Zum Inhalt

KATEGORIEN

Der Grinch in mir (1/2)

Christmasy xmas style tree decoration

Ich habe mir vorgenommen, einen Text über Weihnachten zu schreiben. Dann ist mir aufgefallen, dass das viel schwerer ist, als ich erwartet habe. Weil ich nämlich Weihnachten hasse. Ich bin zwar nicht grün und habe auch nicht an den unmöglichsten Körperstellen einen übermäßigen Haarwuchs, aber dennoch wohnt tief in meinem Innersten ein kleiner Grinch.

Als ich das im Stammcafé meinen Freundinnen Sandra und Annabell erkläre, schauen sie mich erschrocken an. „Wisst ihr, der Mist geht doch schon im September los. Wenn in jedem kommerziellen Supermarkt pünktlich zum Herbstanfang Lebkuchenherzen, Kräuterprinten, Pfeffernüsse, Dominosteine und Schokoladenweihnachtsmänner im Sonderangebot sind. Da trage ich noch meine Sommerjacke und komme noch nicht mal auf die Idee, Winterspeck anzufuttern. Im Ernst – wer kauft denn sowas?“, frage ich in die Runde. Annabell schlürft an ihrem Winterpunsch und schweigt verlegen, wie immer, wenn ich was Kluges sage. Sandra aber, die vorlaute Sandra, setzt dann doch zum Reden an.

„Im September sind die Weihnachtsleckereien doch am frischsten, deshalb werden sie so früh angeboten.“ Ich frage mich, warum Sandra überhaupt meine Freundin ist, wenn sie mir immer widerspricht und meine Intelligenz anzweifelt.  Ich werfe ihr einen bösen Blick zu. Den ignoriert sie. „Naja, weißt du, das ist, weil die Firmen zur eigentlichen Weihnachtszeit Überstunden abbummeln und deshalb keine frische Ware mehr produziert wird.“ Ihre Erklärung klingt nicht besonders weihnachtlich und befriedigt damit den Grinch in mir, sodass ich davon absehe, sie für ihre Aufmüpfigkeit fertig zu machen.

Stattdessen wende ich mich dem nächsten Punkt auf meiner Weihnachtshass-Liste zu: Geschenke. Als Student habe ich nicht mal genug Geld, um meinen Alkoholpegel dem inneren Gemütszustand anzupassen, wie soll ich da gute Geschenke machen. Eine Flasche Wein für 2 Euro ist unkreativ und schmeckt scheiße und wenn ich jedes Jahr geschnitzten Christbaumschmuck aus dem Erzgebirge anschleppe, braucht meine Familie bald zwei Weihnachtsbäume, um meine Geschenke nicht auf dem Dachboden verstauben zu lassen. Wieder ist es Sandra, die mir widerspricht. „Es geht doch nicht unbedingt um den finanziellen Wert! „Ja, ja, Sandra, du Heuchlerin. Du weißt selbst, dass gute Geschenke einen wichtigen Teil dazu beitragen, die Familie weiterhin deinen verschwenderischen Lebensstil finanzieren zu lassen!“ Ich habe das Gefühl, dass mein Teint langsam grün wird, wahrscheinlich gewinnt der Grinch in mir an Macht. Sandra hingegen wird rot. „Sicher sagt auch deine Verwandtschaft, dass sie sich über was Selbstgemachtes am meisten freut.“, sagt Sandra leise.

Vor mehr als einem Jahrzehnt kann das gestimmt haben. Damals waren sie mir aber auch viel wohlwollender gestimmt:

„Oh, schau mal! Josephine hat gelernt, mit Papier und Kleber umzugehen und die fast fertige Vorlage ihrer Grundschullehrerin unter Anleitung zu beenden. Und auf dem Bild da, das du gemalt hast, das ist bestimmt ein Tannenbaum, oder Phinchen?“

„Nein, Tante Kathrin, das ist der Weihnachtsmann, der mir viele Geschenke bringt, weil ich ein liebes Kind war, siehst du?“

Grinch Beweisfoto, 2001
Grinch Beweisfoto, 2001

Die Erinnerung an das Weihnachtsfest 1999 schmerzt noch immer.

