Zum Inhalt

KATEGORIEN

Sonntagskolumne 02/16

DAS STURMFREIE WOCHENENDE

Alles beginnt am Freitagmittag, als ich noch nicht weiß, dass mir das einsamste Wochenende aller Zeiten bevorsteht. Mitbewohner L. ist für ein Kunstding bis Anfang nächster Woche in Düsseldorf. Lu, die seit anderthalb Wochen als Zwischenmieterin für F. das Zimmer neben meinem bewohnt, verabschiedet sich für einen Wochenendausflug. C.s Zimmer steht leer und wartet auf J., den neuen Mitbewohner, der am Samstagabend einzieht und unsere Wohnung damit endlich wieder zu einer 4er WG macht. Mir wird bewusst, dass ich also mehr als 24h sturmfrei habe. Eigentlich ist mein einziger Plan fürs Wochenende „Lernen und Arbeiten“, aber die leere Wohnung ist zu verlockend, um nicht genutzt zu werden.

Innerhalb der nächsten drei Stunden fröne ich jeglichen Aktivitäten, die im normalen WG-Leben nicht möglich sind: Ich tanze zu lauter Musik durch mein Zimmer. Ich tanze zu lauterer Musik durch den Flur. Ich tanze zu noch lauterer Musik, die aus meinem Zimmer dröhnt, in der Küche. Im noch leeren Zimmer von J. bringe ich mir mithilfe eines Youtube-Tutorials das Tango tanzen bei. Dann mache ich Popcorn und esse alles alleine auf. Anschließend putze ich die Wohnung. Dann stöbere ich in den Kleiderschränken der Mitbewohner und bringe mit dem besten Outfit, das ich aus den Klamotten der anderen zusammengestellt habe, Pfandflaschen weg. Und dann… geht mir die Luft aus. Die Uhr sagt, dass es noch drei Stunden dauert, bis meine beste Freundin zum Mädelsabend vorbeikommt. Also will ich die verbliebene Zeit zum Lernen nutzen, kann mich aber nicht konzentrieren, weil es so ungewöhnlich leise ist. Unruhig tigere ich durch die Wohnung und schalte in jedem Raum Licht ein, bis endlich Besuch kommt.

IMG_3312

Der Samstag beginnt früh. Ich schrecke um acht Uhr aus einem konfusen Traum, weil es noch immer so still in der Wohnung ist. Spontan überlege ich, mir ein Haustier zuzulegen, um das ich mich kümmern kann. Ein Papagei wäre cool, dem könnte ich das Sprechen beibringen. Als ich mitbekomme, wie teuer ein Papagei ist, schwenke ich auf einen kleineren Vogel um. Fast überall im Internet stoße ich auf Tierschützer, die mit erhobenem Zeigefinger davon schreiben, dass man sich niemals einen einzelnen Vogel zulegen sollte, weil die Tiere nur in Gruppen vollkommen glücklich sein können. Ich fühle mich persönlich angegriffen, weil ich anscheinend auch nur in Gruppen vollkommen glücklich sein kann und verlasse fluchtartig die Wohnung. In meinem Stammcafé lässt sich der Tag ganz gut rumkriegen. Abends koche ich voller Vorfreude ein opulentes Mahl, für den neuen Mitbewohner und seine Umzugshelfer. Als J. mich anruft und erzählt, dass das mit dem Transporter nicht geklappt hat und er doch erst nächste Woche einziehen kann, verliere ich die Fassung.

Mir wird bewusst, dass ich sehr wohl allein sein kann und das auch sehr gerne bin – allerdings nur, wenn ich mir das aussuchen kann.

Um das Gefühl der Abhängigkeit zu verlieren, rufe ich zehn verschiedene Nummern aus meinem Telefonbuch an. Irgendwer meiner Freunde wird doch an einem Samstagabend Zeit haben! Um 22 Uhr liege ich frustriert im Bett. „Auf Facebook ein #friendsday Video teilen, das könnt ihr, aber Spontanität ist nicht drin, oder was?“, denke ich wütend. Klar könnte ich den Samstagabend auch noch selbst gestalten, Dinge tun, die ich schon lange nicht mehr getan habe, irgendwo hingehen, nochmal die Wohnung putzen oder Lernen, aber nichts davon tue ich. Denn nichts geht beim Allein sein besser als: Im Selbstmitleid baden.


Noch schätzungsweise fünf Stunden verbleiben, dann ist das einsamste Wochenende aller Zeiten vorbei. Zumindest hoffe ich, dass es dann vorbei ist. „Spätestens 20 Uhr müsste Lu von ihrem Wochenendausflug zurückkommen, schließlich ist es dann dunkel und spät und sie hat doch morgen bestimmt Uni…“

Mein innerer Monolog verstummt vor Schreck, als mir einfällt, dass gerade vorlesungsfreie Zeit ist. „Oh nein, sie wird doch nicht erst Montag…“ Die Idee, Lu anzurufen, um endlich Gewissheit zu haben, (Ich: „Hey, wann kommst du heim?“ L: „Wieso?“ Ich: „Ach, nur so, damit ich Bescheid weiß.“) verwerfe ich ganz schnell wieder, schließlich ist Lu noch nicht lang meine Mitbewohnerin und ich möchte ihr nicht das Gefühl geben, von mir kontrolliert zu werden. Nachher denkt sie noch, ich sei verrückt.

Stattdessen werde ich mir in der verbliebenen Zeit lieber nochmal Lu‘s Kleiderschrank vornehmen und die schönsten Kleidungsstücke in meinem Zimmer verstecken.

  IMG_3336

Published inSchreibenSonntagskolumne

2 Comments

  1. die beste freundin die beste freundin

    Du süße, freche Pusteblume! Was für ein niedlich-konfuser Artikel.

  2. Wundervoll. Diese Wochenenden kenne ich. Ich fange dann gefühlte 52 Bücher an, schmettere meine Lieblingssongs mit, mache das Fenster auf und zu, Youtube Videos an und aus und überlege, ob man wohl guten Gewissens um 19 Uhr ins Bett gehen kann.
    Liebe Grüße, Nina

Kommentar schreiben:

Close
%d Bloggern gefällt das: