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Smalltalk Déjà-vu

Es gibt viele Gründe, warum ich die Frage “Was machst du so?” nicht ausstehen kann. Beispielsweise, weil sich der Fragensteller dann nur für die jeweilige Funktion und nicht für den eigentlichen Menschen interessiert. Ein weiterer, sehr gravierender Grund sind die sich ständig wiederholenden, oberflächlichen Gespräche, die aus der Frage resultieren. Mit erschreckender Präzision kann ich mittlerweile die Antworten meines Gesprächspartners vorhersagen. Selbst die Versuche meinerseits, kreativ das Thema zu wechseln oder das Gespräch zu beenden, blieben bislang erfolglos. Wenn man einen Ohrwurm loswerden will, muss man das Lied einmal komplett singen, um der Endlosschleife zu entfliehen. Vielleicht funktioniert das bei Gesprächen auch so, wenn man sie endlich mal aufschreibt:


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Der Kontext ist unwichtig. Man ist halt gerade irgendwo – zum Beispiel auf einer Party. Die Ausgangslage ist immer dieselbe: Man kennt jemanden nicht und kommt ins Gespräch.  

SIE Und was machst du so?

ICH Gerade rede ich mit dir und schlürfe an einem Bier.

SIE (lacht, als hätte ich den besten Witz des Jahres gerissen) Nein, im Ernst, was machst du sonst so? Studierst du?

ICH Ja, auch. Also eher so nebenbei.

SIE (lacht wieder, als würde sie das kennen) Ach, das kenne ich. Und was machst du eigentlich?

Ich nehme ausweichend einen extra langen Schluck von meinem Bier und hoffe darauf, dass sie vom Thema wegkommt. Als mein Bier alle ist und sie mich noch immer mit erwartungsvoller Spannung anstarrt, sehe ich mich genötigt eine Antwort zu nuscheln. 

ICH Schreiben.

Die Antwort geht im Lärm der Umgebung unter. Entweder sie ist jedoch noch nicht betrunken genug, um den Faden zu verlieren oder schon zu betrunken, um zu realisieren, dass mir das Gespräch zuwider ist.

SIE Waaas?

ICH Schreiben.

SIE Ach cool! Was denn so?

ICH Texte und sowas. Alles und nichts.

SIE Was denn für Texte? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!

ICH Alles mögliche, Artikel für Zeitungen, Blogposts, manchmal Gedichte, Poetry Slam Texte….

SIE (mit vor Erfurcht geweiteten Augen) Poetry Slam? Du schreibst Slams? Das ist ja wahnsinnig cool! Ich war schon mal auf einem Poetry Slam, das ist total abgefahren, echt, mega mutig, ich würde mir sowas nicht trauen…

ICH (halblaut, weil ich kein Klugscheißer sein will, aber es nicht unkommentiert stehen lassen kann) Poetry Slam Texte, genau. Slams sind die Veranstaltungen. Die schreibe ich nicht. Aber die Texte dafür. Slam Texte. Texte.

SIE (ignoriert meine Antwort) Schreibst du auch sowas wie Kurzgeschichten?

ICH Ja, auch.

SIE Liest du die dann auch auf Poetry Slams?

ICH Nein, das haut meistens mit dem Zeitlimit nicht hin, aber auf Lesebühnen, ja.

SIE Und über welche Themen schreibst du so?

Weil ich hörbar seufze, versucht sie ihre Frage zu konkretisieren

SIE Also hast du ein bestimmtes Thema, das in deinen Texten immer wiederkehrt?

ICH Nein, nicht wirklich. Wie viel Musiker kennst du, deren Lieder immer über das selbe Thema handeln? Oder nehmen wir Maler, wie viele Maler kennst du, die immer die gleichen Motive verwenden oder immer die gleichen Farbtöne benutzen?

SIE (lacht wieder, ich scheine den Witz einfach nicht zu verstehen) Ja, da hast du voll Recht. Hast du einen Text dabei, den du mir jetzt vortragen könntest?

ICH Im Ernst? Hier, mitten auf der Party?

SIE Ja, voll! Mach mal so einen Poetry Slam Text, die muss man doch sowieso immer auswendig vortragen.

