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Sonntagskolumne 10/15

…Idealismus?

Donnerstag, früher Abend. Ich tausche mit einem Freund in einer Bar die Neuigkeiten der letzten Tage aus. Nicht lange dauert es, bis das Gesprächsthema Nummer 1 jeden Austausch von belanglosem Alltag überschattet. Es geht um Politik, das Versagen der Behörden, um menschenunwürdige Unterkünfte und unaussprechliches Leid. Abschließend diskutieren wir die Frage, die in den vergangenen Wochen schon bei anderen Gesprächen so oft im Raum stand:

“Was können wir tun? Wie helfen wir am besten?” 

Als wir uns gegenseitig wie aus der Pistole geschossen die Frage in zahllosen Möglichkeiten beantworten, fühle ich mich plötzlich ertappt. In letzter Zeit habe ich so oft schon über Flüchtlinge geredet, mich über Hilfemöglichkeiten informiert und eine für mich passende Option rausgesucht  und…. Ja und was jetzt?

Jetzt sitze ich mit einem Freund und einem Glas Rotwein in einer Bar und wir erzählen uns gegenseitig, wie wir helfen möchten. Obwohl es wichtig und auch gut ist über das Thema zu reden, fühle ich mich wie eine grottenschlechte Schauspielerin in einer Vorabendserie. Immerzu rede ich vom Wunsch des Engagements, gehe zu Informationsveranstaltungen, recherchiere mögliche Ansprechpartner, doch den letzten Schritt – den Plan in die Tat umsetzen – gehe ich nicht.

Auf dem Nachhauseweg streitet sich mein Idealismus mit meiner Bequemlichkeit. “Josephine muss etwas tun, verdammt. Worauf wartet sie noch?” “Sie will ja was tun, aber der Alltag ist nun mal stressig. Es gab halt noch keine Gelegenheit, um die Pläne in Angriff zu nehmen.” “Unsinn, das geht immer.” “Ach, komm. Die Menschen freuen sich auch nächste Woche noch über ihre Hilfe.” “Gib’s zu, du redest und planst doch nur, als wirklich etwas zu tun.” Und du bist ein blöder Idealist!” 

Josephine

Donnerstagabend, drei Stunden nach dem Treffen. Auf meiner Facebooktimeline ploppt ein Post von der Flüchtlingshilfe Halle auf.

“Freund für Freund: Sie kommen in Massen und trotzdem fühlen sich viele allein. (…)[Es geht um einen] jungen Mann aus Burkina Faso, der mittlerweile eine eigene Wohnung hat und sich somit doppelt allein fühlt. Sein enger Kontakt zu seinen Vertrauenspersonen im Asylheim ist unterbrochen, neue Kontakte im Wohnungsumfeld bleiben aus. […] Ich suche hier keinen “besten Freund” aber Menschen, die Lust haben, zu integrieren. Sei es gemeinsamer Sport, gegenseitiges Bekochen, Hilfe bei den Deutsch Hausaufgaben… Alles ist willkommen.”

Plötzlich schlägt mein Herz wie wild. “Loooos, jetzt! Das ist doch genau das, was du machen willst!” brüllt der Idealist. Vor Schreck fällt die Bequemlichkeit von ihrem hohen Thron herunter und ehe sie etwas einwenden kann, habe ich mein Hilfeangebot an die Kontaktperson versendet. Kurz darauf bin ich mit dem Burkinabé für Samstag verabredet und wahnsinnig nervös. Was, wenn wir nicht reden können, weil mein Französisch zu schlecht ist?

Einzig der Satz “Je suis Josephine et je ne parle pas francais” ist das traurige Überbleibsel von zwei Jahren Schulunterricht. Das ärgerte ich mich in letzter Zeit so maßlos, dass ich vor knapp einem Monat mit dem Lernen von Französisch begann. Dass auch viele Flüchtlinge französisch sprechen, war dabei nur eine nette Motivation zum Dranbleiben…

Samstagnacht. Ich falle mit brummendem Kopf ins Bett. Nach einem vierstündigen Gespräch auf französisch würde es mich nicht überraschen, diese Nacht auf französisch zu träumen.“Na? War doch super!”, flötet mein Idealismus. “Ja, hast ja Recht. Manchmal ist es ganz gut, sich einen Ruck zu geben.”, antwortet die Bequemlichkeit. Während die beiden noch etwas plaudern, freue ich mich über das gelungene Treffen und einen neuen Freund, bis mich der Schlaf übermannt.

 “Reden ist silber, Machen ist gold”

Published inSchreibenSonntagskolumne

Ein Kommentar

  1. Das klingt ja wirklich super!
    Freut mich, dass du die Bequemlichkeit überwunden hast und nun so ein gutes Resultat dabei rumkam :)
    Viele sollten sich da noch eine Scheibe von dir abschneiden!

    Liebe Grüße, Francii

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