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#lostplaces : just the observer

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Es ist ein milder Oktobertag. Die Sonne scheint golden vom fast wolkenlosen Himmel auf mich herab und lässt das Herbstlaub leuchten. Ich betrete die Ruine der ehemaligen Brauerei und fühle mich zum ersten Mal seit langer Zeit mit mir und der Umgebung im Reinen. Vielleicht liegt es an der Jahreszeit, der Herbst löst in mir immer die Assoziation vom Sterben aus.

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In den Räumen liegt der typische Geruch des Verfalls in der Luft: modriges Holz, feuchtes Papier, Schimmel, Staub, und verbrauchte Luft. Ich schleiche fast andächtig durch die leeren Flure und fühle mich lebendiger denn je.  Die Gefahren, die hier drohen, scheinen so banal im Vergleich zum Rest der Welt. Verloren zu gehen, unter Trümmern begraben zu werden, den Boden unter den Füßen zu verlieren- all das fühlt sich kontrollierbar an. 

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Draußen gehen Menschen auf die Straße, weil sie andere Menschen nicht wollen. Hier drinnen schläft die vergessene Zeit und lässt mich für einige Stunden auch vergessen, was gerade die Realität ist. Draußen sind Menschen vor Gewalt geflohen und haben monatelang psychische und physische Strapazen auf sich genommen, um dann hier in Deutschland aus brennenden Häusern zu flüchten. Hier drinnen sind Spuren von Bränden und Vandalismus gelangweilter Jugendliche, die irgendeine Beschäftigung  brauchten. Schnell merke ich, dass ich auch hier nicht vergessen kann.

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Als ich vor dem riesigen Braukessel stehe, glaube ich zu verstehen, warum ich mich so leicht fühle. Hier drinnen ist kein Platz für mich vorgesehen. Niemand erwartet, dass ich mich hier aufhalte. Hier muss ich nichts tun, keine Erwartungen – außer meine eigenen – erfüllen. Ich habe keine Aufgabe, außer mich zu verstecken, falls jemand kommt. Draußen geht das nicht. Draußen ist Verstecken falsch. Gefährlich. Feige.

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Ob ich hier bin oder nicht- der Ort ist dem Verfall ausgeliefert. Früher oder später ist das Gebäude verschwunden, eingestürzt, abgebrannt, abgerissen, zugewachsen. Und das ist okay. Ich muss nichts verändern, ich bin nur der Beobachter. Und das ist okay.

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Und in dem täglichen Kampf, zwischen Erwartungen erfüllen, rennen, Statements abgeben und untergraben, rennen, Moral hinterfragen und rennen ist kein Raum mehr für Beobachter da. Draußen kann ich meine eigenen Gedanken kaum noch hören. Hier drinnen, in dieser anderen Welt, höre ich sogar meinen eigenen Herzschlag.

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Published inKnipsen

2 Comments

  1. erik bausmann erik bausmann

    Liebe Josephine, auch ich mag verwunschene Orte, in Ihrem Dornröschen- S c h l a f , an denen es manchmal spukt. In den dunkleren Monaten gibt es diesen schweren, feuchten Geruch der Vergangenheit und des Glück, jeder Stein scheint seine Geschichte erzählen zu wollen. Man muß mehrmals kommen und vertraut werden. Auch vom Dichter und Historiker Schiller sagt man, er lagere faule Äpfel in seiner Schublade, da er den Geruch von Verfall zum Schreiben brauche.(Heinrich Döring-Friedrich von Schillers Leben)
    Solltest du mal Sehnsucht nach der Weimarer Republik Berlins bekommen, von Parties der goldenen zwanziger Jahre träumen wollen, dann buche dich in dem Haus der dänischen Stummfilmlegende Asta Nielsen ein, die oft Joachim Ringelnatz zu besuch hatte. (hotel-pensionfunkk.de)
    Ahoi Erik

  2. lost places haben eine ganz eigene stimmung, jeder seine eigene atmosphäre und fühlen sich so ein bisschen außerhalb von raum und zeit an, finde ich. einen spannenden ort hast du da gefunden.

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