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Jahresendansprache – kein Rückblick, bitte.

Alle Fragen mich immer, was ich mit meinem Politikwissenschaftsstudium machen kann. Das frage ich mich auch, deshalb bin ich fortwährend auf der Suche nach einer Antwort. Kein studienbezogenes Insiderwissen ist, dass klassischerweise von der Bundeskanzlerin eine Neujahrsansprache kommt. Da ich auf einer anderen Ebene nicht minder so wichtig wie Merkel höchstpersönlich bin, versuche ich mich jetzt mal an einer Jahresendansprache (oh, Substantivkombinationen sind schön).

silvester

Liebe Mitleserinnen und Mitleser,

lassen Sie mich eins feststellen:

Jahresrückblicke sind überflüssig und langweilig.

Jahresrückblicke sind wohl die überflüssigste Erfindung nach elektrischen Dosenöffnern. Wenn man ein halbwegs vernünftiges Erinnerungsvermögen hat, bleiben einem die schönen Momente des Jahres erhalten. An die schlimmen Momente will man in der Regel nicht noch einmal erinnert werden und die unbedeutenden werden nicht ohne Grund vergessen. Und dennoch drängen uns soziale Medien unseren persönlichen Jahresrückblick auf.

Das zum Beispiel, liebe Mitleserinnnen und Mitleser, ist mein Instagram-Jahresrückblick. Darauf sieht man die neun Bilder, die am meisten Likes bekommen haben. Wenn Sie ihr Leben auch so wahnsinnig spannend finden und dennoch unschlüssig sind, welche Bilder in diesem Jahr besonders geil waren, können Sie auf 2016bestnine.com ihre eigenen neun Instagrambilder mit den meisten Likes in Form einer solchen Collage generieren lassen, sie ausdrucken und auf den Nachtschrank stellen.

Schmerzlich muss ich bei meiner Auswahl feststellen, dass mehr als die Hälfte der erfolgreichen Bilder Naturaufnahmen sind, dafür nur drei (nicht mal besonders gute) Selfies diese Best-Of-Collage zieren. Dann ist da obendrein noch ein Bild aus dem wunderschönen Kalifornien, das entstanden ist, bevor Trump Präsident wurde. Und ich sitze jetzt hier im dunklen, kalten Deutschland und vermisse die unbeschwerte Zeit am Jahresanfang, als die Welt noch fast in Ordnung war. Aber ich möchte Sie nicht mit meinen bemitleidenswerten Fernweh-Gedanken belästigen, sondern mich wieder künstlich über Jahresrückblicke aufregen und ein weiteres Beispiel bringen.

Auch Spotify hat sich dem Trend eines Jahresrückblicks angeschlossen und für jeden User eine individuelle Playlist erstellt. Darin finden sich die Top-Tracks aus dem Jahre 2016, die, laut Spotify, „du dieses Jahr besonders gefeiert hast“. Was auch immer das heißen mag, das hier ist meine Playlist:

Wahrscheinlich sind wir uns auch alle einig, dass das nun fast vergangene Jahr vor allem negative Schlagzeilen gemacht hat. Prominente sterben wie die Fliegen, sodass man in den sozialen Netzwerken mit „R.I.P. [namen Einfügen] [trauriger Smiley]“ – Posts gar nicht mehr hinterher kam. Und auch die Leute, die sich auf Facebook über RIP-Facebookposts aufregen, kamen mit dem aufregen nicht mehr hinterher. Machen wir es also kurz:

2016 is a bitch.

Wenn Sie mich fragen, wie ich bereits heute die historische Tragweite der letzten zwölf Monate beurteile: Es wird das Jahr sein, indem Rechtspopulismus in Europa wieder salonfähig geworden ist. Das Jahr, an dem bei einer Wahl ansatzweise deutlich wurde, welchen Einfluss Big Data nehmen kann. Das Jahr, in dem eine unberechenbare Witzfigur zum (zweit)mächtigsten Mann der Welt gewählt wurde. Das Jahr, in dem der mächtigste Mann der Welt angeblich nicht mehr der amerikanische Präsident ist. Sondern Putin.

Um es mit dem Wort des Jahres 2016 kurz zu machen: Vorüber ist nun das Jahr, in dem die postfaktischen Zeiten begannen. Ich mag das Wort mehr, als die Umstände, unter denen es entstand.

Natürlich ist diese Sicht auf das Jahr besonders schwarzmalerisch, schimpfen ist bekanntlich leichter als das Gute zu suchen. Außerdem ist dies kein Jahresrückblick, sondern eine Jahresendansprache. Dem verschwindend geringen Teil unter Ihnen, der jetzt traurig sein sollte, weil es von meinem Jahr keinen persönlichen Rückblick gibt, sei gesagt:

Liebe Groupies und Stalker,

nur für Sie schreibe ich jeden Monat einen Monatsrückblick. Für das Jahr 2016 stehen Ihnen somit hier sämtliche zurückgeworfenen Blicke in Form von 12 Blogposts zum Nachlesen zur Verfügung.

Also das mit den komplizierten Sätzen kann ich, sogar noch schlimmbesser, wenn ich mir mehr Mühe mache. Aber die würde ich mir erst machen, wenn ich Bundeskanzlerin wäre. Wer übrigens die letzte Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin sich jetzt nochmal reinziehen möchte, bevor die neue kommt: Hier entlang.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen gemeinsam eine wunderschöne Silvesterfeier ohne Kater danach und verabschiede mich,

bis zum nächsten Jahr.

Josephine von Blueten Staub

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Published inLebenSchreiben

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