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Sonntagskolumne 12/15

Anteilnahme

Heute ist Sonntag. “Hach, du könntest ja mal wieder eine Kolumne schreiben”, denke ich mir und kriege direkt Gänsehaut, weil mir dieser Gedanke so banal und alltäglich vorkommt. Meine Reaktion verwundert mich selbst, ich kann sie mir nicht gänzlich erklären und tue sie damit ab, dass heute ein komischer Tag ist.

Manchmal gibt es solche Tage, die einfach komisch sind. Ich meine nicht im Sinne von Komik (allenfalls aus der Sicht eines humorlosen Misanthropen), sondern komisch-grotesk. Man fühlt sich wie ein Fremdkörper in seiner Umwelt, selbst die sonst so alltäglichen Dinge verwundern oder verstören plötzlich. Was solche Tage besonders komisch macht, ist der Umstand, dass die Ursache dieser Eigenartigkeit im Verborgenen bleibt. Es ist einfach nur ein Gefühl, das plötzlich da ist. Ein komischer Tag ist aber nicht schlimm; so, wie das Gefühl der Fremdartigkeit vorüber geht, geht der komische Tag vorüber und schon nach einer Woche ist das Gefühl dieses Tages wieder vergessen.

Aber heute ist der neunte komische Tag in Folge und etwas ist anders, als sonst. Obwohl schon beim Aufwachen der komische Vortag vergessen ist, geht das Gefühl einfach nicht weg. Obwohl ich die genaue Ursache des Gefühls nicht greifen kann, kristallisieren sich aus den ständigen Grübeleien zumindest einige Gründe heraus. Dazu braucht es ein kurzes Zurückspulen.

via foxesandfaries

Samstag, 14.11.2015

  • 10:00 Beim Frühstück lese ich den Liveblog der Süddeutschen, um auch nur ansatzweise zu erahnen, was in der vergangenen Nacht in Paris passiert ist. “Öl ins Feuer“, denke ich für die nächsten Tage und kriege Bauchschmerzen beim Gedanken an PEGIDA und den besorgten Bürgern.
  • 13:00 Ich beantworte Mails und bleibe zwischendurch immer wieder auf Facebook hängen. Leute unterlegen ihre Profilbilder mit der französischen Flagge. Facebook schlägt mir unter jedem geänderten Profilbild vor: Ändere dein Profilbild, um deine Unterstützung für Frankreich und die Menschen in Paris zu zeigen.”
  • 15:00 Während sich die ersten Leute darüber beschweren, dass der Anschlag in Paris so große Bahnen zieht, obwohl ständig auf der Welt ähnliche oder schlimmere Anschläge stattfinden, entdecke ich die von Facebook eingerichtete “In Sicherheit” Funktion.
  • 20:00 Ich sitze in meinem Stammcafé und höre der stockenden Stimme von Ali zu. “You wont believe it, but today many people looked at me in a different way. I’d seen in their eyes that they’re scared because of me. I see that they’re asking themselfes if I am a terrorist.” 

Sonntag, 15.11.2015 bis…

  • Ich esse Schokoladenkuchen mit meiner Tante. Merkel verkündet Mitleid und Loyalität zu Frankreich. In meiner Fantasie wird Krieg gespielt.
  • Die Slamtour beginnt und direkt im Backstage von Frankfurt werde ich gefragt “Findest du nicht auch, dass heute ein komischer Tag ist?”
  • Ich laufe nach dem ersten Slam mit Jamie DeWolf (einem kalifornischen Slammer, der gerade auf Deutschlandtour ist) zum Frankfurter Hauptbahnhof, wir passieren Prostituierte und Alkoholisierte und entschuldige mich für die merkwürdige Atmosphäre.
  • Nach der kritischen Aussage und einer Auseinandersetzung ist Matussek nicht länger bei “Die Welt”. Wir sitzen beim ausgiebigen Frühstück und jemand sagt “Richtig so! So jemand ist für eine Zeitung untragbar.”
  • Ein Fußballspiel wird abgesagt, wegen Bedrohung der Sicherheit. Im Backstage wird gescherzt. “Vielleicht hat ein Spieler kein Bock gehabt und absichtlich seine Tasche vorm Stadion stehen gelassen”, sage ich und nippe am Bier. Als das Lachen verklingt, denke ich bitter, dass das Leben weiter geht.

…Heute

Noch immer reden die Leute über Paris, doch es wird weniger. Das Gefühl der Ohnmacht ist noch immer da, aber was kommt danach? Irgendwann wird der Alltag wieder weitergehen. Die Ersten haben ihre Profilbilder schon wieder ent-flaggt. Die Schweigeminuten werden abebben, die Sorgen werden sich wieder um Weihnachtsgeschenke, Spritpreise, zerbrochene Iphone-Displays und der Wochenendplanung drehen und das ist okay. Schließlich muss es weiter gehen, irgendwie.

