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Zwischen Weggehen und Ankommen

Seit 3 Wochen ist Leipzig mein Zuhause, doch so fühlt es sich noch nicht an. Eine kleine Bestandsaufnahme:


So richtig angekommen bin ich noch nicht„, sage ich meistens, wenn Leute mich fragen, wie es so ist.

Nach der kurzen Zeit ist das auch kein Wunder„, sagen die Meisten und denen würde ich am Liebsten glauben, wenn ich mich nicht zu sehr über die Antworten der Minderheiten ärgern würde.

Pah, Hypezig, du hast Halle im Stich gelassen„, sagen viele Hallenser. Auch Leute, die meine Freunde sind. Bevor ich umgezogen bin, wollten sie alle jeden Tag hier herkommen und mich besuchen, jetzt schreiben wir nicht mal mehr täglich.

Pah, du bist Hallenser„, sagen Leipziger mit abschätzigem Blick – in der Straßenbahn, an der Haltestelle, am Bahnhof, in der Bar. Ich fühle mich beobachtet, ein Fremdkörper in einer Stadt, die ich erst noch kennenlernen muss. Leipzig und ich, wir sind noch nicht per Du. Vielleicht liegt es aber auch nur am Herbst.


In meinem Wohnhaus ist es spießiger, als es in Halle war, hier wohnen mehr Menschen. Auf meiner Etage wohnt ein Autor, das habe ich herausgefunden, als ich mich ausgesperrt hatte und er mir beim Einbrechen in meine eigene Wohnung geholfen hat. Mittlerweile kenne ich drei Varianten, wie ich in die Wohnung reinkomme, wenn der Schlüssel noch drinnen liegt. Heimischer fühlt man sich dadurch aber noch nicht.

In der Etage über mir wohnt C. in einer Zweierwg mit ? (ich habe ihren Vornamen vergessen). Sie habe ich im Hausflur kennengelernt, sie hat geholfen, den schweren Grafikschrank hochzutragen, dann kam sie zum Essen vorbei. Jetzt gehen wir zusammen klettern und leihen uns gegenseitig Dinge aus, die unsere Wohnungen nicht hergeben. Sie ist auch neu in der Stadt.


Ich suche verzweifelt nach einem neuen Stammcafé. Hier gibt es nur Nichtraucherlokalitäten, muss ich nach den ersten Versuchen feststellen. „Vielleicht auch gut, um gesünder zu leben„, denke ich dann und versuche optimistisch bei der Suche zu bleiben. Ein kleines Café in Connewitz taucht dann auf der Spielfläche auf. „Gasthaus Barrabas, Vergebung“ heißt es. Buckeliger, schräger Wirt, überall Kerzenständer auf großen Tischen. Wohnzimmercharme. Viele Pflanzen, die von der Straße den Anschein erwecken lassen, es handele sich um ein Blumengeschäft. Wenn man ein Glas Wein bestellt, wird einem ein leeres Glas und eine volle Flasche hingestellt. „Aber ich wollte doch nur ein Glas?“, frage ich verunsichert. Der bucklige Wirt winkt ab. „Trink soviel du willst und dann gucken wir nachher.“ Mein Herz geht auf. Schade nur, dass es zehn Minuten Radweg sind, ich bin verwöhnt von meiner alten Kleinstadt.

In unmittelbarer Nähe ist nichts Vergleichbares, was meinen Vorstellungen von einem neuen Stammcafé entsprechen könnte. Endlich verstehe ich das Wort Gentrifizierung. Zufrieden mit der Wohnlage bin ich trotzdem, überall kommt man fast gleich schnell hin, auch wenn alles prinzipiell weiter weg ist, als in Halle. Beim Fahrradfahren brauche ich noch das Navi, die Zeit stoppe ich zusätzlich, um in meinem Kopf eine ungefähre Vorstellung von der Stadt zu bekommen. 10 Minuten in den Osten, 10 Minuten in den Westen, 5 in den Süden, 5 in die Mitte, 15 in den Norden. Autofahren vermeide ich noch.


Kurz bevor ich aus Halle weggezogen bin, bekam ich große Angst vor dem Gefühl, alleine in einer Stadt zu sein. In Halle kennt man sich, egal, wohin man geht, immer trifft man auf bekannte Gesichter. Man weiß, zu welcher Veranstaltung die Freunde gehen werden, ohne vorher mit ihnen zu sprechen. Diesen Dorfcharakter nicht mehr zu haben, ängstigte mich. Umso mehr erfreute ich mich über die zwei zufälligen Begegnungen in der neuen Stadt: In einer Bar im Osten habe ich Louise Kenn getroffen, auch eine Poetry Slammerin. Am Wilhelm-Leuschner Platz eine Kletterbekannte aus Halle. In Leipzig gibt es also auch Zufallstreffer, ich bin beruhigt.

Ein neuer Bekannter stimmt mich  nachdenklich. „Ich habe mich auf die größere Anonymität gefreut“, gibt er zu. Wir reden über die Vor- und Nachteile, es ist eine Diskussion, die ich mit mir selbst noch nicht geführt habe. Es hilft. Die Angst geht weg.

Im Laufe der ersten zwei Wochen musste ich zudem feststellen, dass mehr mir bekannte Menschen in Leipzig wohnen, als zuvor angenommen. Da sind M. und M. (hihi), ein sympathisches Paar zum Kuchen essen, S., meine Ex-Kommilitonin, die ich seit sie nach Leipzig vor über einem Jahr zog, kaum noch gesehen habe, J., die KGB-Mitstreiterin, die zeitgleich mit mir in diese Stadt gezogen ist, ferner noch acht Leute aus der Slamszene, die ich mehr oder weniger gut kenne.


Als mich am Küchentisch dennoch wieder die Ängste vor dem Unbekannten, dem Neuen, der Veränderung überrollen, werde ich in den Arm genommen. „Stell es dir wie auf einer Reise vor. Als erstes brauch man ein Dach über dem Kopf, einen Rückzugsort und man muss die grundlegenden Bedürfnisse stillen. Erst dann kann man sich um alles andere kümmern.“ 

Der gar nicht so abwegige Vergleich mit einer Reise lässt mich nicht mehr los. Veränderungen, wie der Umzug in eine neue Stadt, sind unbequem. Ich habe keine Routine, alles ist irgendwie neu und fremd, permanent schwingt das Gefühl des Verloren-Seins mit. Die banalsten Dinge, wie den Weg zum Supermarkt finden, Abwaschen oder den Tagesablauf planen, fühlen sich neu und anders an. Doch bei einer Reise ist das nie ein Problem, sondern ein wunderbares Abenteuer. Genau das ist es doch, was ich gerade in Leipzig erlebe. Der Unterschied zu einer Reise ist bloß die Gewissheit, dass kein Abreisetermin bevorsteht, wenn es gerade anfängt schön zu werden.

Published inLebenSchreiben

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