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Sonntagskolumne 09/15

Das Sommerloch

Entnervt drücke ich meinen Wecker aus, der mich nun schon zum zwanzigsten Mal an den neuen Tag erinnern will. Es ist fast zwei und ich liege noch immer im Bett, lese Robinson Crusoe und esse Schokolade. Sommer? Kann mich mal!

Zwischendurch lege ich das Buch beiseite und betrachte das Miniatur-Stilleben aus Tabak- und Schokoladenkrümeln auf dem schwarzen Bettlaken neben mir. Ich könnte mich schlecht fühlen, mich gar über das Faulenzen ärgern, aber selbst dazu fehlt mir die Lust. „Außerdem bin ich nicht die Einzige hier, die antriebslos ist.“, denke ich, meiner Mitbewohnerin geht es nämlich ziemlich genauso.

Die schönredenden Gedanken werden vom Klopfen an meiner Zimmertür unterbrochen. „Jaaa?“ Besagte Mitbewohnerin steht in der Türschwelle, angezogen, gekämmt, frisch geduscht – der junge Morgen höchst persönlich. Jetzt hab ich sie also mit Faulheit überholt, verdammt! Instinktiv ziehe ich die Bettdecke noch etwas höher. „Du bist ja immer noch nicht aufgestanden!“ „Klappe! Selber!“ Ich schiele vorwurfsvoll unter der Bettdecke hervor. „Ja, ja, ich sag ja nix. Wollte auch nur mal kurz dein Rad ausleihen, wenn’s ok ist?“ „Ja.“, antworte ich und wackele mit meinen unter der Bettdecke herausschauenden Zehen. Unschlüssig bleibt F. im Raum stehen. „Du, ich brauch dazu aber den Schlüssel…“ Genervt krieche ich aus dem Bett und nuschele trotzig ein „Ja, ja, ich steh ja schon auf“

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Als F. dann endlich weg ist und ich mich wieder ungestört im Bett rumwälzen kann, habe ich die üblichen Tagesanbruchgedanken. Zuerst rechne ich nach, wie viele Stunden ich geschlafen habe, verdränge die Stimme meines schlechten Gewissens („14! VIERZEHN STUNDEN! Alter, wie kann man so viel schlafen?“) und plane meinen Tag (1. Aufstehen, 2. Duschen, 3. Irgendwas geiles Frühstücken, 4-6. Überleg ich mir später 7. Ins Bett gehen).

Eigentlich bin ich gerade gar nicht so faul, wie es jetzt wirken mag. Ich bin nur antriebslos und dieser Umstand überrascht mich selbst. Wie treffend, dass ich gerade Robinson Crusoe lese, genauso fühle ich mich nämlich auch. Ich bin ein Schiffbrüchiger und muss mir erstmal einen neuen Alltag erfinden.

Die einsame Insel, auf der ich gefesselt bin, ist das verlassene Halle, wo niemand ist und nichts passiert. Robinsons erste Beschäftigung war es, die verbliebenen Güter vom Schiffswrack zu holen und sich dann eine Hütte zu bauen, meine Beschäftigungstherapie heißt gerade „Excersise de francaise“ (Mais c’est tres difficile) und wie eine Blöde Klavier zu spielen. Oh, und gestern habe ich einen Kuchen gebacken!

Nichtsdestotrotz lässt sich mit all dieser Zerstreuung kein Sommerloch stopfen. Selbst Schlafen ist nur bedingt eine Lösung, obwohl ich voll dafür wäre, den Sommerschlaf (das Erste-Welt-Pendant zum Winterschlaf) einzuführen – mein Biorhythmus findet die Idee nicht so lustig und lässt mich mitten in der Nacht mit dem Gefühl, vollkommen ausgeschlafen zu sein, aufwachen.

„Ich mache mein Glück von niemandem abhängig! Ich bin verdammt noch mal unabhängig“ steht sonst auf der wehenden Fahne, mit der ich mich tagtäglich in den Alltagskampf stürze. Und ich habe das auch geglaubt. So, wie ich geglaubt habe, es gäbe kein Sommerloch. Oder Motivationslosigkeit.

„Vielleicht fehlt er dir einfach?“, analysiert F. scharfsinnig meine Situation beim gemeinsamen Dahinvegetieren in der Küche. Meinen Freund vermissen? „Unsinn! Was sind schon 23 Tage!“, antworte ich energisch doch glaube mir das selbst nicht. Und das ärgert mich. Vielleicht ist es das Sommerloch oder der Fakt, dass zur Abwechslung mal ich zuhause rumhänge und Freund unterwegs ist – jedenfalls fühle ich mich antriebslos und sinnentleert, ohne es irgendwie ändern zu können.

Wann ist meine Unabhängigkeit gekentert? Was hat mich dazu bewogen, ohne die Anwesenheit einer Person gelangweilt zu sein? Oder ist doch nur das Sommerloch an allem schuld?

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Wie ein Schiffbrüchiger, der 26 Jahre auf einer Insel rumhängt und auf Freitag wartet, warte auch ich auf meine Rettung aus diesen langweiligen Tagen, an denen selbst eine Sonntagskolumne nicht trösten kann.

Aber F. hat Recht: Es könnte weitaus schlimmer sein. Immerhin lerne ich ein bisschen Französisch und habe immerhin die Gewissheit, dass ich nicht auf ewig auf dieser Insel aus Langeweile festhänge. Schließlich geht ein Sommerloch immer vorbei und aus Abwesenheit wird auch irgendwann wieder Anwesenheit. Und bis dahin halte ich es im Bett noch aus.

Published inSchreibenSonntagskolumne

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