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#Californian travel notes: Schockstarre.

San José, Sonntag. Als ich um 11 Uhr kalifornischer Zeit erwache, geht der erste Blick nach dem Augenaufschlagen aufs Handy.  In der Nacht wurden die Uhren hier auf Sommerzeit umgestellt, Deutschland ist nur noch acht Stunden voraus. 19 Uhr ist es dort also, dort, wo mein Zuhause ist, dort, wo in Sachsen Anhalt die Wahllokale der Landtagswahl vor kurzem geschlossen haben. Mit Herzklopfen öffne ich Facebook, die ersten Hochrechnungen müssten schon zu sehen sein. Ich halte die Luft an. Was zuerst auf meiner Timeline erscheint, ist keine Hochrechnung, sondern nur Posts von Freunden á la: “Ach du Scheiße!” oder “Ich gehe mich dann jetzt mal betrinken.” OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Home is where your heart breaks.

Im Laufe des Vormittags verliere ich meine Worte. Mike fragt mich, was los ist. “There was this election in my country and worst case happened.” 

“Oh no, did Donald Trump win and is the president of Germany now?”, witzelt Mike und bringt mich auch zum Schmunzeln. Ja, so ungefähr fühlt es sich an.

In der nächsten Stunde hänge ich am Telefon und teile meine Sprachlosigkeit mit der Familie. Beunruhigt sind sie alle. Mein Opa sagt, dass das eine Protestwahl war und das nun mal passiert, wenn Politiker nicht auf die Bedürfnisse der Bevölkerung eingehen. “Da ham se jetzt die Quittung bekommen, die da ganz oben.” Ich weiß nicht, ob ich ihm zustimmen soll und nuschele nur ein halbherziges Hmmm in den Hörer. “Aber keine Sorje, die Spinner vonner AfD ham wir nich jewählt.” 

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Als zweitstärkste Partei nahe hinter CDU zieht die AfD mit 24,2 Prozent in den Landtag Sachsen Anhalts ein. 24,2 Prozent. 24,2. 24,2. Die Zahlen spuken in einer Endlosschleife durch meinen Kopf, eine leichte Übelkeit steigt in mir auf. Ich sitze auf der Veranda von Mikes Haus, die Sonne scheint gnadenlos vom Himmel herab und verspottet mich. Auf dem Liveblog der Tagesschau lese ich von der höchsten Wahlbeteiligung seit 1998 in Sachsen Anhalt mit 60,irgendwas Prozent. Ich jongliere mit all den Zahlen und stelle Spekulationen über mögliche Koalitionen an, doch mein Kopfrechner spuckt nur ein schlumpfblaues Error aus.

Nachdem der erste Schock überwunden wurde, beginnen auf Facebook die Wutausbrüche. Manche fordern die AfD-Wähler ihrer Freundesliste dazu auf, sich freiwillig zu entfreunden, Andere verarbeiten ihre Gefühle in Spott und Hohn. “Sachsen Anhalt hat nun die braune Laterne” heißt es in dem gelungen Artikel der MZ.

Ich fühle mich entfremdet. Beunruhigt. Von der Bevölkerung enttäuscht. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird, aber sicherlich nicht einen Fortschritt in Sachsen Anhalt mit diesem Wahlergebnis. Ich fühle mich hier gerade mehr Zuhause, akzeptierter und verstandener, als in Deutschland. Und das nicht nur, weil hier die Sonne scheint, die Landschaft wunderschön ist und die Menschen weltoffen und herzlich sind. Das Problem liegt am anderen Ende der Welt und es stinkt gewaltig zum Himmel, sodass ich es bis hierher riechen kann.

Refugees are still welcome. AfD still sucks.

mike

Published inReisenSchreiben

2 Comments

  1. Ich kann Deine Gefühle vollkommen nachvollziehen. Ich habe selbst die Wahlergebnisse in einer Art Schockstarre verfolgt. Wie können sie viele Menschen so blind irgendwelchen Parolen folgen… Hoffen wir, dass es nur eine Phase ist und dass diese Misere nicht noch tiefer greift.

    Viele Grüße
    Missi

  2. ja, hatte das selbe auch bei den kommunalwahlen in hessen. ich saß hier in hamburg und dachte mir nur… WAS ZU HÖLLE IST NICHT RICHTIG MIT EUCH? In einigen städten ist sogar die npd in die höhe geschossen. das wird langsam echt gruselig!

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