ICH Muss man nicht, das ist einem selbst überlassen, wie man die vorträgt. Ich hab zwar ein paar Slamtexte im Kopf, aber ich bin doch kein Hund, der auf Kommando seine fleißig antrainierten Kunststücke vorführt.

SIE (ist meiner patzigen Antworten noch immer nicht müde, fährt mit gleicher Euphorie fort und verpasst dem Gespräch die überraschende Wende) Ja, stimmt, da kann ich dich voll verstehen. Weißt du, ich schreibe nämlich auch!

ICH Achwasneinsowas! Wirklich?

SIE Ja! Was für ein ZUFALL, dass sich zwei Schriftsteller einfach so auf einer Party treffen, nicht wahr?

ICH (halte Ausschau nach einem neuen Bier) Hmm.

SIE Weißt du, ich schreibe so Kurzgeschichten. Aber ich hab mich bisher noch nicht getraut, sie jemandem zu zeigen.

ICH Ja, das kostet Überwindung.

SIE Ich habe auch schon mal einen Roman angefangen. Also eigentlich sogar schon vier. Aber ich hab irgendwie immer so nach fünfzehn Seiten die Lust verloren. Vielleicht hatte ich noch nicht die richtige Idee…

ICH Versuche es doch erstmal mit etwas Kürzerem.

SIE Ja, genau das hatte ich mir auch gesagt, deshalb schreibe ich ja jetzt Kurzgeschichten. Ich will damit später mal berühmt werden. Aber du kennst das Business ja sicher*…  zuerst suche ich mir einen anständigen Beruf, um Geld zu verdienen. Die Literatur kommt dann später, wenn ich mehr Zeit habe.

ICH Ich glaube, mich hat da drüben jemand gerufen…

SIE (fährt unbeirrt fort) Das mit dem Bloggen hab ich mir auch schon durch den Kopf gehen lassen. Ich werde bald einen beginnen, einen Reiseblog für mein Au-pair. Nichts großes, nur für Familie und Freunde, aber das ist doch auch schon was, oder?

ICH Ja, ganz toll. Ich bin gleich wieder da, muss nur mal kurz da drüben…

SIE (schreit mir hinterher) Aber du kommst wieder, ja? Ich kann dir ja mal einen meiner Texte schicken, was meinst du?

Ich nehme die Füße in die Hand und schwöre mir, beim nächsten Mal ein solches Gespräch entweder zu Beginn abzubrechen, engagiert und bemüht einen Themenwechsel zu vollziehen oder irgendwelche Lügen zu erzählen. Hauptsache ich muss nicht übers Schreiben reden.

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*An dieser Stelle kann das Gespräch auch auf ganz andere Art unangenehm werden, in einer früheren Sonntagskolumne habe ich darüber schon mal berichtet.

Published inLebenSchreiben

3 Comments

  1. Glühwurm2 Glühwurm2

    Beim nächsten Mal denken wir uns einfach ganz verrückte Vitas aus!

  2. Oh solche Gespräche machen Spaß. Ich schreibe zwar “nur” auf dem Blog, aber entweder die Leute verstehen gar nicht erst, was ein Blog überhaupt wirklich ist und denken ich mache rein gar nichts, wenn ich zu Hause bin oder aber, sie wollen mich für ihre Werbezwecke benutzen. “Hey, kannst du nicht mal dies oder das von mir teilen?”. Joa… Das ist dann meistens der Punkt, wo ich das Gespräch abbrechen will.

    Bin ja schon irgendwo froh, dass es nicht nur mir so geht.

    Lg Anna

  3. Ich rede ja gerne übers Schreiben. Sogar SEHR gerne. Aber diese Art Smalltalk fände ich auch lästig und nervig -.-
    Du bist da ja noch lange relativ ruhig geblieben. Ich hätte schon längst gesagt “Du nervst” und wäre abgehauen. Wobei… meine letzte Party liegt Jahre zurück, vielleicht ist man auf Partys einfach sozialer ^^.
    Ich treffe mich gerne mit anderen Autoren, aber dann explizit bei Autorentreffen etc. :)

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