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Sonntagskolumne 03/16

DIE ZEIT ZUM LEBEN

Neulich stand ich vor Beginn der Vorstellung des Dokumentarfilms “Revolution mit bloßen Händen” (über den Aufstand vom 30./31. Oktober 2014 in Burkina Faso) mit einigen Burkinabé zusammen und unterhielt mich. Die Piratenfahne an meinem Fahrrad gab Anlass genug, um mit Händen, Füßen und einem Sprachmischmasch aus Französisch, Deutsch und Mooré herumzualbern. Plötzlich sah ich mich aus heiterem Himmel mit einer Aussage konfrontiert, der ich instinktiv zustimmte, ohne ihr ganzes Ausmaß zu verstehen:

“Hier in Deutschland, ihr rennt immer nur. Alles ist Arbeit. Selbst Freizeit ist Arbeit. Hier ist keine Zeit zum Leben eingeplant.” 

Wenn jemand einen Kinderwunsch hat, scheint er plötzlich nur noch junge Eltern mit Kinderwagen in der Stadt zu sehen. Vielleicht falle ich auf den gleichen Effekt herein, weil mir die Sätze noch im Kopf herumgeistern, aber in den folgenden Tagen stimmen mich die Begegnungen mit Freunden nachdenklich:

Während ich in meinem Stammcafé sitze und eigentlich schreiben will, betritt ein Bekannter das Café, den ich seit Wochen nicht gesehen habe. “Spontane Wiedersehen sind wichtiger als irgendwelcher Schreibkram” , denke ich und klappe den Laptop zu. Das Neueste wird ausgetauscht, wir reden über Träume, Zukunftspläne und Selbstverwirklichung. Meine beste Freundin schreibt mir fast zeitgleich auf Facebook, dass sie mich vermisst und wir viel zu wenig Beste-Freundinnen Kram machen. Ich lese es erst Stunden später und weiß nicht, was ich antworten soll. Warum war sie nicht diejenige, die spontan das Café betreten hat? Warum sind wir beide immer so beschäftigt mit irgendwelchen Dingen und warum schaffen wir es nicht, uns regelmäßig zu sehen?

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Da ich keine Antwort auf meine Fragen finde, schließe ich Facebook, unterdrücke das schlechte Gewissen und widme mich der WhatsApp Nachricht eines Freundes. Wir suchen nämlich schon eine Weile lang nach einem Termin, an dem wir beide Zeit haben, um uns zu verabreden und die Neuigkeiten der letzten Wochen austauschen zu können. “Wo ist eigentlich die Zeit zum Leben geblieben?”, frage ich mich im Stillen beim Tippen eines Terminvorschlags. Ich ertappe mich bei dem verklärenden Gedanken an die Grundschulzeit, als man noch den Festnetzanschluss hatte und Verabredungen meist mündlich getroffen wurden, als man bei schönem Wetter einfach Freunde spontan besucht hatte und beim Klingeln hoffen musste, dass sie zuhause sind.

Als ich unangekündigten Besuch von F. bekomme, dem spontansten und am wenigsten planenden Menschen des Freundeskreises, offenbare ich ihm bei einer Tasse Kaffee meine Gedanken zu den Erlebnissen der letzten Tage. Mit einem gewissen Stolz in der Stimme erklärt F. mir den Grund seiner Spontanität:

“Bei mir steht Spaß im Mittelpunkt des Lebens. Ich will immer nur das tun, worauf ich gerade richtig Lust habe, da kann man nicht weit planen.”

Mir gefällt seine Einstellung. Doch als ich später wieder allein mit meiner Grübelstimmung bin und nochmal über das Gespräch mit F. nachdenke, fällt mir plötzlich etwas auf. F.’s spontane Unternehmungen sind gar nicht so spontan. Obwohl er mit seiner Planungsphobie auf den ersten Blick ein weniger gehetztes Leben führt, verfolgt er doch mit all seinen Unternehmungen immer einen bestimmten Zweck – selbst, wenn dieser Zweck “Spaß” heißt. Er hat sich dem Spaß verschrieben und scheint zwanghaft diesem Motto treu bleiben zu wollen.

Freizeit heißt bei uns oftmals, das eigene Lebenskonzept zu erfüllen. Erst jetzt verstehe ich, was mir der Burkinabé sagen wollte. Zeit zum Leben hat nicht unbedingt etwas mit Spontanität zu tun. Vielmehr geht es um Momente, die in keinem Kontext und nach keinem Konzept geplant sind; Momente, von denen man sich nichts verspricht und nicht über deren persönlichen Nutzen für einen selbst nachdenkt; Momente, in denen man einfach… existiert und sich vorbehaltlos überraschen lässt.

“Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung”, denke ich, schließe den Laptop und wähle die Telefonnummer meiner besten Freundin.

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Published inSchreibenSonntagskolumne

Ein Kommentar

  1. die beste Freundin die beste Freundin

    wird dich sich immer in Erinnerung bringen. Und wenn sie es nicht tut, machst du das schon ;)
    <3

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