Ich versuche mir die emotionale Regung nicht anmerken zu lassen und bleibe sachlich. „Sandra, wenn man als Mittzwanziger hässliche Papiersterne bastelt und Bilder malt die niemand versteht, erntet man nur mitleidige Blicke. Wenn ich Grundschullehramt studieren würde, wäre Basteln natürlich was anderes.“ Plötzlich meldet sich Annabell mit einem entrüsteten Schnaufen zu Wort. „Wir basteln nicht nur in unserem Studium!“, sagt sie.

 

Annabell war schon immer empfindlich und wird das folgende nicht verkraften, aber wenn sie sich in diese Diskussion unbedingt einmischen will, bekommt auch sie ihr Fett weg. „Stimmt, obendrein ihr lernt auch, euren Namen zu tanzen, schon klar“, tue ich ihr Argument ab und fahre fort: „Zusammenfassend: gute Weihnachtsgeschenke zu kaufen, die das Budget nicht sprengen und dennoch kreativ sind: unmöglich. Also enttäusche ich eigentlich jeden zur Geschenkzeit, weil ich arm, faul und unkreativ bin. Und überhaupt, das mit dem Schenken kommt nur vom Weihnachtsmann und den Weihnachtsmann gibt es doch eh nicht, der ist ein PR-Gag von Coca Cola!“ Annabell ist den Tränen nahe. Verständlich, als angehende Grundschullehrerin muss sie an den Weihnachtsmann glauben, sonst wirkt sie später nicht authentisch, wenn sie mit ihrer Gitarre Weihnachtslieder singt, während ihre Grundschüler mit Schere und Kleber bewaffnet ihre Papiersternvorlagen bearbeiten.

Sandra wächst plötzlich über sich hinaus. „Ganz ehrlich: Du machst dir was vor und das weißt du auch. Abgesehen davon, dass der Geist von Weihnachten nicht in materiellen Dingen existiert, ist der Weihnachtsmann schon lange nicht mehr bei Coca Cola angestellt. Der Weihnachtsmann ist nämlich vom vielen Cola trinken schon immer stark übergewichtig gewesen und dann, noch vor deiner Geburt, wurde er obendrein Diabetiker. Das war dann der Tropfen, der (äh) die Colaflasche zum Überlaufen brachte. Damit hatte er einfach genug von der Ausbeutung des riesigen Konzerns und gründete sein eigenes Start-Up. Die Gewerbesteuerfreiheit des Nordpols begünstigte seine Selbstständigkeit und so ist er schon seit vielen Jahren unabhängig von irgendwem!“ Die letzten Worte spricht Sandra so laut aus, dass sich die Gäste an den Nachbartischen irritiert zu uns wenden.

Ich funkele die fremden Augenpaare an und wende mich dann wieder an Sandra. „Das ist die schlechteste betriebswirtschaftliche Lüge, die ich jemals von dir gehört habe. So engagiert habe ich dich während deines gesamten BWL-Studiums noch nie argumentieren erlebt.“ An unserem Tisch herrscht eisige Stille. Ich suche nach giftigen Worten, die ich noch hinterher schieben kann. Annabell will den Moment meines Nachdenkens nutzen, um ihre Streitschlichterfähigkeiten einzusetzen und startet den Versuch, mich freundschaftlich zu umarmen. Der Grinch in mir schreit auf und ich verlasse fluchtartig das Stammcafé. „Ich weiß, dass du Weihnachten eigentlich magst. Du weißt es noch nicht, aber mach dir keine Sorgen, bald wirst du es merken.“, ruft Annabell mir hinterher und umarmt dann liebevoll Sandra.

(Die Fortsetzung folgt in exakt einer Woche)

Published inSchreiben

Schreibe den ersten Kommentar

Kommentar schreiben:

Close
%d Bloggern gefällt das: