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Der Mann, der nicht mehr sprach

hte:


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Das da ist der Mann, über den alle reden. Man kann ihn doch gleich beim Namen nennen, man kann ihn fragen, wie er heißt. Er antwortet nicht. Will er wohl nicht sagen. Na gut, dann eben nicht.

Der Mann hat eines Morgens einfach nicht mehr geredet. Seine Frau war erst irritiert, dann wütend. Doch so viel sie auch schrie und zeterte, der Mann blieb stumm. Er nickte nicht mal, oder schüttelte den Kopf. Nur ab und an zuckte er mit den Schultern, als wollte er sagen: „Ich weiß selbst nicht, was das soll.“ Nach zwei Stunden wurde die Frau ganz still. Sie wusste auch nicht, was das sollte und bekam einen besorgten Gesichtsausdruck. Dann ging sie mit ihm zum Arzt. Doch auch dort wusste niemand weiter; anscheinend war der Mann vollkommen gesund. Die Frau bat den Arzt inständig um Hilfe und ihre Stimme war dabei schrill und laut. Mit einem Rezept für Beruhigungstabletten verließen sie die Praxis und der Mann, der nicht mehr sprach, sprach noch immer nicht.

Daheim löcherte die Frau ihren Gatten mit vielen Fragen. Ob das ein Aufbegehren sei, gegen irgendwas oder irgendwen. Ob er wütend auf sie war oder etwas Schlimmes passiert sei. Doch so viel sie auch fragte, abgesehen vom gelegentlichen Schulterzucken blieb eine Antwort aus. Da sprach die Frau nicht mehr mit ihm und rief die Kinder an. Sollten die Kinder ihn doch zur Vernunft bringen.

Die Kinder kamen und lachten erst, dann schimpften sie und dann wurden sie auch ganz still. Dann tuschelten sie mit der Frau und der Mann hörte alles, was sie sagten. Denn der Mann, der nicht mehr sprach, konnte trotzdem gut hören.

Auf Arbeit rutschten die Kollegen mit ihren Rollen unter den Stühlen oft zu seinem Schreibtisch heran, legten ihm die Hand auf die Schulter oder sagten etwas Aufmunterndes. Nach einiger Zeit kamen sie immer seltener herüber gerollt und bald wurde gar ein Bogen um ihn gemacht.

Als der Mann, der nicht mehr sprach, eines Tages von der Arbeit nach Hause kam, fand er die Wohnung leer vor. Die Frau war die Kinder besuchen, sagte ein Zettel auf dem Küchentisch. Sonst hatte sie am Ende jeder Zettelbotschaft ein Herz gemalt, jetzt war da nur ein Punkt.

Da ging der Mann ins Bad und als er sein Spiegelbild sah, das ihm so bedröppelt entgegenblickte, musste er lachen. Ganz laut und lang lachte er, dann wischte er sich eine Träne aus dem Auge und wurde ganz ruhig. „Warum soll ich reden, es ist doch schon alles gesagt“, sagte er in den Spiegel und da zuckte das Spiegelbild mit den Schultern, als wüsste es auch nicht, was das sollte.

Das da ist der Mann, na, ihr wisst schon. Man kann ihn ja nochmal fragen, wie er heißt. Was? Will er immer noch nicht sagen. Na gut, dann eben nicht. Dann bleibt’s halt. Über den redet eh keiner mehr.

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3 Comments

  1. Sehr, sehr schön. Toll geschrieben, das kannst du. Das weiß ich ja! ♥ Und ja,.. Kathrin ist eine wunderbare Autorin. Ich hab die Ehre mit ihr zusammen bei Mit Vergnügen Hamburg zu schreiben :)

  2. Liebe Josephine,
    ich hätte dir so gerne einen kommentar unter deinen Fuerteventura Bericht gelassen, ging aber irgendwie nicht!
    Herrlich dein Schreibstil und ich kann es mir alles bildlich vorstellen!
    ich bin momentan auf Fuerteventura schon in Woche 4 und 2 kommen noch…ich glaube wenn man nicht Wassersportbegeistert ist wird es wirklich schnell langweilig hier!:-)

    Liebe Grüße
    Jenni von http://www.surfdaplanet.de

  3. Ohhhh..was für ein schön geschriebener Text…davon will ich mehr…ich hoffe das gibts hier..ich schaue mich mal um :-)

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