Aber das, was mich lähmt, wütend, ängstlich und wirklich traurig macht, was jeden Tag zu einem komischen werden lässt, ist das Gefühl, das sich nichts verändert hat. Vielleicht wird die Sicherheitspolitik verschärft, vielleicht gibt es Vergeltungsschläge, vielleicht hassen nun Menschen andere Menschen noch mehr, aber all diese möglichen Konsequenzen wirken dumm, grausam, besorgniserregend.

Ich muss an die Worte denken, die das Muttertier mir vor einer Ewigkeit gesagt hatte, als ich heulend das blöde Nachbarkind bei ihr verpetzte. “Wenn dich jemand ärgert, ärgere nicht zurück. Mach lieber etwas Gutes, umarme denjenigen zum Beispiel. Lass dich nicht auf das Niveau herab, sondern mache es selbst besser. Du kannst nicht nur aus deinen Fehlern lernen, sondern auch aus denen der Anderen.”

Published inSchreibenSonntagskolumne

2 Comments

  1. Völligegal Völligegal

    Ich bin der meinung deine tage bleiben komisch!du fühlst dich komisch,da du immer das geschehene wie keine zweite deutest,doch sobald du dich angegriffen fühlst krazt und beißt du los,es ist so lange komisch bis du der ,,gute Mensch” bist,der du in deiner öffentlichen präsens vorgibst zu sein! Mir stellt sich lediglich die frage,wie du mit all den in der welt geschehenden wirklich dramatischen und erschreckenden ereignissen umgehen würdest wenn du sie nicht so aufarbeiten könntest und dir keiner pausenlos probs zuwerfen würde!allein dein bild ist für mich ein schlag ins gesicht genau wie jedes flaggenunterlegte profilbild,es tritt an uns heran und ist nicht mehr in schwellen Ländern und der dritten Welt wo mit unseren Waffen seit jahrzehten Eltern Kinder Brüder Schwestern usw ermordet werden,es ist als würden alle von einem geist heimgesucht,nur das der geist nie zu übersehen war,ihr seid die intellektuelle elite,danke das ihr alle gute blinde schafe seid und es auch bleibt!Herzlichen glückwünsch unsere Waffen kommen jetzt zurück!Doch was interessiert ist immer nur das hier und jetzt,nicht die frage warum es überhaupt dazu gekommen ist,noch vor wochen,ich erinnere mich gut,war es der Flüchtlingsstrom,der dich zutiefst bewegt hat,der ist jetzt glücklicherweise schnee von gestern,ups es wird winter! Jegliches schreiben ist doch überhaupt nicht aussagekräftig wenn es enzig dir hilft die welt ein wenig besser zu verstehen,zu beklagen und dabei ist nur wichtig gut rüberzukommen!

    Bitte nicht alle gleichzeitig mit neuem shitstorm, ist auch nur eine Meinung!
    Wenn alles nur quatsch ist macht doch weiter wie bisher!die gute Frau bluetenstaub sagte es ja bereits achtet fein auf euer I phone display!

    • Vielen Dank für deinen Kommentar, dadurch bekomme ich einen Einblick, wie sehr man mich/ meine Texte missverstehen kann.
      Du hast Recht, wie jeder Mensch habe auch ich Schwächen und Fehler. Ich behaupte aber auch nicht das Gegenteil, nur, weil ich damit nicht in der Öffentlichkeit hausieren gehe. (Würdest du das etwa?)
      Leider verstehe ich inhaltlich einige Punkte, die du ansprichst, nicht – beispielsweise was genau dich aufregt.
      Andererseits habe ich das Gefühl, dass wir uns gar nicht so uneinig sind. Du kritisierst, dass immer nur das Hier und Jetzt interessiert und nicht die Frage, wie es überhaupt dazu gekommen ist. Dieser Kritik kann ich mich nur anschließen, das hatte ich eigentlich auch versucht, in der Kolumne mit anklingen zu lassen. Anscheinend ist mir das nicht gelungen, schade.
      Was du allerdings deutlich differenzieren solltest, ist, dass das ein persönlicher Blog ist, kein Tagebuch. Ich filtere hier die Inhalte, weil ich kein Seelenstriptease machen will und schreibe natürlich bevorzugt über Dinge, die mich aktuell beschäftigen, ohne die Leser mit einem Thema überzustrapazieren. Die Flüchtlingskrise beschäftigt mich noch immer, aber ob und wie stark ich mich in diesem Thema engagiere, gehört für mich nicht auf den Blog.
      Noch ein paar Fragen zum Schluss:
      Wann ist/ bzw. Was macht jegliches Schreiben für dich aussagekräftig?
      Welches Bild ist für dich ein Schlag ins Gesicht?
      Was macht für dich einen guten Menschen aus?

      Sieh meine Antwort bitte nicht als “beißen und kratzen” an, ich möchte nur einige Punkte diskutieren.
      Ahoi

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