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Sonntagskolumne 04/16

DAS SPIEL

Wir sitzen in der Straßenbahn. Draußen knallt die Sonne, im Inneren der Straßenbahn herrschen locker 35 Grad. Die Luft lässt sich schneiden, es riecht nach Schweiß, Sonnencreme und Käsefüßen. Doch das scheint S. nicht vom Nachdenken abzuhalten. “Was ist los?” frage ich ihn. S. wiegt den Kopf hin und her, als würde er abwägen, ob er mit der Sprache rausrücken soll oder nicht. “Los, sag schon. Worüber denkst du nach?” Auf seiner Stirn glitzern Schweißperlen, ich frage mich, ob es an der Hitze liegt, oder an dem angestrengten Grübeln.  Ich ziehe die Augenbrauen hoch. “Also?”

S: “Ich mag dich. Sagt man das so, oder ist das falsch?” Ich stutze. Diese Frage hat S. ernsthaft die letzten zehn Minuten bewegt? Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich bejahe. Jetzt grinst auch er und rempelt mich leicht an. “Nee, nee, achwas, je ne suis pas bête, Josephine. Also, man!” Die anderen Fahrgäste schauen zu uns herüber. Eine zerknittert aussehende Omi schüttelt den Kopf. Plötzlich wird S. wieder ganz ernst.

Weißt du, in Französisch sagt man immer “Je t’aime”, aber in Deutschland geht das nicht, oder? Letzte Woche habe ich mit einer Bekannten geredet und gesagt: “Ich mag dich”, dann hat sie nicht mehr mit mir geredet.”

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Erst jetzt verstehe ich, worauf er hinaus will. Ich seufze laut, da ich ahne, dass mich das folgende Gespräch mal wieder an die Grenzen meiner Erklärungsmöglichkeiten bringen wird. Vor drei Monaten hatten wir das Thema schon Mal. Damals meinte er, dass es in Burkina Faso viel leichter wäre: Wenn man sich sympathisch ist, sagt man das vollkommen direkt und ehrlich dem Gegenüber und kann eine direkte und ehrliche Antwort erwarten. “Du musst dir und ihr Zeit lassen, wenn dir jemand sympathisch ist. Erstmal sich Kennenlernen, nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen, weißt du?”, habe ich ihm damals gesagt. “Aber wie soll ich mir Zeit lassen, wenn ich nicht mal die Chance zum Kennenlernen bekomme?”, fragt mich er heute.

Scheinbar kann man hier nicht durch direkte Ehrlichkeit jemanden kennen lernen. Dabei wird “Ehrlichkeit” als Eigenschaft bei der Partnerwahl in Beziehungsratgebern, Umfragen und persönlichen Gesprächen so oft genannt. Vollkommen logisch, wer möchte schon von seinem_seiner Partner_in belogen werden? Ehrlichkeit ist die Beziehungsgrundlage schlechthin, ohne Ehrlichkeit kein Vertrauen. Das ist nichts Neues, auch nicht für S.

Wann ist Ehrlichkeit zu viel? Warum kann ein “Ich mag dich” auf Ungläubigkeit, Ablehnung oder gar Ignoranz stoßen? Vielleicht sind es (rassistische) Vorurteile, oder generelle schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit, vielleicht auch nur Unsicherheit. Oder hat es mit Ehrlichkeit gar nichts zu tun, sondern nur mit der direkten Art? Mir schwirrt der Kopf. Auf einen hilfreichen Tipp wartet S. noch immer, ich kann ihm ja nicht mal erklären, woran es liegt.

Das ist halt das Spiel. Die generellen Regeln kennst du schon, der Rest ist Glück”, sage ich entschuldigend. “Frauen hier haben kein Vertrauen, alles ist so kompliziert”, sagt S.

Ich scheue mich vor Verallgemeinerungen, aber ja, kompliziert ist es.

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Kleine Französisch-Lektion am Rande: Im Französischen bedeutet “Je t’aime” je nach Kontext etwas anderes: Zum einen das für viele offensichtliche “Ich liebe dich” – zum anderen aber auch “Ich mag dich” im freundschaftlichen Sinne von “Ich kann dich gut leiden”. Die Schwierigkeit von S. hab ich im umgekehrten Sinne auch, wenn ich jemandem auf französisch “Ich mag dich” sagen möchte, weil ich Angst vor Missverständnissen habe. Stattdessen habe ich mir Alternativen überlegt, um die Mehrdeutigkeit der Worte zu umgehen: “Tu es très sympa” oder “Tu es très gentil” (Du bist sehr sympathisch/freundlich/nett)

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