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Sonntagskolumne 01/16

DIE EISKÖNIGIN

In meinem Stammcafé wird es plötzlich eiskalt, obwohl die Heizung bis Anschlag aufgedreht ist. Meine Augen werden vom Szenario am Nebentisch, der offensichtlichen Kältequelle, abgelenkt. Ich lehne mich zurück und schiele herüber zu der Eiskönigin.

Ununterbrochen schiebt sie ihr halbleeres Weinglas um wenige Zentimeter über den Tisch, nach links, nach rechts. Dabei starrt sie gebannt aus dem Fenster, als wäre sonntags auf den hallischen Straßen etwas los.

Den unaufmerksamen Beobachter könnte sie vielleicht damit reinlegen, aber nicht mich, ich weiß, dass sie dem flehenden Blick ihres Gegenübers absichtlich ausweicht.

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Der Mann sitzt da, fährt sich unsicher durch die braunen Haare und folgt kurz dem Blick seiner Freundin. Als er draußen nichts erblickt, holt er Luft und will zu reden ansetzen, schaut ihr ins Gesicht, doch da sein Blick nicht erwidert wird, bleibt ihm das Wort im Halse stecken. Stattdessen entfährt ihm ein Seufzer. Sie bleibt unbeeindruckt und ändert lediglich ihre Blickrichtung- wandert mit den Augen von der Straße herüber zu anderen Gästen weiter hinten im Café, mit einem Blinzeln überspringt sie dabei gekonnt die Möglichkeit, dass sich ihre Blicke kreuzen.

Jetzt sammelt er mit einem großen Schluck von seinem Bier allen verbliebenen Mut, legt die Hände auf die Tischplatte vor sich, als würde ihm das festeren Halt geben und sagt etwas, dass diese Eiseskälte beendet. Gespannt nippe ich an meinem Wein und überlege, wie sie wohl auf die Entschuldigung reagieren wird. Ob sie ihm verzeihen wird?

„Warum musst du eigentlich immer streiten? Das ist doch völliger Unsinn!“

Ich verschlucke mich an meinem Wein. Für eine Sekunde ist es vollkommen still im Café. Ein anderer Stammgast am Bartresen guckt mich ungläubig an, seine weit aufgerissenen Augen fragen das, was  alle heimlichen Zuhörer gerade denken: „Hat er jetzt nicht gesagt, oder?“ – wortlos nicke ich.

Nur ein Narr kann der Eiskönigin so etwas an den Kopf werfen.

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Die eisige Freundin schüttelt den Kopf und verdreht die Augen. „Ach komm schon, Anne, ich…“

Sie streckt ihm ihre Hand entgegen, um ihm Einhalt zu gebieten und kramt mit der freien Hand in der Tasche nach ihrem Portemonnaie. Wie in Zeitlupe erhebt sie sich, legt einen Schein auf den Bartresen und verlässt, ohne auf die hektischen Satzanfänge ihres Freundes einzugehen, das Café. Ich habe noch einige Momente eine Gänsehaut, obwohl die Eiskönigin schon verschwunden ist. Der Narr sitzt hilflos auf seinem Platz und starrt zur Tür, aus der seine Freundin verschwunden ist. Er weiß nicht, dass er noch einmal Glück gehabt hatte, nicht von ihrem Blick getroffen und in einen Eisklotz verwandelt worden zu sein.

„Warum seit ihr Frauen nur so?“ wendet er sich jetzt an mich. Ich ärgere mich, dass ich meine unverhohlene Neugier nicht besser zu verbergen weiß und wäge kurz ab, ob ich ihm Antworten soll- die Eiskönigin könnte ja nochmal wiederkommen und ich will dann nicht in der Schussbahn sein. Doch dann fasse ich mir doch ein Herz und erkläre ihm das Märchen.

„Jeder ist mal Eiskönigin. Das muss halt einfach sein. Da geht es nicht um das Warum und Wieso, sondern eher um die Reaktion des anderen. Auch eine Eiskönigin will geliebt werden, egal wie kalt und stark sie ist. Nur derjenige, der sich traut, sie trotz allem zu umarmen und ihr, wenn es sein muss, Recht gibt, wo sie keins hat, schafft es, denn Bann zu brechen und ihr eisiges Herz zu schmelzen.“

Der Mann guckt mich ratlos an. Vermutlich hat er nichts verstanden, aber so ist das nun mal mit Narren.

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Published inSchreibenSonntagskolumne

Ein Kommentar

  1. Ziemlich großartige Beobachtung, genau so tolle Zeilen. Macht bei dir einfach immer Laune zu lesen!

    P. S. Ohja, jeder ist mal eine kleine Eiskönigin, wenn auch oft ungewollt!

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