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Sonntagskolumne 11/15

…Stillstand?

Jemand hat den Zeitraffer angestellt und ich finde den Ausschalter nicht. Sonne scheint, Blätter bunt, Nacht.  Wind kommt, Nieselregen, Nacht. Sturm, graues Licht, strömender Regen, Nacht. Tag, Nacht. Tag, Nacht. Tag, und- halt noch nicht- schon wieder Nacht. Wochen ziehen vorüber, Kulissen ändern sich, nur ich bleibe unbeweglich im Bild. Menschen bewegen sich um mich herum, tanzend, lachend, ernst, fremd oder nah. Mal ziehe ich die Mundwinkel nach oben oder zwinge mich zu Kommunikation, mal wende ich mich ab. Ich konstruiere mir einen Alltag und tue Dinge, die ich nicht tun will, aber tun muss, um irgendwas zu tun. Ich funktioniere, halbwegs gut, weil es ja irgendwie weitergehen muss.

Mit übervollem Kopf sitze ich in meinem Stammcafé und während um mich herum das Leben passiert, versuche ich meine Gedanken zu entwirren und wenigstens einen zu Ende zu denken. Plötzlich sitzt mir mein Mitbewohner C. gegenüber und dreht sich eine Zigarette. Er hat schon lange nicht mehr in meinem ausgelagerten Wohnzimmer vorbeigeschaut. Mit seiner Frage reißt er mich aus der Lethargie.

„Immer wenn ich dich frage, wie es dir geht, sagst du „gut“. Dabei sehe ich, dass es dir ganz und gar nicht gut geht. Warum sagst du dann sowas?“ 

Ich fühle mich ertappt und suche objektiv nach Erklärungen. „Weil die Frage keinen Raum für eine Antwort jenseits des „gut“ lässt. Weil es üblich ist, das „Es geht schlecht“ nur selten und in ganz bestimmten Situationen auszusprechen. Weil dich nicht mit meinen Problemen behelligen oder gar belasten will. Ich will ja keine Spaßbremse sein.“  C. erinnert mich daran, dass die Kommunikation mit nahe stehenden Menschen über Worte hinausgeht und ich gelobe, zukünftig ehrlicher zu antworten. Innerhalb von einer Tasse Kaffee haben wir das Thema ausdiskutiert und C. lässt mich wieder mit meinen Gedanken im Stammcafé allein. Verbittert lache ich in mich hinein. Den ehrlichsten Grund auf seine Frage habe ich für mich behalten:

Die Antwort „Es geht mir gut“ ist der Weg des geringsten Widerstands. Dann wird nicht Nachgehakt, nichts muss erklärt werden, nichts wird bewertet. Dann besteht kein Risiko, dass mich das Gespräch noch weiter runterreißt, dass meine Sorgen und Ängste von Außen als begründet gesehen werden oder als banal abgestempelt werden. Wenn ich meine Gedanken nicht ausspreche, existieren sie nicht in der Außenwelt.

Reiß dich zusammen und komm mal mit deinen Problemen klar!“ sage ich mir beim Aufstehen, beim Anziehen, beim Rausgehen, beim Heimkommen, beim Hinlegen und belüge mich damit selbst. Denn eigentlich ich will nicht klar kommen, ich will nicht so tun, als wäre nichts. Ich will nicht mehr funktionieren, damit es irgendwie weitergeht. Ich will eine Lösung finden, aber alle Gedanken enden immer in einer Sackgasse, in der auch andere kein Weiterkommen finden.

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„Wie geht es dir?“ 

„Beschissen.“ 

„Warum?“

„Ich kann das gar nicht so ganz in Worte fassen, weil es so viele Gründe dafür gibt.“

„Nenne mir doch wenigstens einen, vielleicht kann ich dir ja helfen.“

„Okay. Mir macht Angst, was gerade vielerorts in Deutschland passiert. Ich bin starr vor Entsetzen und fühle mich so hilflos. Es ist völlig egal, wie sehr ich mich  für Flüchtlinge einsetze und wie weltoffen ich bin, die gruseligen Einstellungen der „besorgten Bürger“ kann ich nicht verändern. Wenn Ohren und Augen verschlossen bleiben, kann ich so viel brüllen und logisch argumentieren, wie ich will, nichts kommt an. Und ich habe das Gefühl, dass immer mehr Menschen eine gewisse Ausländerfeindlichkeit annehmen.“

„Oh… davon solltest du dich nicht runterreißen lassen, das Problem kannst du nicht lösen.“

Published inSchreibenSonntagskolumne

3 Comments

  1. Uli Uli

    Zitat-Anfang: Wenn Ohren und Augen verschlossen bleiben, kann ich so viel brüllen und logisch argumentieren, wie ich will, nichts kommt an. Und ich habe das Gefühl, dass immer mehr Menschen eine gewisse Ausländerfeindlichkeit annehmen.“

    „Oh… davon solltest du dich nicht runterreißen lassen, das Problem kannst du nicht lösen. Zitat – Ende

    Das geschriebene Wort nimmt immer mehr Realität an, die Menschen drum herum, verstehen nicht die Ängste/Hoffnung der zu uns geflüchteten Menschen. Es werden dumpfe Parolen nachgeplappert und vor allem die ganz ältere Generation versteht die Problematik nicht, obwohl diese es wissen sollte. Wenn ich schon das Wort „Wirtschaftsflüchtlinge soll da wieder hin gehen wo er herkommt“ aus dem Mund eines 77 jährigen Familienfreund höre, ahne ich schon wieder, das diskutieren hier nichts bringt. Es regt mich auf wenn ich sowas höre, Jo, für Dich gesehen, solltest Du aber ehrlich mit Dir und Deiner Umwelt umgehen, wenn Du nach Deinem Wohlbefinden gefragt wirst. Ich werde Dich fragen….zeitnah.

  2. Danke für diese ehrlichen Worte.
    Du bist wirklich stark und ich glaube immer an dich.
    In tiefer Verbundenheit,
    deine Claire.

  3. Kopf hoch. Auch wenn gerade Hilflosigkeit ein schlimmes Gefühl ist und man das Gefühl hat, aus der Zeit zu fallen hinein in ein Loch. Ich antworte auch immer mit „Gut“ – egal in welchen Lebenslagen. Erst wenn jemand fragt „Was geht in deinem Kopf herum?“ kann ich antworten, da kann ich irgendwie die Gefühle mehr außen vorlassen und nur erzählen, worüber ich nachdenke. Klingt komisch, oder?

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