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Der Grinch in mir (2/2)

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(Den ersten Teil der Geschichte kannst du hier nachlesen)

An unserem Tisch herrscht eisige Stille. Ich suche nach giftigen Worten, die ich noch hinterher schieben kann. Annabell will den Moment meines Nachdenkens nutzen, um ihre Streitschlichterfähigkeiten einzusetzen und startet den Versuch, mich freundschaftlich zu umarmen. Der Grinch in mir schreit auf und ich verlasse fluchtartig das Stammcafé. „Ich weiß, dass du Weihnachten eigentlich magst. Du weißt es noch nicht, aber mach dir keine Sorgen, bald wirst du es merken.“, ruft Annabell mir hinterher und umarmt dann liebevoll Sandra.

Auf dem Nachhauseweg denke ich an all die vergangenen Weihnachtsfeste. An die von vor vielen Jahren, als mein Vater für mich der authentischste Weihnachtsmann der Welt war und das Weihnachtsfest noch Spaß machte. An die Weihnachtsfeste, an denen ich mich mit meinen Eltern stritt, weil ich lieber zur Christmas-is-dead-Party wollte, als mich beim Weihnachtsessen zu langweilen. An all die Socken, die ich nicht haben wollte und an all die Momente, in denen ich übertrieben Freude über unnütze Geschenke vortäuschen musste. Und dann denke ich an die letzten Weihnachtsfeste, an denen ich mehr im Zug saß und gestresst von einem Termin zum nächsten hetzte, und mich schon der Gedanke an die wartende Familie daheim in Schweiß ausbrechen ließ. Der Grinch tröstet mich, „Weihnachten is halt scheiße“, murrt er. Ich nicke.

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Und dann, als ich am gerade schließenden Weihnachtsmarkt vorbeilaufe, auf dem nur noch drei Betrunkene fürchterlich schief „Dschingelbells“ singen, passiert das Wunder. In der Luft hängt ein schwacher Duft von gebrannten Mandeln, Grünkohl und Erbrochenem, als mir der riesige, aufgeblasene Plastikweihnachtsmann über dem Glühweinstand zuzwinkert. Ich blinzele. Hat er wirklich gezwinkert? Der Plastikweihnachtsmann nickt und winkt mich heran.

„Wasnlos?“, frage ich zerknirscht. „Ho, ho, ho!“, sagt er. „Ach, was! Lass dir mal was Neues einfallen, dicker alter Mann!“ „Das ist nur Luft“, entschuldigt er seinen Bauchumfang und drückt die Plastik ein bisschen ein. Ich zucke mit den Schultern und will weiter gehen. „Warte mal, ich wollte dir nur sagen, dass du Recht hast.“ Der Grinch in mir horcht auf. „So, so.“, sage ich, „Das ist doch ein billiger Trick, um mich von Weihnachten zu überzeugen, oder?“ Der Plastikweihnachtsmann kichert und bläst sich noch ein bisschen größer auf. „Nee, hast voll Recht, ich schließe mich voll deiner Meinung an. Früher wars vielleicht mal cool, aber langsam bin ich zu alt für den Scheiß.“ „Schön für dich“, sage ich. Mir doch egal, was der Weihnachtsmann denkt. Nur, weil wir einer Meinung sind, müssen wir ja nicht gleich Freunde sein. Ich ziehe meine Kapuze ins Gesicht und wende mich von ihm ab.

Sandra und Annabell kriegen dieses Jahr keine Geschenke!“, ruft er mir hinterher. Ich erstarre. Jetzt hat er mich. „Wieso?“Das müsstest du doch selbst wissen! Annabell will bei der Bundestagswahl die AfD wählen …„WAS?“ Der Weihnachtsmann ignoriert meine Nachfrage und fährt gelassen fort: „… deshalb hoffe ich, dass sie diese Aktion umstimmen wird. Und naja, Sandra, die studiert halt BWL.“  Ich würde den Weihnachtsmann gerne umarmen, wenn er nicht zwei Meter über mir auf dem Glühweinstand stehen würde. Plötzlich kriege ich Angst. „Und was ist mit mir? Kriege ich Geschenke?“ Der Weihnachtsmann zuckt mit den Schultern. „Wenn du willst, kannst du die Geschenke von den beiden haben. Aber nur, wenn das unter uns bleibt“, sagt er und zwinkert. „Deal!“, rufe ich. „Deal!“ ruft der Grinch in mir.

Mit der Gewissheit, Geschenke zu kriegen, laufe ich mit dem Grinch Hand in Hand nach Hause. Und unweit im Stammcafé spürt Annabell, die ihre Wahlpräferenz noch überdenken wird, ein warmes Kribbeln im Bauch. Das warme, befriedigende Kribbeln, das Grundschullehrer immer haben, wenn ihre Prophezeiungen wahr geworden sind.

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