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Null-Bock Tag

Heute ist Null-Bock-Tag. Eigentlich mag ich solche Tage nicht, weil ich mich dann immer langweile und nicht weiß, was ich dagegen unternehmen kann, hab dann nämlich nie Bock was zu machen, was ich machen könnte. Aber heute ist der Null-Bock-Tag ganz angemessen.

Ich fühle mich wahnsinnig erwachsen, weil ich gerade das Wort „angemessen“ benutzt habe. Das benutzt sonst nämlich nur Mutter. Letzen Freitag schrieb sie mir auf Whats App, dass eine Entschuldigung angemessen wäre. Aber da hatte ich gerade auch einen Null-Bock Tag, deshalb hab ich ihr nicht geantwortet. Ist ja auch erwachsen, nicht unüberlegt irgendwas Zickiges zurückzuschreiben. Macht Mutter auch nie. Wenn ihr was nicht passt, ignoriert sie mich. Jetzt ignoriere ich sie zurück. Klappt ganz gut, aber das Monatsende steht vor der Tür. Fast würde ich mir Sorgen machen, hoffentlich überweist sie das Kindergeld trotzdem, würde ich denken, aber heute ist Null-Bock Tag, da denke ich nicht über existentielle Probleme nach.

Am Schreibtisch dudelt Spotify. Mich könnte die Musik nerven, wenn mich nicht die Geräusche vom Hinterhof mehr nerven würden. Im Hinterhof ist wieder eine der Lesben von Nebenan. Nicht die Dicke mit der Glatze und den Schlabbersachen, deren Stimme ist nicht ganz so schrill, wenn sie brüllt. Nein, seit einer halben Stunde plärrt die dürre, alte, ihre Lebenspartnerin mit dem grauen Igelschnitt und den Schlabbersachen ihre Hunde an.

Ich hab nichts gegen Lesben, ich bin sogar mit einer befreundet und finde Vielfalt toll. Schlabbersachen trag ich gerade auch, ich bin jung und darf das, aber – und natürlich muss ein „aber“ jetzt kommen, das kennt man ja:

Aber vor allem habe ich keine zwei Labradore, einen schwarzen und einen braunen, die ständig bellen. Wenn ich zwei Labradore hätte, würde ich mit denen spazieren gehen, irgendwo ins Grüne, wo sie scheißen können und ich nicht mit einer Tüte in der Hand ihre Hinterlassenschaften aufsammeln müsste.

Die Lesben machen das nie, wenn es warm draußen ist und ich das Fenster geöffnet habe, weil es sonst zu warm drinnen ist, duschen sie die Hunde mit dem Gartenschlauch im Hinterhof ab. Die Hunde bellen, die Frau plärrt und alles kommt durch den Backsteintrichter der umgebenen Häuser doppelt so laut in mein Zimmer und stört mich beim Kein-Bock-Tag. „Pssscht. Hört auf damit. Hört auf zu bellen, RUUUHE!“, brüllt sie immer. Voll nervig.

Eigentlich wollte ich grad ein Foto von der Szene machen, natürlich unscharf, hab ich mir genau überlegt: Ein Mosaik über das Gesicht der Frau und die Hundeköpfe, damit niemand weiß, wer mich auf die Palme bringt. Aber das Akku meiner Kamera ist alle, die hat vermutlich auch keinen Bock (auf mich oder auf die Frau? Egal, Nachdenken ist heute nicht drin.)

Ich hab auch schon mal überlegt, zurückzubellen. Aus dem Fenster heraus, („Hallo, das stresst mich schon seit fast 3 Jahren an meinen Kein-Bock-Tagen!“) und dann schnell unter dem Fensterbrett, hinter der Heizung verstecken. Hab auch drüber nachgedacht, mal der Dürren mit den Schlabbersachen zu sagen, dass ihre schrille Stimme noch anstrengender ist, als das Hundegebell. Etwas leiser wäre angemessen, wie Mutter sagen würde. Aber dann heißt es nachher, ich habe was gegen Lesben und ich möchte nicht so angeplärrt werden, wie ihre Hunde. Außerdem hab ich keinen Bock, wie meine Mutter zu klingen.

„Nein, Du bist die Heldin des Tages“ hat mir vorhin am Telefon ein fremder Mann gesagt. Ich könnte jetzt die Hintergründe erklären, Fusion Mitfahrgelegenheit und Ticketlieferservice und Connection-Fähigkeit und so, aber heute ist kein Bock Tag, deshalb lasse ich den Satz einfach so stehen, ist doch ein gutes Ende:

Nein, Du bist die Heldin des Tages.

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