüfft feststellen, dass wir „doch nur“ Touristen sind. Meine Navigatorfährigkeiten haben uns wirklich in eine untouristische Ecke geführt.

Der Journalist bestätigt meine Vermutungen bezüglich der Einheimischenquote im Touri-Viertel:

„Nerven dich diese Touristenmassen nicht?“ „Ach was, ich kriege sie ja nie mit. Da, wo die Touristen sind, hänge ich eigentlich nie rum.“

„Wie oft bist du bei der Karlsbrücke?“ „Höchstens ein Mal pro Jahr.“

Vermutlich genauso oft, wie ein Kreuzberger vor dem Bundestag steht.

Published inKnipsenReisen

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